Baden-Württemberg Heilig's Blechle, bloß keine Gesamtschule

In Karlsruhe plante ein Bündnis aus Eltern, Politikern und Lehrern eine neue Form von Schule: gemeinsames Lernen bis Klasse 10, nach skandinavischem Vorbild. Doch Kultusminister Rau winkte ab. Die Landesregierung klammert sich ans alte, dreigliedrige System - der Widerstand wächst.

DPA

Von


Es war ein kühnes Vorhaben: eine Schule von Grund auf neu zu gestalten. Vor rund fünf Jahren erkannte der Gesamtelternbeirat in Karlsruhe ein städtebauliches Großprojekt als Chance: Ein neuer Stadtteil entstand, Südoststadt, wenig einfallsreich benannt, aber noch völlig ohne Schule. Warum also nicht etwas wagen?

"Skandinavisches Schulmodell" nannten die Karlsruher Eltern ihr Konzept: Gemeinsames Lernen bis Klasse 10, keine Unterscheidung nach Haupt-, Realschule oder Gymnasium, selbständiges Lernen, kein Ausschluss von behinderten Schülern und keine allgemeinen Bildungsstandards, sondern individuelle Lehrpläne. Die Schüler sollten nach der neunten oder zehnten Klasse Abschlüsse machen können, wer dann will oder kann, würde in die Oberstufe eines Gymnasiums wechseln.

Der Elternbeirat stellte das Konzept verschiedenen Institutionen, Parteien und Gruppen der Stadt vor - und stieß auf Begeisterung: Es entstand ein Bündnis aus der Lehrergewerkschaft GEW, SPD, Grünen, einzelnen Lehrern und Eltern.

Doch was dann folgte, steht beispielhaft für die Schulpolitik in Baden-Württemberg, wo die Regierung am dreigliedrigen Schulsystem festhält, während immer mehr kommunale und private Initiativen versuchen, Schulpolitik selbst in die Hand zu nehmen. Anfang dieser Woche teilte Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU) mit, die Karlsruher Modellschule werde nicht genehmigt. Der Schulversuch entspreche "nicht den bildungspolitischen Rahmenvorgaben des Landes".

Die Hauptschule ist unantastbar

Die Ablehnung habe sie erwartet, sagt Renate Rastätter, Karlsruher Grünen-Abgeordnete und bildungspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion. "Aber unser Antrag erhöht den Druck aus Kommunen und aus der Elternschaft, endlich zum integrativen Modell zu wechseln."

Doch Baden-Württemberg setzt auf Kooperation statt Integration: Während in anderen Bundesländern die bloße Zusammenarbeit der eigenständigen Haupt- und Realschule längst etabliert oder gar schon durch integrative Konzepte ersetzt wurde, gilt die Kooperation im Ländle als Fortschritt und wird in Schulversuchen erst erprobt.

Für die Landesregierung steht fest: Die Hauptschule bleibt. Auch im Südwesten Deutschlands genießt sie keinen guten Ruf, doch Kultusminister Rau klammert sich an ihren Erhalt. Im letzten Jahr entschied er zwar, dass Hauptschulen ab dem Schuljahr 2010/2011 "Werkrealschulen" heißen sollen. Doch außer der Umbenennung ändert sich wenig, das dreigliedrige Schulsystem wird nicht angerührt. Und die Entscheidung, wer auf welche Schule kommt, fällt in Baden-Württemberg weiterhin nach Klasse vier.

Das Land stemmt sich gegen den bundesweiten Trend, auf ein zweigliedriges Schulsystem umzustellen und die Hauptschule abzuschaffen, wie es etwa Berlin diskutiert, Bremen plant und Hamburg bereits umsetzt. Auch in den Pisa-Gewinnerländern Sachsen und Thüringen gibt es keine Hauptschule. Die vierjährige Grundschule steht in Baden-Württemberg nicht zur Diskussion, während sich in anderen Ländern Kritiker der frühen Selektion zunehmend durchsetzen.

Integration mangelhaft

Dabei besteht auch in Baden-Württemberg Handlungsbedarf: Im Juni veröffentlichte etwa das Landesamt für Statistik Zahlen, nach denen 14 Prozent der ausländischen Abgänger die Schule 2008 ohne Hauptschulabschluss verließen - ein mehr als dreimal so hoher Anteil wie bei den deutschen. Und von den insgesamt knapp 31.100 Abgängern mit Abitur waren nur gut zwei Prozent ausländische Schüler.

Zudem gehen laut Sozialverband Deutschland (SoVD) nur 25,7 Prozent der behinderten Schüler auf allgemeinbildende Schulen. Die Uno-Konvention für die Rechte Behinderter, die Deutschland ratifiziert hat, nennt eine Zielmarke von 80 bis 90 Prozent. Der SoVD zählt Baden-Württemberg zu den Ländern, die eine reservierte bis ablehnende Haltung zur sogenannten inklusiven Bildung einnehmen: "Modellschulen müssen um den Fortbestand ihrer Integrationsprojekte kämpfen, und ein politischer Wille zu Inklusion ist nicht erkennbar."

Glaubt man der Abgeordneten Rastätter, steigert sich der Unmut über die Schulpolitik schon seit der Bekanntgabe der niederschmetternden Pisa-Ergebnisse 2001. In Baden-Württemberg lebten viele Eltern aus dem Bildungsbürgertum. "Unter diesen Eltern hat das schlechte Abschneiden bei Pisa einen erheblichen Bewusstseinswandel ausgelöst", so die Abgeordnete. Mit Blick auf die Gewinnerländer in Skandinavien sei die Ansicht gewachsen, dass Kinder bessere Leistungen bringen, "wenn sie länger gemeinsam lernen".

Die Anträge mehren sich - ohne Aussicht auf Erfolg

Tatsächlich mehren sich Anträge aus Kommunen, die eigene Schulmodelle umsetzen wollen oder zumindest Realschulen gründen wollen, wenn sie vor Ort nur über eine Hauptschule verfügen. Denn immer weniger Eltern wollen ihre Kinder auf eine "Restschule" schicken, deren Abschluss ihnen wenig attraktiv erscheint.

"Wir als Opposition stellen nun vermehrt Anträge auf Schulmodelle aus Kommunen, um den Unmut im Land sichtbar zu machen", sagt Johannes Stober (SPD), Landtagsabgeordneter aus Karlsruhe.

Doch die Anträge haben kaum Aussicht auf Erfolg - und werden zuweilen schon ausgebremst, bevor sie das Ministerium überhaupt erreichen. So schickte Karlsruhes Oberbürgermeister Heinz Fenrich (CDU) das Konzept dem Regierungspräsidium, das es dem Kultusminister übergeben sollte. Kurt Gutfleisch, Schulvizepräsident des Präsidiums, legte dem Konzept eine persönliche Einschätzung bei.

Darin erklärt er das Konzept kurzerhand zu einem Hauptschulmodell, bei dessen Verwirklichung mit "Akzeptanzproblemen der Elternschaft" zu rechnen sei. Schließlich sei schon der Versuch gescheitert, an zwei Karlsruher Schulen Kooperationsklassen von Haupt- und Realschülern einzurichten. Sprich: Wer Kooperation ablehnt, will Integration schon gar nicht.

So war es wenig überraschend, dass Kultusminister Rau in der Begründung seiner Ablehnung schrieb, dass ein solcher Schulversuch "bei der Elternschaft auf breite Ablehnung stoßen wird". Dabei war das Konzept von Karlsruher Eltern initiiert und auf den Weg gebracht worden. Doch das Kultusministerium werde, schrieb Rau weiter, keine Schulversuchsanträge genehmigen, "die das Schulsystem beliebig machen und vom Landtag getroffene bildungspolitische Grundsatzentscheidungen konterkarieren".

"Der Wille hier im Land ist stark"

"Es ist das Konzept für eine Modellschule, die hätte das Schulsystem nicht auf den Kopf gestellt", sagt dagegen Sabine Fleckenstein-Daum vom Elternbeirat Karlsruhe. Doch das Kultusministerium bleibt dabei. "Wir wollen keine überstürzte und radikale Schulreform, wir entwickeln Schule aus den bestehende Strukturen heraus weiter", sagte ein Sprecher SPIEGEL ONLINE und verteidigte das dreigliedrige Schulsystem: "Es setzt leistungsschwächere Schüler nicht unter Konkurrenzdruck, sondern gibt ihnen Raum zur Entfaltung."

Das sieht Rastätter anders. "Es gibt kein Verständnis mehr für den massiven Auslesestress in der Grundschule", sagt sie. Das Problem sei, dass in Baden-Württemberg nie eine Auseinandersetzung stattgefunden habe zur Frage, ob ein Gesamtschulmodell eine Alternative sein könnte. "Die gab es nicht, weil es hier seit 1978 keine Gesamtschulen mehr gibt."

Ob das Karlsruher Modell zur Verbesserung der Integration ausländischer und behinderter Schüler beigetragen hätte, könne keiner wissen. "Doch man muss doch so etwas versuchen, sonst erfährt man es nicht."

Rastätter und Fleckenstein-Daum sehen die Ablehnung ihrer Wunschschule nicht als endgültig an. "Der Wille hier im Land ist stark, den Selektionsstress abzuschaffen", sagt Rastätter. Auch wenn ihr Antrag abgelehnt worden sei, habe er den Druck erhöht, "endlich zum integrativen Modell zu wechseln". Fleckenstein-Daum gibt sich kämpferisch: "Wir bleiben dran."



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.