Austauschschüler Das verflixte Jahr an der High School

Raus aus dem deutschen Schulalltag, weit weg, nach Florida oder Kalifornien - viele Schüler wünschen sich das. Und jedes Jahr verwirklichen Tausende diesen Traum auch. Damit das Auslandsjahr kein Reinfall wird, ist allerdings gute Vorbereitung gefragt.


Ein Jahr in den USA ist für viele deutsche Schüler ein Traum
GMS

Ein Jahr in den USA ist für viele deutsche Schüler ein Traum

Ungefähr 13.000 Schüler weilen nach einer Schätzung der Aktion Bildungsinformation (ABI) in Stuttgart derzeit an einer öffentlichen High School, rund 70 Prozent davon in den USA. Familien müssen nach ABI-Angaben für das Auslandsschuljahr mindestens 9000 Euro ausgeben, inklusive Taschengeld. Noch teurer werde der Besuch von privaten Schulen und Internaten. Findet der Schüler keine Gastfamilie und muss für seine Unterkunft selbst aufkommen, belaufe sich der Betrag auf bis zu 25.000 Euro, sagt ABI-Mitarbeiterin Barbara Engler.

Ein Jahr im Ausland zu leben, will gerade für Schüler gut überlegt sein. "Leben beinhaltet ja nicht nur die strahlend lachenden Broschürenfotos der Reiseveranstalter, sondern positive wie auch negative Erlebnisse", warnt der Autor Christian Gundlach in seinem Ratgeber "Ein Schuljahr in den USA".

Das Auslandsjahr ist keine Pauschalreise

Diesen Bewusstseinsprozess wollen viele Austauschorganisationen im Auswahlverfahren bei ihren 15 bis 18 Jahre alten Kandidaten in Gang setzen. "Der Jugendliche sollte sich von jeder Pauschalreisenperspektive lösen", warnt Britta Kallmann vom Berliner Veranstalter Ayusa International, der weltweit Austauschprogramme anbietet. "Vielmehr muss er sich neugierig, offen und flexibel zeigen und wirkliches Interesse am Gastland besitzen." Mit solchen Eigenschaften lasse sich ein Kulturschock am besten überwinden.

Außerdem verlangt Ayusa gute Anpassungsfähigkeit von den Bewerbern. Eine Gastfamilie biete dem Austauschschüler die Chance, das Gastland durch Teilnahme am Familienleben intensiv kennen zu lernen. Die Familie werde ihr Leben für den Gast jedoch nicht umstellen, sondern erwarte Interesse und Einfühlungsvermögen.

Schulische Leistungen spielen bei den Auswahlverfahren vieler Organisationen dagegen nicht die entscheidende Rolle. "Wichtiger ist uns eine positive Einstellung zu Familie und zur Schule", betont Britta Kallmann. Die Bewerbungsfrist bei Ayusa endet jeweils am 31. März. Dazu genügt eine Kurzbewerbung (in der Broschüre enthalten) oder eine Online-Bewerbung bei Ayusa.

Auch auf "kommunikative Kompetenz" des Bewerbers achtet der Hamburger Veranstalter AFS Interkulturelle Begegnungen, der Schüler vor allem in die USA und nach Lateinamerika schickt. "Schließlich tauchen bestimmt Missverständnisse im Gastland auf, über die gesprochen werden muss", sagt AFS-Sprecherin Dagmar Bethkowsky.

Schulnoten sind bei der Auswahl nicht wichtig

Für ein Auslandsschuljahr ab Sommer 2003 endet hier die Bewerbungsfrist am 15. Oktober 2002. Rund 2400 Schüler testen die 76 ehrenamtlichen AFS-Komitees in ganz Deutschland bei Diskussionsrunden und Auswahlwochenenden. "Dabei geht es vor allem darum, den Menschen kennen zu lernen, nicht um schulische Fähigkeiten", sagt Bethkowsky.

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Mathias Paulokat

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Nach Angaben der Aktion Bildungsinformation gibt es in Deutschland rund 45 kommerziell oder gemeinnützig arbeitende Veranstalter. "Darunter sind auch schwarze Schafe, die der Branche schaden", sagt Barbara Engler. "Aus der Idee des kulturellen Austausches ist bei einigen Anbietern ein knallhartes Geschäft geworden."

Gerade bei der Betreuung im Gastland ließen es diese Anbieter mangeln. "Die wichtigste Aufgabe auf deutscher Seite ist es, den Schüler auf den Aufenthalt vorzubereiten, aufzuklären und auf seine Eignung hin zu überprüfen", findet Engler, "aber auch die Platzierung und Betreuung." Das Bewerbungsgespräch mit den Veranstaltern sei auch ein Verkaufsgespräch. Engler rät zu Vorsicht bei Anbietern, die nur an hohen Schülerzahlen interessiert seien.

Ein Patentrezept für die Wahl der Austauschorganisation gibt es nach Christian Gundlachs Einschätzung nicht. "Es gibt bestimmte, von den Organisationen zu erbringende Leistungen, die man juristisch oder moralisch einklagen kann. Daneben gibt es aber das große, nicht einklagbare Gebiet der zwischenmenschlichen Beziehungen", warnt der Hannoveraner Autor. Viele Aspekte bei der Suche nach der richtigen Organisation seien nicht messbar oder kategorisierbar. Außerdem könne der Anbieter noch so gute Arbeit leisten - die Anforderungen an der High School müsse der Schüler selbst bewältigen und sich den Platz in der Gastfamilie selbst erarbeiten.

Von Björn Brodersen, gms


Nähere Informationen

  • Christian Gundlach und Sylvia Schill: "Ein Schuljahr in den USA". Recherchen Verlag, Hamburg; 287 Seiten; 15,23 Euro.

  • Bei der Aktion Bildungsinformation gibt es die Broschüre "Schuljahresaufenthalte in den USA":
    ABI, Alte Poststraße 5, 70173 Stuttgart, Tel.: 0711/299335




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