Austauschlog Tromsø Einmal Norwegerin sein

Vier Monate Finsternis in Norwegen, noch Mitte April stapfte Austauschschülerin Marlena Schilling, 17, durch Neuschnee. Aber dann! Im Mai ging die Sonne auf. Und einfach nicht mehr unter. Welcher Troll drückt da bloß immer wieder auf den Lichtschalter?

Mitte April: Die Sonne kommt plötzlich und intensiv. Die Cafés stellen ihre Stühle raus, ich hole meine zerknitterte Frühlingsjacke aus der untersten Schublade. Die warmen Winterboots und die fetten Daunenjacke verschwinden von der Garderobe. Ich kann endlich wieder mit offenen Augen und geradem Blick durch die Welt gehen.

Kein Rumeiern mehr auf dem Eis, sondern einfach sicher und fest gehen, auf dem Asphalt. Die letzten Monate meines Austauschjahres sollen mir nicht mehr schwer fallen, dachte ich.

Dachte ich. Am 17. April fällt wieder Schnee. "80 Zentimeter Neuschnee" sagen die Meteorologen im Fernsehen. Das ist fast ein neuer Schneerekord - nur 1997 fiel noch mehr: 2,40 Meter am 27. April. So ist das jenseits des Polarkreises. In der Schule kommt wieder Weihnachtsstimmung auf. Niemand kann sich vorstellen, dass wir in 67 Tagen Sommerferien haben werden.

Im Bikini auf der Veranda

Anfang Mai wird wieder alles ganz anders: Die Sonne kommt. 23 Grad, Grillgeruch weht vom Nachbarn zu unserem Haus herüber. So fühlt sich der Frühling schon etwas besser an. Es wird langsam, Tag für Tag, schöner in Tromsø.

Im Bikini liege ich den ganzen Tag auf der Veranda, lese ein Buch, telefoniere mit Freunden - und feuere die Sonne an. Sie arbeitet wirklich schwer daran, die meterhohen Schneemassen zum Schmelzen zu bringen, die immer noch überall liegen. Sie braucht dafür noch einige Wochen. Immer wieder kommt ein Polarwind dazwischen und lässt wieder Schnee vom Himmel rieseln.

Der 17. Mai ist auch ein solch sonnig-schöner und gleichzeitig kalter Tag. Den Norwegern ist das mit dem Wetter im Allgemeinen schon ein wenig egal, an diesem Tag aber ganz besonders. Mit einem lautem "Hurra" feiern sie heute sich selbst und ihr Land: Es ist Nationalfeiertag.

Ein richtiges norwegisches Mädchen

Ich ziehe mir die nordnorwegische Tracht Bunad an, meine Gastmutter hat sie mir ausgeliehen. Eine Bunad wird monatelang mühevoll per Hand angefertigt und kostet daher leicht mehrere tausend Euro. Eine Norwegerin trägt sie ein ganzes Leben lang zu vielen festlichen Anlässen. Meine Gastmutter hat ihre Bunad zu ihrer Konfirmation geschenkt bekommen.

Wir gehen in die Innenstadt und jubeln den 17.-Mai–Umzügen zu. Über Tromsø sammeln sich ganz viele Schneewolken. Na und? Ein "Nasjonaldag" ohne arktisches Flair, da würde einfach etwas fehlen.

Vereine, Schulen, Kindergärten und der Bürgermeister laufen fahnenschwenkend an uns vorbei. Wir riefen "Hurra" und "Gratulerer med dagen!" - was wörtlich übersetzt "Gratuliere zum Tag!" bedeutet.

Ich stehe mittendrin mit meiner norwegischen Tracht, eingerahmt von meiner Familie und singe die norwegische Nationalhymne "Ja vi elsker dette landet" - "Ja, wir lieben dieses Land". An diesem Tag ist ein Traum für mich in Erfüllung gegangen: Ich bin für einen Moment ein richtiges norwegisches Mädchen.

Ich habe die viermonatige Dunkelheit ("mørketid") hier oben überlebt, mit Massen von Schnee, Winterstürmen und Nordlichtern. Jetzt kommt der Sommer, jetzt kommt die Mitternachtssonne. Seit dem Nationalfeiertag geht die Sonne hier nachts nicht mehr unter.

Eins, zwei, viertel vor drei

Sie ist eine gute Entschädigung für den langen, dunklen Winter. 24 Stunden lang ist es hell, es fällt mir schwer, überhaupt noch schlafen zu gehen. Wenn ich abends mit meiner Gastschwester zusammensitze und sie nach der Uhrzeit frage, kann es gut vorkommen, dass sie vollkommen entspannt sagt: "Es ist viertel vor drei."

Dann schaue ich immer wieder überrascht und fassungslos aus dem Fenster und denke, dass es auf keinen Fall schon so spät sein kann. Oder so früh. Ich habe das Gefühl, dass die Natur den Menschen hier Streiche spielt - als säße im Wald neben der Stadt ein Troll, der immer wieder auf den Lichtschalter drückt.

Die Einwohner von Tromsø haben sich dagegen so ihre Tricks ausgedacht: Sie hängen sich tiefschwarze Gardinen oder Rollos vor die Fenster. Trotzdem - schlafen kann hier jetzt kaum jemand. Ende Juni wird es sogar einen Midtnattsolmaraton (Mitternachtssonnen-Marathon) geben.

Im Moment ist Tromsø "the city that never sleeps" - und nicht New York.

Mehr lesen über

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.