Wirtschaft im Unterricht Eine Lobby bekommt ihr Schulfach

Die Stiftung eines reichen Verlegers fordert Wirtschaft als Pflichtfach in der Schule. Jetzt setzt die Landesregierung in Baden-Württemberg den Wunsch um. Gewerkschafter sind alarmiert.
Wirtschaft in einer Schule in Gaienhofen am Bodensee (Archivbild): Ein ähnliches Fach soll es bald flächendeckend geben

Wirtschaft in einer Schule in Gaienhofen am Bodensee (Archivbild): Ein ähnliches Fach soll es bald flächendeckend geben

Foto: Patrick Seeger/ picture-alliance/ dpa

Chiara weiß, was sie einmal werden will: Führungskraft. Auf die Business-Welt hat ihr Gymnasium in Marbach sie gut vorbereitet. Mit den Mitschülern hat sie eine Schülerfirma gegründet und Aktien an Verwandte verkauft, um Startkapital zu sammeln. Die diversen Beschwernisse des Unternehmertums waren Unterrichtsgegenstand.

"Ein Beispiel ist das Thema Mindestlohn", sagt die 17-Jährige in einer Broschüre der Dieter-von-Holtzbrinck-Stiftung . "Alle schreien danach, aber über die Nachteile spricht niemand. Darüber haben wir im Unterricht geredet."

Was am Marbacher Gymnasium bereits getestet wird, soll ab 2016 flächendeckend im Südwesten auf dem Stundenplan stehen. Erstmals in Deutschland führt Baden-Württemberg ein eigenständiges Pflichtfach Wirtschaft ein. "Das ganze Land rätselt, wie es zu diesem Fach gekommen ist", sagt Joachim Ruth, Bildungsexperte beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) in Baden-Württemberg. Er fürchtet: Das Fach könnte am Ende nicht eines über Wirtschaft sein - sondern eines der Wirtschaft.

Für die Holtzbrinck-Stiftung, die mit der Schülerin Chiara als Fürsprecherin wirbt, ist es ein beeindruckender Erfolg. Die Stiftung ist eine der treibenden Kräfte hinter dem neuen Fach im Land. Doro Moritz, die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW in Baden-Württemberg, spricht von einer "perfekten Lobbyarbeit".

"Wie es der Zufall wollte"

Dabei schien der Verleger Dieter von Holtzbrinck ziemlich unklare Vorstellungen gehabt zu haben, als er 2007 die Stiftung schuf. "Rettung aus Lebensgefahr", "allgemeine Förderung des demokratischen Staatswesens", "Entwicklungszusammenarbeit", "Kunst und Kultur" - laut Satzung wollte die Unternehmer-Stiftung so ziemlich alles fördern. Konkreter wurde es erst ein paar Jahre später: Der Stiftungszweck werde "insbesondere verwirklicht" durch "Maßnahmen zur Stärkung der Betriebswirtschaft im Rahmen der Schulausbildung".

Im November 2012 gab sich die Stiftung einen Beirat - und konnte dafür einflussreiche Köpfe gewinnen. Dem Gremium gehört neben Wirtschaftsvertretern unter anderem ein Referent aus dem Stuttgarter Kultusministerium an. "Wie es der Zufall wollte", war das Kultusministerium ohnehin gerade dabei, über ein Wirtschaftsfach nachzudenken, heißt es in einer Broschüre der Stiftung. Die enge Zusammenarbeit sei "sehr auffällig", sagt dagegen die GEW-Vorsitzende Moritz. Die Stiftung wiederum gibt sich verschwiegen: Nach mehrmaligen Anfragen teilt sie mit, dass sie sich grundsätzlich nicht gegenüber der Presse äußere.

Dafür unterstützen die Holtzbrinck-Medien umso eifriger das Anliegen der Stiftung. Ende 2014 veröffentlichte die Wochenzeitung "Die Zeit" einen Zweiseiter  über die Pläne des Baden-Württemberger Kultusministeriums. "Schüler wissen zu wenig über Wirtschaft", schrieb die Zeitung. "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo findet wiederum in Publikationen der Stiftung wohlwollende Worte für das neue Fach.

Das bei Holtzbrinck erscheinende "Handelsblatt" stellt Unterrichtsmaterial bereit - in diesem Fall sind es Lehrbroschüren für die Wirtschaftskunde. In der Unterrichtsreihe darf mit dem Präsidenten des Industrie- und Handelskammertages (DIHK) ein Unternehmenslobbyist das Gastwort schreiben. Der Duisburger Sozialökonom Till van Treeck hat die "Handelsblatt"-Materialien in einem Gutachten  unter anderem deswegen als teils einseitig marktliberal beurteilt.

Ministerium findet nichts an der Nähe zur Lobby

Der Draht der Holtzbrinck-Stiftung zur Stuttgarter Bildungspolitik ist jedenfalls kurz. Mit dem Kultusministerium verhandelt sie über Praktika, um die Lehrer im Land auf ihre neue Aufgabe vorzubereiten. Die Pädagogen sollen in Unternehmen hospitieren, die Stiftung würde die Schnuppereinsätze fördern und Vertretungskräfte an den Schulen finanzieren.

Das Ministerium kann nichts an der Nähe zu einer privaten Lobby finden. Man sei mit den verschiedensten Verbänden im Gespräch, sagt ein Sprecher. Die konkrete Ausgestaltung des Fachs erfolge "allein nach pädagogischen Maßstäben durch das Landesinstitut für Schulentwicklung". Deren Direktorin wiederum sitzt: im Beirat der Holtzbrinck-Stiftung.

Um die Lehrer speziell für das neue Fach auszubilden, soll an der Uni Tübingen zum kommenden Semester eine Professur eingerichtet werden - finanziert von der Holtzbrinck-Stiftung. Eher wirtschaftsliberal, sagt ein Mitglied der Berufungskommission, seien alle Kandidaten gewesen.

Eine Randnote des Auswahlverfahrens lässt aufhorchen: Der Bewerber, der laut Uni-Kreisen nun wohl das Rennen gemacht hat, scheint ein recht guter Bekannter eines Kommissionsmitglieds zu sein. In den vergangenen Jahren haben die Professoren immer wieder gemeinsam veröffentlicht.

Der Leitfaden der Universität stellt gemeinsame Publikationen explizit als Indiz für Befangenheit dar. Auch Sascha Noack, Rechtsexperte beim Deutschen Hochschulverband (DHV), hält eine solche Konstellation für problematisch - und für rechtlich möglicherweise angreifbar. Von der Uni heißt es, man wolle sich nicht zum laufenden Verfahren äußern.

Die Holtzbrinck-Stiftung war ebenfalls in der Berufungskommission vertreten und trug das fragliche Verfahren mit. Vielleicht weil man wusste, was man an dem künftigen Professor hat: Er war schon im Oktober 2013 als Referent auf einer Tagung, die die Stiftung an der Uni Tübingen veranstaltet hatte.

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