"Auslese" fürs Gymnasium So sortiert Deutschland seine Kinder aus

Wer darf aufs Gymnasium - und wer nicht? Diese Frage setzt ganze Familien unter Stress und zeigt, wie fragwürdig die Selektion von Grundschülern ist. Als Extrembeispiel gilt Bayern. Der Mai ist hier ein besonderer Monat.
Fünftklässler an einem Gymnasium

Fünftklässler an einem Gymnasium

Foto: Bernd Weissbrod/ picture alliance / dpa

Der Mai ist der "Monat der Auslese", so empfinden es viele Viertklässler und Eltern in Bayern. Jetzt stellt sich heraus, wie es nach der Grundschule weitergeht. "Für Kinder ist der Druck davor enorm, teilweise schon seit der ersten Klasse", sagt Martin Löwe, Vorsitzender des Bayerischen Landeselternverbandes. "Einige Eltern setzen alles daran, dass die Kinder es aufs Gymnasium schaffen."

In den Klassen drei und vier sei die Belastung besonders hoch, erzählt Löwe, selbst vierfacher Vater. Da werde in Nachhilfe investiert oder ständig mit Kindern geübt. Alles dreht sich darum, dass sie bei den Übertrittszeugnissen Anfang Mai den Notenschnitt von mindestens 2,33 in Deutsch, Mathe, Heimat- und Sachunterricht erreichen. Denn der erlaubt den Wechsel aufs Gymnasium.

Von einem "Grundschul-Abitur" ist die Rede. Wer diese Hürde nicht schafft, kann sich nur noch für Mitte Mai zum Probeunterricht anmelden - und muss sich dort bewähren. "Kindliche Bedürfnisse bleiben bei diesem ganzen Auswahlverfahren oft auf der Strecke", kritisiert Löwe. "Es bleibt viel zu wenig Zeit zum Spielen." Schon Neunjährige litten unter Erschöpfungszuständen.

Die Selektion der Kinder nach der vierten Klasse hält er für zu früh. Zumal der Druck nicht unbedingt nachlässt, wenn der Wechsel aufs Gymnasium geschafft ist: "In den Klassen fünf, sechs und sieben wird oft weiter ausgesiebt, sodass Kinder wieder abgeschult werden", sagt Löwe. Das ganze System ziele auf Aussonderung. "Das ist kinderfeindlich."

Martin Löwe, Vorsitzender des Bayerischen Elternverbandes

Martin Löwe, Vorsitzender des Bayerischen Elternverbandes

Foto: BEV

Bayern gilt als Extrembeispiel, weil die Notenregeln so rigide sind. In vielen Bundesländern zählt der Elternwille beim Schulwechsel mehr. Trotzdem geraten auch im Rest der Republik Familien unter Druck, weil das Kind einen der begrenzten Plätze am Gymnasium haben und behalten soll. Die Gründe dafür sind nicht bei allen gleich - die Folgen teils drastisch.

Woher kommt der Druck?

Die Sozialforscherin Katja Wippermann hat nach rund 200 Interviews mit Eltern festgestellt: Die Frage 'Gymnasium oder nicht?' hat in einigen Familien inzwischen einen extrem hohen Stellenwert erreicht - mitverursacht durch den Pisa-Schock 2001.

"Eltern haben dabei dieses politische Mantra aufgenommen: 'Bildung ist wichtig oder per se der Schlüssel zu einem erfolgreichen Leben", sagt Wippermann. Das gelte vor allem für Eltern aus der bürgerlichen Mitte. "Hier geben manche Mütter, darunter promovierte Akademikerinnen, ihren Beruf zum Schulwechsel ihrer Kinder auf oder arbeiten nur noch Teilzeit. Sie wollen nachmittags Zeit haben, um ihre Kinder beim Lernen zu coachen."

Katja Wippermann, DELTA-Institut

Katja Wippermann, DELTA-Institut

Foto: DELTA-Institut

Der Schulerfolg von Kindern hänge dadurch stark vom Elternhaus ab - ein Umstand, der Deutschland in Studien immer wieder angekreidet wird. Bei einigen Eltern führe er außerdem zu dem Eindruck, der Schulerfolg der Kinder sei ihr eigener Erfolg oder Misserfolg, sagt die Forscherin: "Die Schule ist zum Kampfplatz dieser Eltern geworden."

Abi gegen Abstiegsängste

In Bayern beispielsweise reicht das so weit, dass Eltern sogar mit einem Anwalt in die Lehrersprechstunde kommen. Sie wollen Druck auf die Notengebung ausüben, damit der Übertritt geschafft wird. So berichtet es Hans-Peter Etter, Leiter der Rechtsabteilung des Bayerischen Lehrerverbandes. "Da wird um jede Note gefeilscht."

Wippermann vermutet Abstiegsängste. Wer heute Kinder großzieht, hat mit Hartz-IV-Regeln und der Finanzkrise erlebt, wie schnell Menschen abrutschen können. Als Versicherung dagegen gilt ein gutes Abitur.

Wie viele Eltern sich bundesweit tatsächlich von solchen Gedanken leiten lassen und Stress zum Schulwechsel empfinden, ist empirisch nicht erforscht. Eine Würzburger Studie von 2015 liefert jedoch Hinweise für zwei Bundesländer. Bei einer Befragung von 1620 Eltern kam heraus: In Bayern fühlt sich mehr als die Hälfte der Kinder und Eltern belastet, in Hessen, wo der Elternwille beim Übergang zählt, ist es rund ein Drittel.

Den größten Stress erleben der Studie zufolge Kinder in Bayern, die für einen besseren Notenschnitt als 3,0 kämpfen, um nicht auf der Mittelschule zu landen - andernorts oft Hauptschule genannt. Stressig wird es auch, wenn der Leistungsanspruch der Eltern die Möglichkeiten von Kindern übersteigt, wenn etwa Schüler aufs Gymnasium sollen, die sich mit dem Lernen schwertun.

Die Wirtschaft hat ihre Ansprüche nach oben geschraubt

Das klingt zunächst, als würden vor allem überehrgeizige Eltern ihre Kinder unter Stress setzen, weil sie den Wert des Abiturs überschätzen. Aber so einfach ist es nicht, findet Löwe. "Viele Eltern fühlen sich innerlich zerrissen", erzählt er. "Ihr Kind ist kein Spitzenschüler, möchte aber gerne aufs Gymnasium, weil seine Freunde dort hingehen. Die Eltern versuchen, ihm diesen Wunsch zu erfüllen."

Selbst wenn es nicht um die Rettung von Freundschaften geht, kann der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos nachvollziehen, dass Eltern ihr Kind auf dem Gymnasium sehen wollen: "Das Abitur bietet nun einmal die größten Startvorteile. Damit hat man die besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt, verdient im Schnitt mehr, lebt länger und gesünder. Klar, dass Eltern ihren Kindern das ermöglichen wollen."

Bildungsforscher Wilfried Bos von der TU Dortmund

Bildungsforscher Wilfried Bos von der TU Dortmund

Foto: Federico Gambarini/ picture-alliance/ dpa

Unternehmen hätten ihre Erwartungen deutlich nach oben geschraubt: Genügte etwa für eine Bank- oder Optikerlehre früher ein Realschulabschluss, müsse es heute oft das Abitur sein, sagt der Bildungsforscher Jürgen Baumert, der einst die Pisa-Ergebnisse für Deutschland vorlegte. So wurden in den vergangenen dreißig Jahren Gymnasien beliebter, Haupt- und Realschulen dagegen deutlich abgewertet, sagt der Forscher, "und die Politik hat den Wünschen der Eltern nachgegeben und die Hürden fürs Gymnasium immer weiter gesenkt".

"Wir haben ein schreiend ungerechtes Schulsystem"

Die Folge: Wechselten in den Fünfzigerjahren noch rund zehn Prozent eines Jahrgangs nach der Grundschule aufs Gymnasium, sind es heute etwa 40, in einigen Bundesländern sogar 50 Prozent. Dadurch ist die Schülerschaft an den Gymnasien insgesamt weniger elitär, sozial durchmischter. Trotzdem bleibt die "Auslese" der Viertklässler mit Blick auf soziale Herkunft und Chancengleichheit fragwürdig.

"Wir haben ein schreiend ungerechtes Schulsystem", kritisiert Bos. Studien belegen: Mit dem Wechsel nach der Grundschule werden Kinder in Deutschland nicht nur nach Leistung getrennt - sondern teilweise auch nach sozialen Milieus.

An Gymnasien stammen überdurchschnittlich viele Schüler aus der bürgerlichen Mitte. Es sind oft Kinder von Juristen, Unternehmern oder Lehrern, seltener von Fließbandarbeitern. An Haupt- und Realschulen sieht die Schülerschaft meist anders aus, ebenso an integrierten Schulformen wie Stadtteil- oder Sekundarschulen, die mehrere Bundesländer als einzige "zweite Säule" neben dem Gymnasium eingeführt haben.

Hier kommt die Mehrheit aus Familien mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status, und das ist kein Zufall: Beim Übergang zählt nicht nur Leistung, sondern zum Teil auch soziale Herkunft. "Für ein Professorenkind ist die Wahrscheinlichkeit, vom Lehrer eine Empfehlung fürs Gymnasium zu bekommen, etwa drei Mal höher als für ein Facharbeiterkind", sagt Bos, "und zwar selbst bei gleicher Leistung und gleicher Intelligenz."

Bessere Bedingungen, um zu lernen

Das ist auch deshalb ungerecht, weil Schüler an Gymnasien gleich mehrfach privilegiert sind. Hier seien die Bedingungen für Kinder oft besser, um zu lernen und sich zu entwickeln, sagt Baumert. "Die Lehrer sind zum Beispiel in der Regel fachlich besser ausgebildet als an anderen Schulformen." Zudem werde ihnen das Unterrichten leichter gemacht. Kinder, die stark verhaltensauffällig sind oder kaum Deutsch sprechen, gebe es an Gymnasien selten.

Andere Schulen dagegen mahnen immer wieder: Bei ihnen konzentrieren sich die Probleme, ohne dass sie die nötigen Ressourcen bekämen. Auch Bos findet: "Viele dieser Schulen leisten großartige Arbeit und haben sehr gute Angebote, aber insgesamt betrachtet sind sie nicht so gut ausgestattet wie Gymnasien."

So entsteht bei vielen Eltern der Eindruck, ihre Kinder würden frühzeitig auf bessere oder schlechtere Schulen sortiert - und das erzeugt Druck.

"Wer das Gymnasium abschaffen will, riskiert einen Volksaufstand"

Immer wieder versuchen einige Politiker, Lehrer und Eltern deshalb, das deutsche Schulsystem radikal umzukrempeln und "eine Schule für alle" durchzusetzen, darunter auch der Bayerische Elternverband. Sie hoffen auf mehr Chancengleichheit, mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt und weniger Stress, weniger Angst vor Ausgrenzung, wenn Kinder mindestens sechs oder neun Jahre zusammen lernen, so wie in den meisten anderen Staaten der Welt. "Das wäre kinderfreundlicher", findet Löwe.

Die Forscher Bos und Baumert sind jedoch sicher: "Das ist politisch nicht durchsetzbar." "Wer in Deutschland das Gymnasium abschaffen will, riskiert einen Volksaufstand", sagt Baumert.

Jürgen Baumert, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung

Jürgen Baumert, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung

Foto: Paul Zinken/ picture alliance / Paul Zinken/dpa

Viele Deutsche sind schulreformmüde und überzeugt davon, dass Kinder in vermeintlich homogenen Gruppen am besten lernen. Dafür gibt es allerdings weder einen Beweis noch Gegenbeweis. In der Pisa-Studie schneiden einige Länder ohne Gymnasium, wie Finnland, besser ab als Deutschland - andere schlechter.

Gegen das Gymnasium an sich sei auch nichts zu sagen, betont Bos. "Die Leistung stimmt, die Lernbedingungen sind gut." Er grinst: "'Gymnasium für alle' - da wäre ich dabei. Es müssen ja nicht alle Abitur machen." Bos ist jedoch überzeugt: "Das scheitert am Widerstand gutbürgerlicher Eltern, die um Startvorteile für ihre Kinder fürchten." Manchen gehe es zudem um soziale Abgrenzung. "Man will unter sich bleiben."

Kompromiss: Andere Wege zum Abitur

So bleibt es in Deutschland weiter bei Kompromissen. Meist zielen sie darauf, andere Schulformen neben dem Gymnasium besser auszustatten, aufzuwerten, Vorurteile gegenüber vermeintlichen "Resteschulen" abzubauen und Vorzüge wie Praxisnähe und kleinere Klassen aufzuzeigen. Zusätzlich will man Schülern über die "zweite Säule" direkte Wege zum Abitur bahnen, etwa über weitere Gesamtschul-Konzepte.

Verfechter des Gymnasiums wie Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, warnen jedoch: Schon jetzt stecke bei vielen Abiturienten hinter der Studienberechtigung keine Studienbefähigung mehr. "Wenn immer mehr Jugendliche Abitur machen, sind die Zeugnisse irgendwann nichts mehr wert. Außerdem sinkt das Leistungsniveau."

Ein Beleg dafür fehlt jedoch, und die Sorge vor der Abiflut relativiert sich beim Blick auf andere Länder. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mahnte jahrelang: Deutschland habe zu wenige Studenten. Derzeit machen rund 40 Prozent eines Jahrgangs Abitur. In Japan beispielsweise ist die Quote mit 70 Prozent deutlich höher - der Stresspegel aber auch.

Martin Löwe aus Bayern geht es deshalb nicht nur um Schulreformen: "Die Medien könnten Eltern und Kindern viel von dem Druck zum Schulwechsel nehmen, wenn sie nicht immer weiter dieses falsche Bild schüren würden: 'Das Abitur ist der einzige Weg zu einem glücklichen Leben.'"

Einer seiner Söhne, habe vom Gymnasium über die Realschule auf die Mittelschule gewechselt und so seinen mittleren Abschluss erlangt, erzählt Löwe. "Er wird eines Tages vielleicht weniger verdienen als seine Geschwister mit Abitur. Aber erst dort ist er richtig aufgeblüht."