Austausch-Log Malaysia Du Tarzan, ich Jana

Ob im Urwald oder im Hochhausdschungel, Jana Reyer, 17, fühlt sich in Malaysia gut aufgehoben. Ihr Leben ist chaotischer als im bayerischen Heimatdorf, doch sie nimmt's gelassen: Denn warum sollten Pfannkuchen nicht auch mal pink und grün sein?

Jana Reyer

Freitagnachmittag, letzte Unterrichtsstunde. Während unser Deutschlehrer uns über die Ringparabel aus Lessings Drama "Nathan der Weise" aufklärt, ist es ungewöhnlich still im Klassenzimmer.

Rechts neben mir kritzelt Maybritt in ihr Heft, links neben mir macht sich Laura fleißig Notizen. Noch fünf Minuten bis zum erlösenden Schulgong. So interessant die Lektüre auch ist, kann mir doch bestimmt kein Lehrer übel nehmen, dass ich mich nach der stressigen Klausurenwoche besonders auf das Wochenende freue.

Drinnen Deutschland, draußen Malaysia

Doch diesen normalen deutschen Schulalltag hab ich nur im Klassenzimmer. Draußen sind es 30 Grad, statt Laubbäumen verschönern Palmen den Schulhof, und ein Blick aus dem Fenster zeigt den Schnellzug, der sich alle fünf Minuten zwischen riesigen Hochhäusern hindurchschlängelt. In den Pausen gibt es Roti statt Leberkäs-Semmeln.

Auf meiner neuen Schule bleibe ich nicht nur ein, sondern gleich zwei Jahre, zuvor habe ich schon ein Auslandsjahr in Japan verbracht. Die Deutsche Schule in Kuala Lumpur ist ganz anders als meine alte Kleinstadtschule im Herzen Bayerns. Trotzdem fühlt es sich so an, als würde ich hier schon seit Jahren wohnen. Die knapp 200 Schüler hier, vom Kindergarten bis zur Oberstufe, stammen aus den verschiedensten Ländern, und obwohl die Amtssprache Bahasa und die Unterrichtssprache Deutsch ist, wäre ich ohne Englisch aufgeschmissen.

Gerade mal zwei Monate ist es her, seit ich mich vollbepackt am Frankfurter Flughafen von meiner Familie und meinem alten Leben verabschiedet habe. Das Flugticket nach Kuala Lumpur sollte mich in ein Land bringen, von dem ich bis dahin nicht mehr wusste, als in jedem gewöhnlichen Reiseführer steht.

Schlangen im Regenwald

Mittlerweile weiß ich, dass Kuala Lumpur laut, bunt und sehr hektisch ist. Die Skyline ist atemberaubend, die chaotische Verkehrssituation hingegen erschreckend. Auch wenn es draußen sehr heiß ist, sind die meisten Gebäude gut klimatisiert. Es regnet viel, das Essen ist scharf und lecker. Kuala Lumpur ist ein kultureller Eintopf, sozusagen, aus chinesischer, indischer und malaiischer Kultur.

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Austausch-Log Malaysia: Was nehm' ich mit?
Zuhause ist immer was los, denn ich habe meine bayrische Dorfidylle gegen eine Mädchen-WG im 19. Stock mitten im Großstadtdschungel getauscht. Hier lebe ich zusammen mit den drei anderen Gastschülerinnen und unserer malaiischen Betreuerin und "großen Schwester", Jebbie. Wir könnten nicht verschiedener sein, aber wer hätte gedacht, dass unser Zusammenleben hier so viel Spaß machen würde? Neulich experimentierte Laura mit Lebensmittelfarbe und servierte uns pinke und grüne Pfannkuchen. Und wenn wir zusammen aufräumen, tanzen wir wild zu den Klängen des Rappers Cro.

Maybritt und ich haben außerdem unsere Musiklehrerin spontan zu einem Ausflug in den Regenwald begleitet. Umgeben von Spinnen, Schlangen und einer Menge Blutegeln schlugen wir uns stundenlang durch das Pflanzendickicht, probierten exotische Dschungel-Früchte, stießen auf Elefantenspuren und Riesentausendfüßler. Die Nacht verbrachten wir in Schlafsäcken in einer großen Höhle zusammen mit den Fledermäusen über uns, und geduscht wurde am nächsten Morgen im Fluss. Es war ein sehr aufregender und sehr anstrengender Trip. Wir nennen ihn unsere "Tarzan-Tage".

Austausch-Log: Die Autoren
Jana in Malaysia
Jana Reyer

Aus einem Dorf in der Oberpfalz reist Jana Reyer, 18, nach Malaysia und tauscht ihr heimisches Gymnasium gegen die Deutsche Schule in Kuala Lumpur. Zuvor hat sie bereits ein Jahr lang in Japan gelebt. Nun freut sie sich auf heißes Wetter, Tempel und Wolkenkratzer.

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Alina in Amerika
Daniel Noglik

Die Gymnasiastin Alina Buxmann, 16, reist aus einem niedersächsischen Dorf in die USA. Sie verlässt sich nicht darauf, was Filme und Bücher erzählen, sie will die amerikanische Kultur erleben. Auch wenn das bedeutet, auf ihre Lieben und deutsches Brot zu verzichten.

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Caroline in Frankreich
Caroline Körner

Caroline Körner, 15, tauscht ihr Gymnasium im hessischen Taunusstein für fünf Monate gegen eine Schule in Frankreich, 1200 Kilometer von zu Hause entfernt. Ihre Austausch-Erfahrungen notiert sie in ihrem Tagebuch und für den SchulSPIEGEL.

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Arzucan in Hongkong
A. Askin

Arzucan Askin, 17, kommt aus Berlin und hat bereits ein Austauschjahr in den USA verbracht. Als sich das Fernweh wieder meldete, bewarb sie sich an einer internationalen Schule in Hongkong. Im Internat des "United World College" wird sie für zwei Jahre leben.

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Vera in Brasilien
Vera Eirich

Vera Eirich, 15, besucht eigentlich ein Gymnasium im niedersächsischen Rhauderfehn. Ein Jahr geht sie in Brasilien zur Schule. Danach möchte sie eine echte Latina sein und ihre fünfte Sprache fließend sprechen können.

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insgesamt 10 Beiträge
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uchawi 17.12.2013
1. Deutsches Abitur vor exotischer Tapete
So schön ich es normalerweise finde, wenn sich Schüler den Wind um die Nase wehen lassen und sich in die Welt wagen, erschließt sich mir hier das Konzept nicht ganz: Deutsche Schule, deutsche WG, deutsche Freundinnen und die Autorin staunt, dass sie auch Englisch für den Alltag braucht? Aber Palmen auf dem Schulhof und Rota statt Leberkäs, damit man sich trotzdem schön weit weg fühlt. KL ist eine hochmoderne Stadt und Malaysia hat ein ausgezeichnetes Bildungssystem. Wenn es um mehr als "ich war mal in Malaysia" gehen soll, wäre meines Erachtens der Besuch einer malaysischen oder einer internationalen (nicht deutschsprachigen) Schule sinnvoller. So wirkt es ein bisschen wie Abitur vor schicker Kulisse, aber schön abgeschirmt vor der Welt da draußen. Meinen Kindern würde ich so etwas wahrscheinlich nicht empfehlen. Das Schönste und Wichtigste an solchen Auslandserfahrungen ist doch, dass man gezwungen ist, sich auf den Alltag, die Sprache und die Kultur des Gastlandes komplett einzulassen.
fd53 17.12.2013
2. die umwerfende Naivität vieler Deutscher
erstaunt im Ausland immer wieder. Die Kritik von "uchawi" kann ich daher voll und ganz nachvollziehen. Das fängt schon bei der Sprache an. Meine beiden Kleinen wuchsen damals bei den Großeltern nicht weit weg von KL auf. Der Großvater sprach mit ihnen chinesisch, die Grußmutter benutzte die Sprache der Khmer, das Personal und die Spielgefährten nutzten Bahasa Malaya, ihre Mutter nutzte zumeist englisch und ich natürlich deutsch. Ab dem 3. Lebensjahr gab es Privatunterricht, mit 4 der ersten eigenen PC und die Möglichkeit mit Mutter und Vater per E-Mail zu kommunizieren. Und auch ich war bereits 1997/1998 ziemlich erstaunt über das Bildungsniveau der Schulen in Malaysia. So haben mir dort die Kinder bei einer Busfahrt im vollen Linienbus (wegen Schulschluss) ganz stolz Ihre Hefte und Schulbücher gezeigt. Derweil saßen 2 der kleinsten Schüler bei mir auf den Beinen und plauderten bis zum Ausstieg mit mir. Der Weg in den Alltag kann sehr kurz sein - man muss es nur wollen.
Koda 17.12.2013
3. die umwerfende Naivität vieler Kommentatoren
Zitat von fd53erstaunt im Ausland immer wieder. Die Kritik von "uchawi" kann ich daher voll und ganz nachvollziehen. Das fängt schon bei der Sprache an. Meine beiden Kleinen wuchsen damals bei den Großeltern nicht weit weg von KL auf. Der Großvater sprach mit ihnen chinesisch, die Grußmutter benutzte die Sprache der Khmer, das Personal und die Spielgefährten nutzten Bahasa Malaya, ihre Mutter nutzte zumeist englisch und ich natürlich deutsch. Ab dem 3. Lebensjahr gab es Privatunterricht, mit 4 der ersten eigenen PC und die Möglichkeit mit Mutter und Vater per E-Mail zu kommunizieren. Und auch ich war bereits 1997/1998 ziemlich erstaunt über das Bildungsniveau der Schulen in Malaysia. So haben mir dort die Kinder bei einer Busfahrt im vollen Linienbus (wegen Schulschluss) ganz stolz Ihre Hefte und Schulbücher gezeigt. Derweil saßen 2 der kleinsten Schüler bei mir auf den Beinen und plauderten bis zum Ausstieg mit mir. Der Weg in den Alltag kann sehr kurz sein - man muss es nur wollen.
erstaunt mich immer wieder. Da wird eine Jugendliche aus was-weiß-der-Kuckuck-was-für-Gründen durch Asien geschleppt und dann wundern sich die Kommenatatoren, dass die Jugendliche NICHT mt der gelassenen Weisheit eines langerfahrenen Weltenbummlers aufwarten kann. Auch hat die Jugendliche wohl keine muttersprachlichen Großeltern, die ihnen von Klein auf verschiedene Sprachen und Dialekte in Malaya, Khmer oder Chinesisch beibrachte sondern muss mit dem auskommen, was sie von ihrer bayerischen Schule und evt. der japanischen Schule mitbekommen hat (wobei Japanisch in Malaysia wohl wenig nutzen wird). Auch dass sie sich nicht aussuchen konnte, mit welchen Mitschülern sie auf der Deutschen Schule zusammengelegt werden würde, dürfte wohl klar sein. So oder so, bekommt die junge Frau mehr von de Welt mit, als wenn sie ihr ganzes Schulleben in Bayern geblieben wäre. Mit anderen Worten: es hat nicht jeder die Chancen und Möglichkeiten wie SIE. Einheimische Groß- oder Schwiegereltern? Fehlanzeige bei einer "bayerischen Feldblume". Im übrigen scheinen Sie da mit Hausangestellten etc. auch priviligertere Zustände gehabt zu haben als Otto Normalbürger. Wie kommen Sie darauf, von SICH auf die Allgemeinheit zu schließen?
fd53 17.12.2013
4. die jungen Deutschen und Ihr Interesse an Sprachen
als meine Nichte hier auf dem Gymnasium die 12. Klasse begann, wurde an der Schule Japanisch fakultativ angeboten. Der Unterricht begann mit 32 Schülern (das hier ist eine Großstand, es war damals das einzige lokale Angebot für Schüler!). Als Beweggrund für eine Teilnahme nannten fast alle Schüler die Empfehlung oder den Wunsch der Eltern. Dem entsprechend war dann auch die Motivation der Schüler. Nach 4 Wochen gab es statt 32 nur noch 16, 3 Monate nach Beginn nur noch 12, nach 6 Monaten nur noch 8 Teilnehmer. Das zweite Jahr japanisch wurde dann mit nur 4 Teilnehmern fortgesetzt - alle 4 blieben dabei. Und für den neuen Einstiegskurs meldeten sich damals nur noch 17, von denen nur 3 dabei blieben. * Ein kleines Entwicklungsland mal zum Vergleich: auf Mauritius muss jeder Schüler mit Abi 5 Sprachen beherrschen. Und auf Mauritius erwerben mehr als 80% aller Schüler einen Abi-Abschluss.
uchawi 17.12.2013
5. Abgeklärtheit kommt mit der Erfahrung
Zitat von Kodaerstaunt mich immer wieder. Da wird eine Jugendliche aus was-weiß-der-Kuckuck-was-für-Gründen durch Asien geschleppt und dann wundern sich die Kommenatatoren, dass die Jugendliche NICHT mt der gelassenen Weisheit eines langerfahrenen Weltenbummlers aufwarten kann. Auch hat die Jugendliche wohl keine muttersprachlichen Großeltern, die ihnen von Klein auf verschiedene Sprachen und Dialekte in Malaya, Khmer oder Chinesisch beibrachte sondern muss mit dem auskommen, was sie von ihrer bayerischen Schule und evt. der japanischen Schule mitbekommen hat (wobei Japanisch in Malaysia wohl wenig nutzen wird). Auch dass sie sich nicht aussuchen konnte, mit welchen Mitschülern sie auf der Deutschen Schule zusammengelegt werden würde, dürfte wohl klar sein. So oder so, bekommt die junge Frau mehr von de Welt mit, als wenn sie ihr ganzes Schulleben in Bayern geblieben wäre. Mit anderen Worten: es hat nicht jeder die Chancen und Möglichkeiten wie SIE. Einheimische Groß- oder Schwiegereltern? Fehlanzeige bei einer "bayerischen Feldblume". Im übrigen scheinen Sie da mit Hausangestellten etc. auch priviligertere Zustände gehabt zu haben als Otto Normalbürger. Wie kommen Sie darauf, von SICH auf die Allgemeinheit zu schließen?
Da Sie von Kommentatoren in der Mehrzahl reden, fühle ich mich mal mit angesprochen. Ich wundere mich kein bisschen über die fehlende Gelassenheit oder Weisheit des Mädchens, die sind in ihrem Alter normal. Nur darüber, dass man sein Abitur in einem fremden Land macht (oder sein Kind selbiges machen lässt, immerhin ist das Mädchen ja noch minderjährig, da dürften die Eltern bei der Entscheidung mitgeredet haben), dort gleichzeitig aber so abgeschirmt wie möglich bleibt. Das erscheint mir wenig sinnvoll und erweckt den Eindruck, es ginge hier nicht um Lebenserfahrung, sondern in erster Linie um den exotischen Anstrich, um ein "Länder sammeln". Die junge Autorin ist nicht abgeklärt, stimmt, und warum sollte sie das auch sein. Ich war ein paar Jahre älter, als ich in KL studiert habe, und ich habe noch Monate nach meiner Ankunft alles angestaunt. Es geht nicht darum, alles von Beginn an zu KENNEN. Es geht ums KennenLERNEN. Und das funktioniert nun mal am besten so, wie es die meisten Schüler im Austauschjahr machen: Leben in einheimischen Gastfamilien und lernen auf einheimischen Schulen. Der Besuch einer deutschen Schule mit deutschsprachigem Unterricht und die Unterbringung in deutschen Wohngemeinschaften mit deutschen Zimmergenossinnen dagegen machen das Ganze eher zum distanzierten Anschauungsunterricht, fürchte ich. Dafür wäre mir ein Auslandsjahr (hier sogar zwei, Japan noch nicht mal mitgerechnet) zu schade. Aber das muss jeder für sich entscheiden.
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