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Junge Frau überlebt Bahnstrom-Unfall 15.000 Volt statt Sternenhimmel

Im Sommer vor drei Jahren stieg Vanessa Vaske, 24, nachts auf einen stehenden Güterwaggon. Den Stromschlag überlebte sie schwerverletzt. Die Geschichte einer jungen Frau, die heute andere Jugendliche warnt - vor einer häufig unterschätzten Gefahr.

Vanessa Vaske reagiert äußerlich nicht emotional, sie wirkt auch nicht nachdenklich, als sie in die Nähe des Ortes kommt, an dem sie fast ums Leben kam. "Ich habe nur so ein Kribbeln. Da ist immer noch diese Hoffnung, dass etwas von der Erinnerung wiederkommen könnte."

Die junge Frau hat das Unglück gut verarbeitet, da sei kein Trauma, sagt sie. Aber die Frage, warum genau sie vor drei Jahren am Osnabrücker Güterbahnhof auf einen Waggon geklettert ist, beschäftigt sie bis heute. Und manchmal quält sie sie auch.

Das Unglück passierte am 11. August 2012. Die damals 21-Jährige war in einem Klub und lernte einen jungen Mann kennen, mit dem sie zum nahe gelegenen Rangierbahnhof ging. Die Züge standen still. Die beiden kletterten auf einen Waggon, Vanessa vermutlich zuerst. Die Quittung bekam ausschließlich sie: Weil die junge Frau der Oberleitung zu nahe kam, traf sie ein Stromschlag. Vanessa Vaske flog vom Waggon, nur ihre Flip-Flops blieben auf dem Dach stehen. Als sie ohnmächtig neben dem Gleis liegen blieb, war ihre Haut großflächig verbrannt und sie schwebte in akuter Lebensgefahr.

Schlag kann tödlich sein, obwohl die Leitung nicht berührt wird

Wer auf einen Bahnwaggon klettert, überlebt dieses Abenteuerspiel in vielen Fällen nicht. Die Oberleitungen haben - auch wenn kein Zug fährt - eine Spannung von 15.000 Volt, das sind 65-mal mehr als in einer Steckdose. Was Vanessa Vaske nicht wusste, und was immer noch viele Menschen nicht wissen: Man muss die Leitungen oder Teile, durch die Strom fließt, nicht berühren, um einen tödlichen Schlag zu erleiden. Unterschreitet man die Distanz von eineinhalb Metern, droht bereits ein Spannungsüberschlag, auch Lichtbogen genannt. Der menschliche Körper fungiert dann als Leiter für den elektrischen Strom und erhitzt sich auf bis zu 20.000 Grad.

Dass Vanessa Vaske diesen Unfall nicht nur überlebt hat, sondern drei Jahre später ein normales Leben führen kann, grenzt an ein Wunder. 36 Prozent ihrer Haut sind verbrannt, die Spuren des Stromschlages werden für immer sichtbar sein. Trotzdem hadert Vanessa nicht. "Ich bin ein Glückskind, das bin ich auch immer schon gewesen."

Andere Opfer von Bahnstromunfällen verlieren mindestens drei Viertel ihrer Haut. So wie ein damals 18-Jähriger, der ebenfalls im Sommer 2012 auf einem Güterwaggon kletterte, ebenfalls in Osnabrück. Fast 90 Prozent seiner Haut verbrannten durch den Stromschlag. "Ich habe ihn einmal in der Reha in Osnabrück getroffen", sagt Vanessa Vaske. "Als ich ihn gesehen habe, dachte ich nur, dass ich überhaupt keinen Grund habe, mich über irgendetwas zu beklagen."

Wollte sie die Sterne angucken? Sie weiß es nicht mehr

Nach ihrem Unfall wurde Vanessa Vaske in einer Hamburger Spezialklinik behandelt. Die Ärzte mussten die junge Frau fünfmal operieren, erst dann war sie in einem stabilen Zustand. Erinnern kann sie sich an diese Phase kaum. "Ich hatte auch keine Schmerzen, ich war mit Morphium sehr gut versorgt." Nach sieben Wochen Behandlung konnte sie wieder entlassen werden - nach so einem schweren Unfall mehr als ungewöhnlich. Sie habe einfach gutes Heilfleisch, sagt die junge Frau. Und lacht.

Um mögliche Nachahmer zu warnen, hat Vanessa Vaske jetzt an einem knapp zehnminütigen Aufklärungsfilm der Bundespolizei mitgewirkt. Auf die große Frage nach dem Warum antwortet sie im Film: "Ich bin da einfach drauf. Ich kann mich zwar nicht erinnern, aber ich glaube, dass ich gar nicht darüber nachgedacht habe." Die Gefahr sei ihr jedenfalls nicht bewusst gewesen. Sie könne sich vorstellen, dass sie sich die Sterne angucken wollte, weil es auf so einem alten, verrosteten Waggon sehr idyllisch sei.

Als wir in der Nähe des Unfallorts stehen und Vaske auf diese Äußerung angesprochen wird, sagt sie: "Ja, ich will da aber eigentlich auch nicht zu viel reininterpretieren. Es war einfach eine total dumme, spontane Aktion."

Ihr Begleiter ließ sie einfach liegen

Möglicherweise sei es aber auch die Idee des jungen Mannes gewesen. "Vielleicht hat er mich dazu gedrängt", sagt sie irgendwann im Gespräch, sehr nachdenklich und leise. "Ich weiß noch, dass er auf dem Weg zu den Gleisen sehr dominant war. 'Halt!', 'Geh weiter!', 'Bleib stehen!', so war das." Sein dominantes und leicht unverschämtes Verhalten habe sie an dem Abend gereizt. "Im Klub meinte er einfach nur zu mir: Du bist komisch." Später hätten sie geknutscht, auch da sei er sehr fordernd gewesen, mehr will sie dazu nicht sagen. Er jedenfalls könne sich auch nicht mehr daran erinnern, wohl, weil er ziemlich betrunken war.

Eigentlich, sagt Vanessa, wolle sie aber über ihren Begleiter gar nicht sprechen. "Wenn er das hier liest, macht er sich wieder Vorwürfe." Vorwürfe allerdings weniger, weil er mit ihr auf den Waggon geklettert sei - sondern vor allem, weil er sie nach dem Stromschlag liegen ließ. Der junge Mann rannte, offenbar im Schock, zurück zum Klub. Erst dort habe er den Notarzt gerufen. In der Zwischenzeit war Vanessa Vaske schon von einem Lokführer gefunden worden, der den Stromschlag mitbekommen hatte.

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Bahnstrom-Unfall bei 15.000 Volt: "Eine total dumme, spontane Aktion"

Foto: Hendrik Steinkuhl

"Meine Mutter hat mir noch in der Klinik gesagt: Verzeih ihm!" Das, sagt die junge Frau, habe sie auch getan. Anders als ihr Bruder und ihr Vater, die ihren Begleiter auch drei Jahre nach dem Unfall am liebsten noch immer verprügeln würden. Weil er Vanessa liegen ließ.

Jedes Jahr verunglückt eine zweistellige Zahl meist junger Erwachsener auf die gleiche Art wie Vanessa Vaske. Zuletzt erlitt Ende Juni ein 35-Jähriger in Hamburg einen Stromschlag auf einem Heizöl-Waggon. Viele der Opfer von Bahnstromunfällen sind betrunken, wenn sie auf einen Waggon klettern. Vanessa Vaske war stocknüchtern. Zu ihrem Glück. "Wäre sie betrunken gewesen, hätte die Unfallversicherung nur die notwendige Erstversorgung bezahlt - alles weitere nicht mehr", sagt Bundespolizist Hermann Lampen. Es gebe in Deutschland viele Familien von Bahnstrom-Opfern, die bis zu 100.000 Euro Schulden hätten, weil sie selbst für kosmetische Operationen und Rehabilitation aufkommen mussten.

Als Opfer fühlt sich Vaske übrigens nicht. Sie möchte kein Mitleid. Deshalb fühlt sie sich im Sommer oft nicht wohl, wenn ihre Narben sichtbar sind und die Menschen sie bedauern. Oder, auch das kommt vor, Kinder sehr heftig reagieren. "Das ist immer blöd, ich will ja niemanden erschrecken."

Nach ihrer Reha ist Vanessa in Hamburg geblieben, sie wollte nicht zurück nach Osnabrück. Hier versucht sie nun, auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nachzuholen. Sie sei ein glücklicher Mensch, sagt sie, und immer wieder dankbar dafür, so glimpflich davongekommen zu sein. Emotional wird sie allerdings, wenn sie Jugendliche sieht, die auf Bahngleisen oder auch nur in deren Nähe spielen. Das sei in letzter Zeit häufiger vorgekommen. "Ich schreie die dann an, zeige denen meine Narben und sage: Das kann euch auch passieren!"

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Foto: Lisa Meinen

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