Bayerische Peruaner bei Olympia "Wahnsinn, die Top-Fahrer sind gleich neben uns"

Dabei sein ist alles: Ornella Oettl Reyes, 18, und ihr Bruder Manfred, 16, sind in Skirennen chancenlos, aber bester Laune. In knallbunten Lama-Anzügen starten die bayerischen Geschwister für Peru - den Skiverband gründete ihre Mutter. Im Interview berichten Nelly und Manni über ihren Olympia-Start.


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Lama-Alarm: "Ich war besser als Bode Miller"
SPIEGEL ONLINE: Wieso tretet ihr als deutsche Schüler und Geschwister für Peru bei den Olympischen Spielen an?

Ornella: Die Idee gab es schon lange, weil wir ja neben der deutschen auch die peruanische Staatsbürgerschaft haben und schon seit unserem dritten Lebensjahr Ski fahren. Das Problem war nur, dass es in Peru keinen Skiverband mehr gab - bis wir ihn vor rund zwei Monaten neu gegründet haben. Das hat alles unsere Mutter organisiert, viel telefoniert und die offiziellen Papiere besorgt. Erst zwei Wochen vor Olympia bekamen wir Bescheid, dass es klappt.

SPIEGEL ONLINE: Wart ihr als amtliche peruanische Skifahrer schon in Peru?

Ornella: Beim letzten Besuch dort waren wir beide noch sehr klein. Der Großteil unserer Verwandten lebt aber in Peru, wir telefonieren oft und wollen nach Olympia auch wieder hin. Im Sommer fliegen wir außerdem zu den Südamerika-Meisterschaften und fahren dort für unser Land.

SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist Perus Olympia-Team?

Ornella: Mein Vater ist als Servicemann dabei, wir haben einen italienischen Coach, dann gibt es noch einen weiteren Athleten und zwei oder drei Betreuer.

SPIEGEL ONLINE: Was macht ihr den lieben langen Tag im olympischen Dorf?

Manfred: Wir haben eine große Wohnung mit vier Zimmern und Bad. Hier wohnen der Trainer, unser Vater und die Nelly natürlich.

Ornella: Die Tage laufen ziemlich gleich ab: um 6 Uhr aufstehen, Frühstück, dann mit dem Bus bis zur Piste. Training bis um 13 oder 14 Uhr, kurze Pausen, noch mal Training und dann auslaufen, ins Fitnessstudio oder zur Massage. Nach dem Abendessen geht es früh ins Bett. Aber abends gibt es manchmal noch kleine Konzerte, da spielt Manfred dann Gitarre.

Manfred: Ja, im Haus der Athleten. Ich habe einen guten Freund gefunden, Erjon Tola, er ist der einzige Skifahrer für Albanien. Mit ihm setze ich mich zusammen, und wir spielen ein bisschen.

SPIEGEL ONLINE: Wie war der Einzug ins Stadion von Vancouver?

Manfred: Das war total beeindruckend, weil so viele Leute um einen herum jubeln. Wir waren eine sehr kleine Gruppe, gleich hinter uns war die Gruppe der Polen ziemlich groß. Alles war weiß, der gesamte Boden und unsere kleine Gruppe mittendrin. Die Fahne hat Roberto getragen, der ist im Cross-Country-Skiing für Peru Vorletzter geworden.

SPIEGEL ONLINE: Fühlt ihr euch eher wie Athleten oder wie begeisterte Zuschauer - und macht Fan-Fotos mit Lindsey Vonn und Bode Miller?

Manfred: Wir fühlen uns schon eher als Athleten, aber wenn man Stars wie Bode Miller sieht, denkt man schon: Wahnsinn, diese Top-Fahrer sind gleich neben mir und trainieren auf der gleichen Piste. Nur sieht man sie nicht oft, im Athletendorf gar nicht.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach zwei getrennten Welten, hier die Profis und dort die anderen Teilnehmer. Schon mal eine olympische Medaille in der Hand gehabt?

Manfred: Leider nicht, das wäre echt cool gewesen. Ich habe noch keinen Olympiasieger getroffen. Es sind getrennte Welten. Den Bode sieht man nie beim Essen, der hat wahrscheinlich seinen eigenen Koch dabei. Maria Riesch haben wir auch nur beim Flug hierher gesehen und dann noch mal kurz beim Training. Aber ich möchte Bode Miller noch um ein Autogramm bitten.

SPIEGEL ONLINE: Haben dich schon Rennläufer auf dein außergewöhnliches Startland Peru angesprochen?

Manfred: Vor allem mit Sportlern aus kleinen Nationen kommt man ins Gespräch - mit Pakistanern und Iranern und eben mit meinem Freund aus Albanien, außerdem mit den spanischsprachigen Sportlern aus Argentinien und Chile.

SPIEGEL ONLINE: In der Abfahrt sind Fahrer reihenweise gestürzt, auch Bode Miller hat es im Riesenslalom rausgehauen. Habt ihr manchmal Angst vor der anspruchsvollen Olympia-Strecke?

Manfred: Nein, wir schauen uns die Strecke vorher gut an, dann weißt du, wie du fahren musst. Als wir frei auf der Rennstrecke fahren durften, habe ich gemerkt: Die Piste ist sehr hart, sehr griffig. Da brauchst du gute Kanten und eine gute Position auf dem Ski, sonst rutscht du eben weg. Aber als Rennläufer sollte man das können. Schwer war für mich nur, dass der Lauf so lang war. Anderthalb Minuten fand ich auf einer echt harten Piste sehr anstrengend. Bei anderen Wettkämpfen ist es aber oft schwieriger, wenn du mit einer hohen Startnummer spät fährst und die Strecke voller Buckel und Mulden ist. Dagegen war das hier eine richtig schöne Piste, eine so schöne bin ich eigentlich noch nie gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Wie viele Sekunden lagen im Riesenslalom zwischen dir und dem Sieger Carlo Janka aus der Schweiz?

Manfred: Oh, ein Haufen. Ich hatte etwa zwölf Sekunden Rückstand pro Lauf. Aber von 103 Startern hatte ich die Startnummer 100 und war am Ende auf Rang 67, Erjon aus Albanien war ein wenig vor mir - das wird nur so kurz eingeblendet, dass man schon schauen muss, wo man selbst gelandet ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr habt peruanisch gemusterte Rennanzüge, knallbunt mit Lamas drauf, sie sehen aus wie gestrickt. Woher bekommt ihr eure Profi-Ausrüstung? Es gab doch bisher keine Skirennläufer aus Peru.

Manfred: Die hat eine italienische Firma extra für uns entworfen. Jacken, Hosen, Protektoren, Stöcke und Handschuhe haben wir von Sponsoren bekommen. Und den Aufenthalt im olympischen Dorf und das Drum und Dran bezahlt das IOC. Meine Mutter wohnt bei Freunden in Vancouver und ist mit einem Gästepass dabei.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt, da ihr für Peru gestartet seid - könntet ihr auch noch mal für Deutschland antreten?

Manfred: Ich glaube, das möchte ich gar nicht. Für Peru ist mir lieber, allein weil sich das schon exotischer anhört (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Was ist bisher dein Olympia-Highlight?

Manfred: Der Einmarsch ins Stadion war sehr besonders. Und dann natürlich das Ende des Rennens, als ich im Ziel stand, mit den ganzen Reportern, die mich so viel gefragt haben. Das war echt gut, da kommt man sich richtig wichtig vor (lacht).

SPIEGEL ONLINE: Bist du der jüngste Skistarter?

Manfred: Ja, es gibt noch zwei 16-Jährige, aber ich bin der Jüngste. Der eine kommt aus Georgien, mit dem habe ich mich kurz unterhalten.

Das Interview führte Christoph Titz

insgesamt 15 Beiträge
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saxae 26.02.2010
1. olympisch
Find ich Klasse. Außer Eishockey der einzige Grund, warum ich Olympia schaue! Mich interessieren "Hightech-Läufer" die Medaillen über Medaillen sammeln überhaupt nicht, vor allem nicht, wenn Reporter großmundig tausendstel Sekunden Abstand als mit gut oder schlecht zu differenzieren versuchen. Eigentlich ist genau dass, was die Menschen in dem artikel machen, Olympia, nicht diese ewige Hatz nach Geld und Ruhm!
bartschuster 26.02.2010
2. schoen
Finde ich ebenfalls klasse. Mal wieder eine von den schoenen Geschichten die das Leben schreibt !
mischamai 26.02.2010
3. nicht nur farbig der Wäsche wegen...
einfach eine tolle Geschichte,würde den Beiden noch wünschen etwas Buntmetall mit nach Hause zu nehmen. Ganz unverhofft kommt manchmal doch....
fucus-wakame 26.02.2010
4. Rennanzüge bzw. Catsuits aus Wolle
In diesem Zusammenhang: wo könnte man sich so einen Catsuit bzw. Rennanzug aus Wolle stricken lassen?
Taske 26.02.2010
5. Und ...
Zitat von sysopDabei sein ist alles: Ornella Oettl Reyes, 18, und ihr Bruder Manfred, 16, sind in Skirennen chancenlos, aber bester Laune. In knallbunten Lama-Anzügen starten die bayerischen Geschwister für Peru - den Skiverband gründete ihre Mutter. Im Interview berichten Nelly und Manni über ihren Olympia-Start. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,680268,00.html
... ein bisschen peinlich ist es doch, sich auf diese Art und Weise zu einer Olympiade zu tricksen. Verkörpert jemand der sich z.B. via Einbürgerungsmauschelei für die Niederländischen Antillen in die Bobbahn stürzt, den olympischen Gedanken tatsächlich eher, als der Sportler einer "echten" Wintersportnation, der rackert und kämpft und trotzdem schon in der nationalen Ausscheidung scheitert? "Echte" Exoten ala "Eddy the eagle" oder die "Cool Running"-Jungs: Gerne! Aber wenn ich mich als Quasi-Deutscher mit überschauberem, sportlichen Können ins Dorf der Olympioniken mogele ... Och, nö. Dann messe ich mich doch lieber mit Gegnern auf Augenhöhe. Bei den örtlichen Bezirksmeisterschaften zum Beispiel.
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