Azubi-Klage Berufsschüler will nur mit zwei Fingern tippen

Matthias K., 19, rebelliert gegen seine Berufsschule. Dort soll der Norderstedter Azubi mit zehn Fingern schreiben lernen, ist aber mit zweien im "Adler-Doppelflug" viel schneller. Deshalb muss ein Gericht sich jetzt mit seiner skurrilen Klage beschäftigen.


Für Matthias K. begann seine Lehre zum Kaufmann für Bürokommunikation recht angenehm: Der Chef duzte gleich am ersten Tag, die Kollegen sind nett, die Arbeit geht leicht von der Hand. "Ich mache erstmal all die ungeliebten Azubi-Jobs", erzählt Matthias - zum Beispiel Anrufe entgegennehmen, Inventuren durchführen und auch Briefe abtippen.

Und jetzt alle: asdf - jklö...
AP

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Doch genau damit bekommt Matthias gerade seine Probleme. An der Tastatur ist der 19-jährige Norderstedter ein Virtuose. Das Schreiben gelingt ihm mit links. Oder mit rechts. Auf jeden Fall mit seinen zwei Zeigefingern, denn Matthias mag beim Tippen den doppelten Adlerflug: ausspähen, einkreisen und attackieren - alles mit den Zeigefingern. An seiner Berufschule sieht man das gute alte Adler-Suchsystem indes nicht so gern.

Im September hat Matthias seine Lehre begonnen, in drei Jahren will er fertiger Bürokaufmann sein. Mit den erlernten Qualifikationen "bin ich dann so eine Art linke Hand vom Chef". Doch bis es so weit ist, soll er sich den Bedingungen der Berufsschule Norderstedt beugen. Und die verlangt laut Lehrplan von allen Azubis, die "Normtastatur kennenzulernen, zu benutzen und das Zehn-Finger-Tastschreiben zu beherrschen" - was Matthias K. für "längst überholt" hält.

Darum zieht der Berufsschüler vor das Verwaltungsgericht Schleswig. Sein Wunsch: "Ich will meine Prüfung im Fach Textverarbeitung mit so vielen Fingern schreiben, wie ich es für richtig halte, und das ohne Punktabzug."

Rebellion gegen die zehnfingrige Knechtschaft

Den ersten Ärger gab es für den Tastatur-Exoten, als er im praktischen Unterricht schneller tippte als alle anderen. Mit beachtlichen 500 Anschlägen pro Minute sausten seine Zeigefinger über die Tasten, "die anderen Schüler schafften da nur 60 Anschläge". Prompt schöpfte die Lehrerin Verdacht. Ein Blick über die Schulter des Zwei-Finger-Verfechters enthüllte den Bluff: Hier bleiben acht Finger ungenutzt.

Eine Einigung ist nicht möglich, denn die Lehrerin hat ihm eine Sechs versprochen, sollte er nicht mitziehen, wie es der Lehrplan vorsieht. Matthias K. weigert sich aber partout, ein System zu lernen, das er für "viel zu langsam und altmodisch" hält. Das Verwaltungsgericht soll nun entscheiden, und das zügig, ist doch in zwei Wochen schon die erste Prüfung. Deshalb hat Matthias einen "Eilantrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung" eingereicht. Ein Gerichtssprecher wies jedoch schon darauf hin, mit einer Entscheidung sei "nicht ganz so schnell" zu rechnen.

Einstweilen muss sich Matthias, wie alle anderen Auszubildenden auch, mehr schlecht als recht mit zehn Fingern abmühen. Dabei könne er doch "blind schreiben", rühmt er sein Geschick, "schließlich bin ich mit dem Amiga 500 groß geworden." Der erste eigene Computer und treue Weggefährte wird ihm im Kampf gegen die Schule allerdings wenig nützen. Und sein Chef im Betrieb weiß vom Zwist nichts, denn Matthias hat "Angst, dass der sich wundert, warum man wegen so einer Nichtigkeit eine Klage einbringt".

Und warum bemüht er wegen so einer Nichtigkeit das Gericht? Matthias ist kurz sprachlos und antwortet dann: "Ich will Anerkennung für meine Schreibweise." Der Lehrling sieht sich als Verfechter der freien Schreibkunst auf deutschen Tastaturen, als Rebellen gegen die zehnfingrige Knechtschaft. Werde die Klage vor Gericht anerkannt, dann sei das nicht nur ein Erfolg für ihn, sondern auch für alle anderen Auszubildenden. "Denn", so Matthias ganz pathetisch, "einer muss ja den Anfang machen."

Von Marc Röhlig (getippt mit drei Fingern pro Hand)



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