Babylon in Hanau Eine Grundschule mit Kindern aus 26 Nationen

Wie werden Zähne geputzt? Wie bindet man Schnürsenkel? In der Gebeschusschule in Hanau, wo einst Rudi Völler lernte, wird heute mehr gepaukt als das ABC. Doch der Versuch, Schülern aus 26 Nationen die deutsche Sprache beizubringen, scheitert oft trotz größter Mühe. Von Bruno Schrep


Schüler und Schülerinnen der Klasse 1 b waren erstmals gemeinsam im Schwimmbad. "Was hat euch am besten gefallen?", fragt die Lehrerin am nächsten Tag. "Ich hab mir gefallen meine Brille, die unter Wasser", radebrecht ein Junge, gestikuliert, sucht aufgeregt nach weiteren Worten. "Mir hat gefallen diese langen Dinger", ruft ein anderer. "Am besten war, wo wir diese großen Jungs nass spritzt", antwortet ein Dritter. Ein Mädchen sagt leise: "Ich schwimmt."

Unterricht an einer islamischen Grundschule: Nach Stärken statt Schwächen fragen
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"Ihr bildet ja schon richtige kleine Sätze", lobt Klassenlehrerin Karin Mittl. Die Pädagogin weiß, welche unendliche Mühe es viele Kinder kostet, sich überhaupt verständlich zu machen. 5 ihrer 21 Schüler sprechen kaum Deutsch, sind mit den Eltern erst vor Monaten aus ihrer Heimat geflohen. Manche kommen von weit her.

"Viel schießen gehört", erinnert sich Hammet aus Kabul, der in den letzten Wochen enorm dazugelernt hat. Hala aus Eritrea kann sich sogar noch besser ausdrücken, Olexandr aus Russland dagegen, klein, völlig verschüchtert, ringt verzweifelt um Formulierungen. Und Madina, die sechsjährige Tschetschenin, sitzt nur stumm dabei: "Sie versteht kein Wort", bedauert die Lehrerin.

In der Gebeschusschule im hessischen Hanau bilden Kinder wie Hammet, Olexandr und Madina keine Ausnahme. Hier, im berüchtigten Lamboy-Viertel im Hanauer Norden, führen täglich 20 Pädagogen, überwiegend Frauen, einen verbissenen Kampf gegen Sprachlosigkeit, Unwissenheit, Analphabetismus.

Wie eine Trutzburg steht der sandsteingelbe Altbau, benannt nach einem früheren Bürgermeister und fertig gestellt zu Kaiser Wilhelms Zeiten, inmitten einer vom Verfall bedrohten Umgebung.

Die 300 Schüler kommen aus zwei Asylbewerberheimen in unmittelbarer Nachbarschaft, einer Aussiedlerunterkunft gleich daneben und drei heruntergekommenen Wohnsilos, in denen türkische Einwanderer der zweiten und dritten Generation leben. Auch ein paar alteingesessene Familien, die es nicht gepackt haben, aus dem Viertel fortzuziehen, schicken ihre Kinder hierher ­ knapp 15 Prozent der Schüler sind Deutsche. Im Schulhof herrscht babylonisches Sprachengewirr.

"Eine riesige Chance, mehr zu lernen als anderswo", versichert Schulleiterin Anne Stübing, eine Idealistin. Die 54-jährige Frau, klein, drahtig, aktive Hockeyspielerin, stemmt sich mit all ihrer Energie gegen den Verdacht, ihre Schüler seien von vornherein zu künftigen Verlierern bestimmt. 26 Nationen, na und? Die Kinder würden eben spielerisch mit mehreren Sprachen, Sitten und Religionen konfrontiert.

In der Klasse 4 b funktioniert das. "Was heißt Montag in eurer Muttersprache?", fragt Rektorin Stübing. "Lunedí", ruft Edwiga, die Italienerin. "Ponedeljak", kräht Jasmina aus Bosnien. "Luni", verkündet Cristian aus Rumänien. Die 4 b, die von der Rektorin und ihrer Stellvertreterin betreut wird, ist die Vorzeigeklasse der Gebeschusschule. Die Kinder hier können vieles, was die Kinder in den anderen Klassen nicht können: selbständig arbeiten, im Internet surfen, Referate schreiben.

Der Vorwurf von Kollegen, die Leiterinnen hätten sich die aufgewecktesten und wissensdurstigsten Schüler herausgepickt, wird von Stübing bestritten: "Alles Quatsch." Erfolg oder Misserfolg hänge vor allem vom Ansatz ab. Gefragt werden müsse: "Wo sind die Stärken der Kinder?" Und nicht etwa: "Wo liegen ihre größten Schwächen?"

Doch die Schwächen sind selbst bei größtem Optimismus nicht zu übersehen. "Einige meiner Schüler wissen nicht, in welcher Stadt sie leben", bedauert Andrea Galler, Klassenlehrerin der 2 b. Andere glaubten fest, "dass die Erdbeeren an Bäumen wachsen". "Manchmal kann ich mich nur mit Zeichensprache verständlich machen", beschreibt Angelika Berthold, die in der 3 b unterrichtet, die Sprachverwirrung.

Karin Mittl, Klassenlehrerin der 1 b, unterrichtet seit 1966 an der Gebeschusschule, seit 36 Jahren. So verzweifelt und enttäuscht wie seit Herbst war die heute 59-Jährige noch nie. Die 1 b ist ihre letzte Klasse vor der Pensionierung. "Anfangs musste ich nur erziehen", erzählt sie. "Die Kinder konnten keine Stifte halten, nicht in Büchern blättern, nicht einmal ihre Jacken anziehen."

Das Vertrauen wächst nur langsam

Die meisten, der deutschen Sprache nicht halbwegs mächtig, hätten außerdem "einfach dichtgemacht". Nicht zugehört, nicht reagiert, sie kaum angesehen. Nicht aus Bosheit oder mangelndem Willen. "Sie waren überfordert."

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Entwurzelt, konfrontiert mit fremder Umgebung, fremden Erwachsenen, fremden Kindern, seien die Schüler vor Angst und Misstrauen verstummt. Erst jetzt, nach einem halben Jahr, entstehe allmählich Vertrauen, sei Lernen erstmals möglich.

"Kommt alle an die Tafel, und prägt euch die Zeichnung ein", fordert Lehrerin Mittl auf ­ eine Konzentrationsübung, die viele der Sechs- bis Neunjährigen schon überstrapaziert. Nur einige Kinder gucken genau, andere drängeln und schubsen, ein Mädchen schmiert sich mit Kreide die Jacke voll. Bis mit der Bildbeschreibung begonnen werden kann, vergeht eine Viertelstunde.

In der Gebeschusschule werden Benachteiligte besonders gefördert. "Rückstellung ist ein Willkürakt", glaubt Rektorin Stübing. Sie nimmt deshalb alle schulpflichtigen Kinder auf, ohne die übliche Feststellung der Schulfähigkeit; auch Sehbehinderte, Hörbehinderte und Lernbehinderte, die andernorts zurückgestellt oder auf Sonderschulen abgeschoben würden. Es gibt, in Integrationsklassen, besondere Förderung, bis hin zum Einzelunterricht.

"Du schmierst dich ja total voll", warnt Sozialpädagogin Rita Helm einen Erstklässler, der gerade den rechten Ellbogen in schwarze Schuhcreme taucht. Um die Feinmotorik zu verbessern, trainiert die Pädagogin mit Schülern der ersten Klassen, wie man Schuhe putzt, ein Glas Wasser eingießt, eine Tasse spült oder Schnürsenkel zubindet ­ alltägliche Verrichtungen, die in den Elternhäusern oft nicht geübt werden. Und weil viele Eltern versäumen, ihren Nachwuchs in Kindergärten zu schicken, bleibt nur die Schule.

Beim Schuheputzen fällt manchen schon die Reihenfolge schwer. Erst die Creme und dann die Schmutzbürste? Oder doch erst das Poliertuch?

Streng nach Stundenplan wird nicht gelernt, der 45-Minuten-Rhythmus, anderswo noch selbstverständlich, ist abgeschafft. "Eine rechnerische, keine pädagogische Einheit", findet die Rektorin. Die Schulklingel läutet nur noch einmal am Tag: nach Ende der großen Pause.

"Die Kinder konnten keine Stifte halten, nicht in Büchern blättern, nicht einmal ihre Jacken anziehen. Sie waren überfordert, haben einfach dichtgemacht."

In einer Ecke des Schulhofs hüpfen und tollen Mädchen verschiedener Nationalität übermütig miteinander ­ ganz so, als wollten sie Rektorin Stübings Traum einer harmonischen Multikulti-Schule wahr werden lassen. Den Refrain haben sie sich selbst ausgedacht: "Charly Chaplin flog auf Reisen, um den Mädchen was zu zeigen. Erstes Mal: Ollala, zweites Mal: Tscha-tschatscha."

Auf dem Flur im zweiten Stockwerk geht es weniger friedlich zu. Nuhmi hat David seinen Ranzen an den Kopf geschleudert, der wälzt sich weinend auf dem Boden. "Entschuldige dich", fordert eine Lehrerin von Nuhmi. "Gib ihm die Hand. Guck ihn dabei an. Es ist mir ernst."

Um Aggressionen abzubauen, sollen die Kinder zwischen dem Fachunterricht einmal am Tag richtig toben, auf Stelzen laufen, auf Pedalos balancieren, Bällen nachjagen. Die "tägliche Bewegungszeit" dient, neben dem Sportunterricht, als Ventil für den unbändigen Bewegungsdrang.

Lesen Sie im zweiten Teil:



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