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11. April 2019, 10:42 Uhr

Tritte, Schläge, Kratzer

Lehrerin an Wiener Ballettakademie soll Mädchen geschlagen haben

Die Ballettakademie der Wiener Staatsoper ist unter Druck: Eine Lehrerin soll ihre Schülerinnen über Jahre hinweg gedemütigt, getreten und gekratzt haben.

In der renommierten Ballettakademie an der Wiener Staatsoper hat eine Lehrerin ihre Schülerinnen offenbar jahrelang gedemütigt und misshandelt. Das Wiener Wochenmagazin "Falter" berichtete als erstes über den Skandal. Nach Angaben der Nachrichtenagentur APA ermittelt die Staatsanwaltschaft.

Die Lehrerin sei bereits im Januar entlassen worden, heißt es im "Falter". Das Magazin zitiert aus E-Mails und WhatsApp-Chats, in denen Schülerinnen über eine "sadistische Lehrerin" aus Russland geklagt hätten, die sie gedemütigt, getreten, blutig gekratzt, blau gezwickt und an den Haaren gerissen habe.

Oftmals mussten sich die Mädchen demnach verletzende Bemerkungen über ihr Äußeres anhören. Einige seien davon in die Anorexie getrieben worden. Psychologische Betreuung und ernährungswissenschaftliche Beratung hingegen habe es an der Akademie so gut wie keine gegeben.

"Jugendstrafanstalt"

Eine ehemalige Schülerin spricht im "Falter" von einer "Jugendstrafanstalt": "Ich wurde psychisch gebrochen. Es dauerte Jahre, bis ich wieder ins Ballett fand." Der Direktor der Staatsoper, Dominique Meyer, bestätigte den Bericht. "Ich bin getroffen, traurig und sehr böse", sagte Meyer bei einer Pressekonferenz.

Er kündigte eine umfassende Aufklärung an. Nach Darstellung der Staatsoper war die achte Klasse, insgesamt also neun 17- bis 18-Jährige, von dem gewalttätigen Regiment betroffen.

Dem Magazin "Falter" zufolge ermittelt die Kinder- und Jugendanwaltschaft schon seit Monaten in dem Fall. "Im Grunde hätten wir diesen Laden sofort zusperren müssen", sagte demnach ein Beamter.

In einem weiteren Fall wirft ein ehemaliger Schüler einem damaligen Lehrer einen sexuellen Übergriff vor. Der Mann wurde vom Dienst suspendiert. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt nach eigenen Angaben wegen Missbrauchs eines Autoritätsverhältnisses und sexueller Belästigung. Es müsse geprüft werden, ob auch wegen Körperverletzung ermittelt werde, sagte eine Sprecherin der Behörde zur Nachrichtenagentur APA.

Aus Angst geschwiegen?

Ob das Einzelfälle unter den insgesamt 15 Lehrern waren oder ein System dahintersteckte, soll auf Weisung von Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) jetzt eine Sonderkommission untersuchen. Die Leiterin der Ballettakademie, Simona Noya, erklärte, die Klagen erreichten sie erst jetzt. Offenbar hätten die Mädchen aus Angst vor ihrer Lehrerin lange geschwiegen.

Die Lehrerin sei bereits vor zwei Jahren wegen ihres Verhaltens mündlich verwarnt worden, einige Monate lang sei es daraufhin besser geworden, sagte Meyer dem ORF. Dann aber sei die Frau wieder in ihre alten Gewohnheiten zurückgefallen. Er bedauere es inzwischen sehr, die Lehrerin nicht früher entlassen zu haben.

Die Ballettakademie wurde 1771 gegründet und hat zurzeit mehr als hundert Schüler. Die Akademie weist gerne darauf hin, dass Absolventen bei den berühmtesten Ballettensembles der Welt tanzen, darunter dem Royal Ballet in London, dem Mariinski-Ballett in Sankt Petersburg sowie dem American Ballet Theatre in New York.

kha/AFP/dpa

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