Austauschlog Tromsø Rückkehr vom gefühlten Nordpol

Nach einem Jahr in Norwegen kehrt Marlena Schilling, 17, nach Deutschland zurück und vermisst schon ihre digitale Schule und die extra lässigen Lehrer. Ihre Berliner Schule kommt ihr jetzt altmodisch vor: Wird hier tatsächlich noch mit Füller geschrieben?

Mein Abenteuer begann Mitte August 2007. Am Berliner Flughafen Tegel fragte mich die Dame am Check-in, ob ich mich nicht ein wenig zu warm angezogen habe, schließlich sei Sommer. Sie hatte ja Recht, mir war wirklich warm. Doch was blieb mir übrig? Wer kurz vorm Nordkap für längere Zeit überleben möchte, sollte auf alles gefasst sein. Darum hatte ich beschlossen, drei T-Shirts, drei Pullover und drei Jacken lieber gleich überzuziehen, um jeden Kälteschock überleben zu können. Außerdem wollte ich das kostspielige Übergepäck umgehen.

Ich weiß noch, wie mich der vierstündige Flug nach Tromsø auf eine Achterbahnfahrt schickte. Ich befand mich zwischen zwei Welten. Freude, Angst, Aufregung, Spannung, Verzweiflung, ich wusste nicht mehr, wohin mit meinen Gefühlen. Ich verließ meine vertraute Umgebung und öffnete mein Herz für das große Unbekannte. Für eine andere Kultur, eine fremde Sprache und für die vielen Menschen, die mir begegnen sollten. Ich wollte die Möglichkeit nutzen, die Welt einmal anders zu sehen. Einmal kletterte ich sogar einen Eisberg hinauf, um über alles hinweg zu sehen.

Tromsø ist so speziell, da kann es passieren, dass sich der Mensch dort ganz schön verändert. Die Lage am Nordpolarmeer ist daran sicher nicht ganz unschuldig. Immer wieder konnte ich Touristen bestaunen, die mit offenen Mündern von den königlichen Kreuzfahrt- oder Hurtigrutenschiffen stiegen und die von einer gewaltigen Bergkulisse umgebene Insel bestaunten.

Und was machte der Ort mit mir? Ich bin selbstständiger und spontaner geworden und traue mir viel mehr zu als vorher. Ich fühle mich ein gutes Stück erwachsener, gleichzeitig bin ich gelassener geworden. Aber auch nachdenklicher. Ich habe großen Respekt vor der Natur und der Dunkelheit.

Bei Schneesturm ins Café

Nach dem Abi will ich auf jeden Fall wieder ins Ausland. Vielleicht nach Australien oder Brasilien. Eigentlich kann ich mich künftig in der ganzen Welt sehen. Jetzt, wo ich Auslandsluft geschnuppert habe, bremst mich nichts mehr. Vielleicht mache ich das auch zu meinem Beruf. Ich möchte nun nicht mehr unbedingt Ärztin werden, sondern könnte mir auch gut vorstellen, im Europäischen Parlament zu arbeiten. Ich habe gemerkt, dass ich mit kulturellen Unterschieden gut umgehen kann.

Wobei es mir Tromsø in dieser Beziehung nicht schwer gemacht hat, denn der Stadt fehlt es an nichts. Es gibt ein neues Kino, die internationalen Modeketten H&M oder Vero Moda, die moderne gläserne Bibliothek mit einer riesigen Auswahl an DVDs und CDs, Büchern und Zeitschriften. Doch auch wer nur Schutz vor einem wütenden Schneesturm sucht, kann jederzeit in die warme Bibliothek springen und gemütlich bei einer Tasse Kaffee die Zeitungen aus aller Welt lesen oder kostenlos im Internet surfen.

Nicht nur die Bibliothek war mir ein guter Zufluchtsort während der langen, dunklen Wintermonate und der nicht enden wollenden Tage im Frühsommer. Mit einem Latte Macchiato und einer Zimtschnecke in einem der vielen Cafés in Tromsø ließ es sich allein oder mit Freunden gut leben. Ein schickes Café nach dem anderen öffnete seine Türen. Es gab so viele, dass ich es nicht geschafft habe, in jedem einmal gewesen zu sein. Das war in einem Jahr einfach nicht machbar!

Die meiste Zeit jedoch verbrachte ich in der Schule und an meinem Laptop. Das Schulsystem in Norwegen hat mich wirklich positiv überrascht. Richtig gut fand ich die lockere und lässige Atmosphäre im Schulalltag und die vielen kooperativen Lehrer. Meine Schule, das "Kongsbakken" (Königshügel), thront tatsächlich wie ein Palast über der Insel. Ich fand es auch sehr königlich, dass ich nichts für die Schulbücher und den Bus bezahlen musste, der mich jeden Tag und bei jedem Wetter 25 Kilometer vom Haus meiner Gastfamilie zur Schule und wieder zurück kutschierte.

Hot Spots in der Schule

Ich bin nach Tromsø gekommen mit kaum einem Wort Norwegisch. Doch mit Hilfe meiner Lehrer und meiner geduldigen Gasteltern schaffte ich es schon nach ein paar Monaten, mir diese fremde Sprache anzueignen. Netterweise hatte mir die Schule im ersten Halbjahr einen intensiven Norwegischkurs verordnet, der mich im Unterricht und im Alltag schnell mitkommen ließ. An Unterstützung mangelte es mir auch sonst nicht. Wenn ich doch einmal etwas ratlos war, konnte ich immer die Hot Spots in der Schule nutzen oder meine beiden Familien fragen – die in Tromsø und die in Deutschland.

Von meiner "Cyber-Schule" in Tromsø geht es nun wieder zurück in meine "Normalo-Schule" in Deutschland. Das wird bestimmt nicht einfach werden. Ob ich wohl noch mit einem Füller schreiben kann? Dieses tintengefütterte Schreibgerät war den Norwegern gar nicht geheuer.

Vollgepackt mit neuen Erfahrungen, verwirrenden Eindrücken, neuen Freunden und Erinnerungen kehre ich jetzt nach knapp einem Jahr wieder zurück nach Deutschland. Diesmal bin ich nicht mehr unsicher, sondern nur gespannt auf die kulturellen Unterschiede, die mich hier erwarten.

Denn eins ist klar, mein Auslandsjahr ist noch lange nicht zu Ende. Ich habe dort oben meine kleine Welt und meine zweite Familie zurückgelassen. Es bleibt spannend, wie ich diese beiden Welten nun vereinen werde.

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