Azubi-Report Glückliche Kaufleute, traurige Maler

Ein Bäcker-Azubi lernt Brötchen backen, ein Maler malt, eine Friseurin frisiert. Ist doch klar. Oder? Jugendliche klagen im neuen "Ausbildungsreport" des DGB, dass sie ständig Privatsachen für den Chef erledigen müssen - und dabei ihren Job nicht richtig lernen.


Der Frust sitzt tief bei Jana*. Sie lässt sich zur Hotelfachfrau ausbilden - dachte sie zumindest, als sie ihre Stelle annahm. Ständig muss sie bei der Arbeit Dinge tun, die mit ihrer Ausbildung nichts zu tun haben. Im Februar war sie dann so sauer, dass sie sich hinsetzte und einen Brief schrieb, an die Gewerkschaft.

"Eigentlich hatte ich gehofft", schrieb Jana, "wirklich einen Einblick in den Beruf der Hotelfachfrau erhaschen zu können. Stattdessen bin ich eigentlich nur als Putzfrau tätig und erledige Arbeiten, die nicht zur Ausbildung gehören." Jetzt ist ihr Brief in der Studie "Ausbildungsreport 2008" des Deutschen Gewerkschaftsbundes gelandet.

Putzen und Privatwünsche des Chefs erfüllen

4725 Auszubildende hat der DGB befragt, die wie Jana in einem der 25 meistfrequentierten Ausbildungsberufe arbeiten. Besonders zufrieden mit ihrer Ausbildung waren in diesem Jahr Industriekaufleute, Kaufleute für Bürokommunikation und Bankkaufleute. Am unglücklichsten waren Azubis in der Gastronomie sowie bei Bäckern und Malern. Janas Job Hotelfachfrau landet auf dem drittletzten Platz.

Ihr Problem teilt Jana mit vielen anderen Auszubildenden: Rund drei Viertel aller Befragten gaben an, zumindest ab und zu ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten zu müssen. Jeder Sechste beschwert sich, dass er häufig oder sogar immer Dinge erledigen müsse, die eigentlich nicht zu seiner Ausbildung gehörten - wie Putzen oder Privatwünsche des Chefs erfüllen.

Auf der anderen Seite fehlt vielen Jugendlichen die fachliche Anleitung: So gibt knapp ein Drittel der Befragten an, dass ihnen nur manchmal, selten oder nie Aufgaben erklärt würden.

Überstunden sind Arbeitsmoral-Killer

Nach einer qualifizierten Ausbildung klingt das nicht. Diese sei jedoch unbedingt notwendig, um dem drohenden Fachkräftemangel entgegenzuwirken, sagt Christian Beck, Bundesjugendsekretär der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU).

Wo Azubis am liebsten arbeiten

1 Industriemechaniker*
2 Kaufmann für Bürokommunikation
3 Bankkaufmann
4 Industriekaufmann
5 Mechatroniker
6 Bürokaufmann
7 Verkäufer
8 Fachinformatiker
9 Kaufmann im Groß- und Außenhandel
10 Elektroniker
11 Tischler
12 Kaufmann im Einzelhandel
13 Kraftfahrzeugmechatroniker
14 Zahnmedizinischer Fachangestellter
15 Rechtsanwalts- und Notarfachangestellter
16 Anlagenmechaniker in Sanitär-, Heizung-, Klimatechnik
17 Koch
18 Medizinischer Fachangestellter
19 Friseur
20 Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk
21 Metallbauer
22 Restaurantfachmann
23 Hotelfachmann
24 Bäcker
25 Maler und Lackierer
*Für alle Berufe gilt: Frauen und Männer

Quelle: Ausbildungsreport 2008 der DGB-Jugend

Die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ingrid Sehrbrock will deshalb die Betriebe stärker überprüfen: "Wir wollen, dass die Kammern mit deutlich mehr Personal ausgestattet werden, damit Ausbildungsberater auch unangemeldet im Betrieb auftauchen", sagt sie. Bislang würden die Kammern erst tätig, wenn es bereits Klagen gebe.

Ein großes Problem: Überstunden. 40 Prozent der Befragten geben im Ausbildungsreport an, regelmäßig Mehrarbeit zu leisten. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl damit zwar um 2,3 Prozentpunkte zurückgegangen. Gegenüber 2006 ist das hingegen weiterhin ein Anstieg von fünf Prozentpunkten.

Wer Überstunden mache, sei tendentiell unzufriedener mit seiner Ausbildung, sagt DGB-Vorsitzende Sehrbrock. Der Ausbildungsreport gibt ihr recht: Fast 69 Prozent der Auszubildenden, die "sehr zufrieden" mit ihrem Arbeitsplatz sind, müssen keine Überstunden machen. Von den "sehr Unzufriedenen" leisteten umgekehrt 64 Prozent regelmäßig Mehrarbeit.

Einfluss auf die Zufriedenheit haben aber auch die Übernahmechancen nach der Ausbildung: 83,5 Prozent derjenigen, die sicher wüssten, dass sie übernommen werden, sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Bei denjenigen, die nicht übernommen würden, seien es nur gut 54 Prozent.

"Wenigstens für ein halbes Jahr übernehmen"

Wer nicht übernommen werde, habe es auch bei Bewerbungen in anderen Betrieben schwerer, sagt Ingrid Sehrbrock. Selbst bei glänzenden Referenzen werde sich jeder potentielle Arbeitgeber fragen, warum der Bewerber nicht von seinem eigenen Ausbildungsbetrieb fest angestellt worden sei.

Sehrbrock wünscht sich, dass fertig ausgebildete Jugendliche auch deutlich häufiger als bislang von ihren Betrieben übernommen werden. "Wenn es gar nicht anders geht, wenigstens für ein halbes Jahr", fordert Sehrbrock. Denn sich aus einem bestehenden Arbeitsverhältnis zu bewerben, sei allemal leichter als aus der Arbeitslosigkeit.

Tonia Haag, ddp

*Name geändert



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