Austausch-Log Zimmertausch in Peking

Mal lebt Austauschschüler Gregor Haidl, 16, in teuren chinesischen Villen, mal im kargen Wohnheim. Ausflüge sind unerwünscht: Um die Schule zu verlassen, braucht Gregor einen Passierschein - und den bekommt man nur mit einem guten Grund.


Meine Gastfamilie ist sehr reich für chinesische Verhältnisse. Sie besitzt zwei Häuser, eines davon ist nur zehn Minuten von meiner Schule entfernt. Beide Häuser sehen teuer und wenig chinesisch aus und liegen auf abgeschlossenen, bewachten Wohngeländen. Es gibt amerikanische Möbel, westliche Badezimmer, große europäische Autos.

Austauschschüler Gregor: Mehr Englisch als Chinesisch

Austauschschüler Gregor: Mehr Englisch als Chinesisch

Als ich am ersten Tag über Deutschland erzählen wollte, konnte ich wenig Neues berichten. Alle Familienmitglieder waren schon oft in Deutschland, mein Gastbruder sogar schon zehn Mal. Obwohl ich vor fünf Jahren selbst schon einmal in China gewesen bin, hätte ich das nie erwartet. Alle sind sehr gastfreundlich und nett, sie sprechen sehr gut Englisch - mehr als mir lieb ist. Zwischenzeitlich sprach sogar die Mutter mit ihrem Sohn nur Englisch, um es mir leichter zu machen. Ich kam mir vor wie ein persönlicher Englischlehrer.

Kein Chinese mag Kuchen

Ins Gespräch zu kommen war am Anfang trotzdem nicht leicht. Ich besuche die Familie nur am Wochenende und wohne sonst in der Beijing Highschool No. 80. Deswegen lernen wir uns nur langsam kennen. Sitzt man dann am Wochenende zusammen, gibt es immer den Moment, in dem die Familie das Interesse verliert und aufhört, sich mit einem zu unterhalten - man kann ja nicht ewig quatschen. Ich lese dann meistens, aber irgendwann wird mir doch langweilig.

Schulcampus in Peking: Ausflüge nur mit Erlaubnis
Gregor Haidl

Schulcampus in Peking: Ausflüge nur mit Erlaubnis

Zuhause würde ich mich mit Freunden treffen oder so. Aber hier kann ich die Familie ja nicht direkt beim zweiten Besuch fragen, ob ich allein in die Stadt fahren darf. Sie würden das doch als Abgrenzung verstehen. Aber alles wird sich bestimmt verbessern, je mehr sich alle aneinander gewöhnen. Neulich hatte die Oma Geburtstag. Wir sind in der "Golden Resources Mall", dem größten Einkaufszentrum der Welt, Essen gegangen. Dort gibt es mehr als 1000 Geschäfte. Viele chinesische Verwandte sind gekommen, es gab einen richtigen Geburtstagskuchen. Normalerweise mögen Chinesen keinen Kuchen. Er ist ihnen einfach zu süß. Doch es ist schick, sich wie Menschen in westlichen Ländern zu verhalten. Deshalb essen sie Kuchen und trinken dazu Kaffee statt Tee.

Ausflüge nur mit Passierschein

Die Schule ist riesig und viel besser ausgestattet als meine Schule in Deutschland. Jeder Klassenraum hat einen Video-Beamer und einen Computer mit Internetanschluss. Mein Zimmer ist dafür sehr bescheiden. Ich teile es mir mit De You. Er ist 17 Jahre alt und kommt aus Südkorea. Auch De You spricht sehr gut Englisch, deshalb haben wir keinerlei Verständigungsprobleme. Fast hätte ich es aber besser gefunden, wenn er nur Chinesisch sprechen könnte. Das hätte meinem Chinesisch bestimmt gut getan.

Unser Zimmer ist sehr funktionell eingerichtet: zwei Betten, zwei Schreibtische. Es gibt eine winzige Toilette (ein Luxus im Vergleich zu anderen Schulen) und einen kleinen Raum mit Waschbecken. Dieser Raum funktioniert gleichzeitig als "Dusche": Ein Brausekopf an einem Schlauch spritzt wild umher und verteilt das Wasser in alle möglichen Richtungen.

Das Schulgelände dürfen wir nicht ohne Erlaubnis verlassen. Einen Passierschein für einen Ausflug zu bekommen ist kompliziert, denn ich brauche dafür die Erlaubnis von mehreren Lehrern und muss oft 20 Minuten hin- und hertelefonieren.

Der Vorgang läuft wie folgt ab: Ich brauche einen triftigen Grund, warum ich das Gelände verlassen will. Den trage ich der zuständigen Wohnheim-Aufsicht vor. Sie telefoniert mit der zuständigen Lehrerin im "International Department". Dort muss ich mich dann persönlich mit meinem Ausflugswunsch vorstellen.

Wenn alles gut läuft, telefoniert die Lehrerin wieder mit der Wohnheim-Aufsicht, die mir dann einen Passierschein über ein paar Stunden für eines der Tore ausstellt - und ich darf endlich raus in die große Stadt.

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