Neues Schulfach in Bayern Wie sich unsere Leser das Fach "Alltagskompetenz" vorstellen

In Bayern soll es bald das neue Schulfach Alltagswissen geben. Schüler und Lehrer sehen das kritisch. Lesen Sie hier, was unsere Leser von dem Plan halten - und wie sie den Unterricht gestalten würden.

Blick ins Klassenzimmer (Archivbild)
Stephan Görlich/ imago images

Blick ins Klassenzimmer (Archivbild)


Die Staatsregierung in Bayern plant ein neues Schulfach: "Alltagskompetenz und Lebensökonomie" soll Wissen über die heimische Natur und Landwirtschaft, Klimaschutz oder gesundes Essen vermitteln. Schüler sollen so, abseits von Mathe und Deutsch, auf das Leben vorbereitet werden.

Das geplante neue Schulfach ist Teil des Gesetzespakets für mehr Umwelt-, Natur- und Artenschutz in Bayern. Über die konkreten Inhalte des Fachs wird noch diskutiert, Schüler und Lehrer sind trotzdem schon skeptisch:

  • Der Landesschülerrat als Vertretung von 1,6 Millionen Schülern lehnt eine "überhastete Einführung eines neuen Schulfaches ohne Rücksprache mit den Betroffenen" ab.
  • Für "höchstbedenklich" hält das Fach der Landesvorsitzende der Direktoren der bayerischen Gymnasien, Walter Baier. Es sei ein Irrtum zu glauben, dass die Schule allein die Vorbereitung der Schüler auf eine "sich rasant ändernde Lebens- und Arbeitswelt" leisten könne.

Und wie sehen Sie das?

Wenn das neue Schulfach kommt - was sollte in diesen Stunden unterrichtet werden? Wir haben Sie gebeten, uns Ihre Vorschläge per E-Mail zu schicken - und veröffentlichen nun eine Auswahl Ihrer Einsendungen.

Susan Adib hat einige Ideen, was die bayerischen Schüler künftig in dem neuen Fach lernen könnten:

"Stressbewältigung, Grundkenntnisse der Psychologie, damit man ein gewisses Maß an Selbstreflexion erarbeiten kann. Gewaltfreie Kommunikation, Wichtigkeit von Frieden. Nein sagen können, helfen können. Biologische Ernährung, wie man ein gesundes Essen kocht... und hinterher die Töpfe spült. Kurze (!) Einführung in Erwachsenen-Themen, wie zum Beispiel Versicherungen und Steuererklärungen. Wie man mit Geld umgeht. Viele Schüler sind bereits verschuldet. Was alles dazugehört, eine Familie zu gründen (auch als Prävention gegen Teenagerschwangerschaften). Wie viele Möglichkeiten es gibt, Gutes zu tun, und dabei zu merken, dass es glücklich macht."


Alexander Basse schreibt:

"Aus Sicht von 'Scientists For Future' ist es dringend nötig, mehr (Fach-)Wissen über den Klimawandel in die Bevölkerung zu bringen. Ein entsprechendes Lehrangebot in der Schule wäre dafür ein sinnvoller Schritt, wenn gut durchdacht und ausgeführt."


Ingrid Friedmann meint:

"Schon als meine Töchter zur Schule gingen (und das ist jetzt über 20 Jahre her), war ich der Meinung, dass die reine Wissensvermittlung zu wenig ist. Ich plädierte damals für ein Fach 'Praktische Lebensführung' und dachte dabei an das Erlernen des Umgangs mit Geld, das Ausfüllen von Bankformularen, das Mieten und Einrichten einer Wohnung, sinnvoll Einkaufen, Umgang mit der Natur. Viele Familien können das nicht (mehr) leisten, aber es ist so wichtig, wichtiger als so mancher Schulstoff. Ich stehe deshalb voll hinter der Einführung dieses Fachs."


Hermann Brunner regt an, dass das Fach die folgenden Fragen thematisieren sollte:

"Was ist ein Kredit? Was sind Zinsen? Was sind Zinses-Zinsen? Was macht es mit dem Preis meines neuen Handys, wenn ich 'auf Pump' kaufe? Warum bedeuten Ratenkredite, dass ich mein Einkommen von morgen ausgebe, obwohl ich es noch nicht (sicher) verdient habe? Aber auch: Wer ist die Schufa? Was sind die wichtigsten Versicherungen? Welche Behörde brauche ich wofür? Wie lese ich einen Kontoauszug?"


Dirk Krause schlägt vor, den Schülern in dem neuen Fach etwas über "Hygiene und Gesundheitsvorsorge" beizubringen:

"Die gute Sitte, sich vor einem Zahnarztbesuch die Zähne zu putzen, ist heute nicht mehr jedem bekannt. Die Impfskepsis ist in den Ländern am größten, in denen man die Gefahren einiger fast besiegter Krankheiten nicht mehr täglich vor Augen hat und die mit diesen Krankheiten einhergehenden Leiden gar nicht kennt. Für die Krankheiten, gegen die Impfungen verfügbar sind, sollten Bilder oder Filme ähnlich den Schockbildern auf Zigaretten gezeigt werden."


Peter Biesinger schreibt, es solle auch um Journalismus gehen:

"Medien: Wer besitzt sie, wie werden Bilder, Texte, Nachrichten erstellt (Quellen, Bearbeiter...), welche Interessen verfolgen sie?"


Sara Knabe schlägt vor:

"Konsequenzen des Kaufs von tierischen Lebensmitteln. Viele blenden aus, was der Verzehr von Eiern, Fleisch und Milch für die Tiere, die Umwelt und die eigene Gesundheit bedeutet; wie der Herstellungsprozess abläuft, wie es in Schlachthöfen zugeht."


Sabine Neumann meint:

"Wertschätzung und Höflichkeit müssen wieder vermittelt werden, einfache Regeln zum Beispiel bei Tisch sitzen bleiben, in der Straßenbahn oder im Bus aufstehen bei Älteren. Wie decke ich einen Tisch? Wie beginne ich ein Gespräch und übe mich in Konversation?"


Kirsten schreibt:

"Tapezieren, Streichen, Lampen anbringen, Möbel aufbauen. Haushalts-Hacks. Mir hätte dieses Alltagswissen vor 20 bis 25 Jahren geholfen."

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insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
r.mehring 02.07.2019
1. Das wird sicher wieder eine sehr Deutsche Angelegenheit.
Fleiß und Ordnung und Gottesfurcht. Aufstehen im Bus und das Ausfüllen eines Überweisungsträgers. Wiedereinführung des Lesebuchs von 1965. Vor dem Klo und nach dem Essen, Händewaschen nicht vergessen. Was da an Vorschlägen gekommen ist klingt nach Satire. Und so wird es denn auch Aussehen das neue Schulfach.
schlumz 02.07.2019
2.
Empathie und seine eigenen Meinungen infrage stellen zu können fände ich ein wichtiges Unterrichtsziel.
pizzerino 02.07.2019
3.
"...Es sei ein Irrtum zu glauben, dass die Schule allein die Vorbereitung der Schüler auf eine "sich rasant ändernde Lebens- und Arbeitswelt" leisten könne...." Selten dummes Eigentor. Mit diesem Argument könnte man auch den Englischunterricht abschaffen. Wer erwirbt schon wirkliche Sprechfähigkeit allein in der Schule? Immerhin ist unser Nachwuchs dem ständigen Dauerfeuer von offenkundiger und unterschwelliger Werbung ausgesetzt. Da täte ein Gegenpol in der Schule mehr als gut. Ein Riesefortschritt ohne wirklichen Mehraufwand wäre bereits erreicht, wen man im Religionsunterricht Religionen besprechen statt exerzieren würde.
karlo1952 02.07.2019
4. Viele der angesprochenen Themen
lernt man nicht in der Schule, sondern durch das Heranwachsen in der Gesellschaft, durch eigene Neugier und Eigeninteresse. Die muss bereits im Elternhaus beginnen um kann nicht der Schule überlassen werden, die hier nur einseitig nach ihren Leitlinien unterrichten kann. Das wäre mir zu sehr kanalisiert.
archi47 02.07.2019
5. Unbekanntes Neues analysieren, abwägen und entscheiden können
Das setzt doch selbständiges Denken voraus. Das Aufnehmen aller Möglichkeiten, ohne Scheuklappen und Tabus. Das Sammeln von Eigenschaften und Wirkungen auf einen Selbst und auf Andere. Das Analysieren dieses und die Prognose in die Zukunft für einen Selbst und die Anderen. Diesem Denkansatz schon alleine wohnt eine nötige Distanz innne. Zu dem, was andere einem vorsetzen: Lehrer, Eltern, Schüler, Medien, Influencer, (a)soziale Netzwerke, etc.. Es stünde also an erster Stelle das neutrale Handwerkszeug zum Denken. Erst danach wäre rezepthaftes Lernen unschädlich und die Wissensvermittlung das Futter für einen unabhängigen und eigenständig kritischen Geist. Gewiss, ein Idealbild. Aber unter dem sollten wir es heutzutage doch nicht mehr machen, zumindest als oberstes Leitziel, oder? Wenn man also die Bildung auf diese Füße stellt, dann ist auch eine noch unbekannte Zukunft mit unbekannten Inhalten geistig und intellektuell verwertbar. Demokratie hat dann eine immerwährende Basis und Heimat im Individuum...
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