Australischer Schüler Mobbing-Opfer erhält 600.000 Euro

Er wurde verhöhnt, verfolgt, verprügelt: Als Sechsjähriger litt der Australier Benjamin Cox unter brutalen Schikanen eines älteren Mitschülers, seine Lehrer griffen nicht ein. 13 Jahre später hat er nun Recht bekommen - und eine Rekordsumme als späte Entschädigung.


Als Grundschüler wirkte Benjamin Cox eigentlich recht putzig - er hatte ziemlich rote Haare und ziemlich viele Sommersprossen. Für einen älteren Schüler aber war Benjamin nur eine leichte Beute. Er schikanierte den Jungen über mehrere Monate, stieß ihn gegen Mauern, peitschte ihn mit einem Ast, verfolgte und quälte ihn in jeder freien Minute.

Mobbing in der Schule: Lebenslanges Leiden nach Grundschul-Martyrium
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Mobbing in der Schule: Lebenslanges Leiden nach Grundschul-Martyrium

Einmal versuchte er, Benjamin seinen Pullover in den Mund zu stopfen. Als man Angela Cox zu ihrem weinenden Sohn in die Schule rief, fehlte ihm ein Zahn im Unterkiefer, seine Lippe blutete. Die Folterversuche wurden über die Zeit immer schlimmer. Im Februar 1995 versuchte der verhaltensgestörte Junge sogar, Benjamin zu erdrosseln.

Einzige Konsequenz: Benjamin Cox erhielt eine Abfindung vom australischen Verein für Opfer-Entschädigung. Sonst passierte nichts. Und das, obwohl sowohl die Schule als auch die Schulaufsichtsbehörde von den Vorgängen an der Woodberry Grundschule nördlich von Sydney wussten. Denn Angela Cox hatte die Lehrer immer wieder auf Benjamins Martyrium aufmerksam gemacht und sie gebeten, ihren Jungen besser zu schützen. Vergeblich.

"Mobbing stärkt den Charakter"

"Nachdem ich bei der Schule nicht weiterkam und weder die Lehrer noch der Direktor etwas unternahmen, wandte ich mich direkt an das Bildungsministerium", sagte Angela Cox "ABC Online". Über die Antwort, die sie dort erhielt, ist sie noch heute entrüstet: "Mobbing stärkt den Charakter", habe ihr der zuständige Beamte erklärt. Als sie dem Schulleiter mitteilte, dass sie ihren Sohn nicht weiter zur Woodberry Grundschule schicken werde, habe der nur mit den Achseln gezuckt: "Kinder kommen und gehen", sei sein Kommentar gewesen.

Jetzt, 13 Jahre später, hat das Oberste Gericht des australischen Bundesstaats New South Wales Angela Cox und ihrem Sohn Recht gegeben. Richterin Carolyn Simpson warf den Behörden des Bundesstaats vor, ihre Fürsorgepflicht für Benjamin Cox sträflich vernachlässigt zu haben. Sie sprach Cox eine einmalige Zahlung von rund 132.000 Euro und eine lebenslange Rente zu. Insgesamt dürfte der heute 18-Jährige damit eine Rekordsumme von rund 600.000 Euro erhalten.

"Seine Kindheit wurde völlig zerstört, nun als Erwachsener wird es ihm nicht besser gehen", sagte Simpson in der Urteilsbegründung. "Er wird nie erleben, wie es ist, einen Beruf zu haben. Er wird mit größter Wahrscheinlichkeit für den Rest seines Lebens unter Ängsten und Depressionen leiden." Der 18-Jährige sei nicht in der Lage, Beziehungen mit anderen Menschen einzugehen. "Er hat keine Freunde, und es ist unwahrscheinlich, dass sich das einmal ändert", zitiert die Zeitung "The Australian" die Richterin. Die Verantwortlichen hätten es versäumt, die nötigen Schritte zu unternehmen, um Benjamin vor dem verhaltensgestörten älteren Jungen zu schützen.

Drangsaliert aus dem Hinterhalt

Angela Cox hat mehreren australischen Zeitungen beschrieben, wie ihr Sohn damals unter der täglichen Tyrannei litt und welche Konsequenzen er auch heute noch zu tragen hat. "Benjamin hatte Angst vor Menschengruppen und vor den Lehrern", sagte sie der "Brisbane Times". Er habe sich geweigert, öffentliche Toiletten zu benutzen, weil der ältere Junge immerzu aus Türen sprang und Benjamin erschreckte - auch das Schulklo benutzte er als Hinterhalt. Die Schule habe ihr Sohn nach sieben Jahren abgebrochen, die Versuche, ihn zuhause zu unterrichten, seien gescheitert.

Die Mutter beschreibt Benjamin als nervliches Wrack: Er bekam Migräne, Alpträume, fing an zu stottern, entwickelte Angstzustände. Heute leidet er unter Depressionen, Verlustängsten und einer posttraumatischen Belastungsstörung. Wie ein Einsiedler lebe ihr Sohn, sagte Angela Cox. Nach draußen gehe er nur selten, Freunde habe er keine. "Er schließt sich immerzu in seinem Zimmer ein und spielt Playstation."

Zwar erkannte Simpson in ihrer Urteilsbegründung ein psychiatrisches Gutachten an, das belegt, dass Benjamin Cox ein besonders verletzlicher Junge mit Neigung zu Depressionen gewesen sei. Allerdings sei das Mobbing der Auslöser für die psychischen Probleme des Jungen gewesen, urteilte die Richterin laut "The Australian". Der Anwalt von Cox sagte, der Fall sei von grundsätzlicher Bedeutung und könne eine Flut von Entschädigungsklagen von Mobbing-Opfern auslösen.

Ein Sprecher des Schulministeriums von New South Wales erklärte, Mobbing sei früher inakzeptabel gewesen und sei es auch heute noch. Allerdings habe man in den vergangenen 13 Jahren die Mittel, um gegen Schikanen von Mitschülern zu kämpfen, verschärft. Gegen das heute gefällte Urteil will die Behörde Widerspruch einlegen.

han/ AFP/dpa

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