Bayerns Grundschüler unter Druck Hauptsache nicht Hauptschule

Mit drastischen Mitteln versuchen Eltern in Bayern, ihre Kinder fit zu machen fürs Gymnasium. Oder für die Realschule, auf keinen Fall sollen sie auf die Hauptschule. Klemmt es bei den Noten, müssen Privatpauker ran - oder Medikamente gegen den Prüfungsstress.

"Mutter Maria hilf", schrieb die Schülerin einer bayerischen Grundschule auf ihre Mathearbeit. Die Viertklässlerin wusste nicht mehr weiter - und flehte um himmlischen Beistand. Schließlich gab es in den Wochen zuvor nur ein Thema, das die ganze Familie beschäftigte: Schafft das Mädchen den Wechsel zum Gymnasium oder nicht?

Albin Dannhäuser kennt viele solcher Fälle. "Der Druck auf die Grundschüler in Bayern ist immens hoch und mit dem in anderen Bundesländern kaum vergleichbar", sagt der Präsident des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (BLLV). Mehr und mehr Eltern versuchten "beinahe um jeden Preis", ihr Kind auf eine höhere Schule zu schicken.

Wie in den meisten Bundesländern entscheidet sich auch im Freistaat nach der vierten Klasse, welche Schulform die Kinder ab der Sekundarstufe besuchen. Allerdings bestimmen in Bayern allein die Noten, welche Schule der Nachwuchs ab der fünften Klasse besuchen wird. Um auf ein Gymnasium zu gehen, brauchen die Zehnjährigen einen Schnitt von 2,33. Für die Realschule muss es eine 2,66 sein. Wer das nicht schafft, geht zur Hauptschule.

Der Kampf um die Noten wird in die Grundschule verlagert

Noch besuchen vier von zehn Schülern in Bayern nach der Grund- die Hauptschule, etwa doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt. Doch vor allem in den Boom-Regionen, etwa im Großraum München, kämpfen Eltern mit allen Mitteln darum, ihre Kinder auf ein Gymnasium oder wenigstens auf die Realschule zu schicken - und bloß nicht auf die in Verruf geratene Hauptschule .

Eine der wichtigsten Ursachen für den verschärften Leistungsdruck, der auf Grundschülern lastet, ist nach Ansicht vieler Pädagogen die 1999 eingeführte sechsstufige Realschule. Zuvor war diese Schulform vierstufig und umfasste nur die Klassen sieben bis zehn. Nach der Grundschule entschieden die Noten über Hauptschule oder Gymnasium. Erst nach der sechsten Klasse stand fest, wer von der Haupt- auf die Realschule wechseln durfte. Nun wird bereits im Alter von neun oder zehn Jahren zwischen Haupt- und Realschülern differenziert - und der Kampf um die Noten in die Grundschule getragen. Ein späterer Wechsel ist zwar möglich, aber schwierig.

"Viele Dritt- und Viertklässler werden von ihren Eltern stark unter Druck gesetzt, damit sie den Übertritt in jedem Fall schaffen", weiß Jutta Wübben, Leiterin der Münchner Grundschule an der Klenzestraße. Auch Elfie Schloter, Psychologin und Leiterin des "Instituts für Zusammenarbeit im Erziehungsbereich" (IFZE), kritisiert: "Bei der Wahl der Schulform nehmen Eltern oft nur wenig Rücksicht auf die tatsächlichen Fähigkeiten und Neigungen des Kindes."

Häufig streichen Eltern ihren Kindern, sobald diese in die vierte Klasse kommen, den Klavierunterricht oder den Sportverein. "Manche nehmen den Jungen und Mädchen dann sogar ihre Spielsachen weg", kritisiert Dannhäuser. "Vielen Kindern wird so die Kindheit geraubt."

Weg mit allem, was Spaß macht - und her mit dem Nachhilfelehrer

Immer mehr Eltern verordnen ihrem Nachwuchs zudem Privatunterricht. Mehr als ein Fünftel der Grundschüler nimmt laut einer BLLV-Schätzung Nachhilfe, um den Notenschnitt fürs Gymnasium zu schaffen. Bei der Schülerhilfe, einem der größten privaten Paukinstitute, kennt man diese Entwicklung: "Abweichend vom Bundestrend werden in Bayern die Nachhilfeschüler immer jünger", sagt Sprecherin Karla Schachtner.

Auch die Eltern des neunjährige Felix wollen, dass ihr Sohn auf die Realschule geht. Deshalb besucht der Viertklässler zweimal wöchentlich den Nachhilfekurs "Fit für den Übertritt". "Seit der dritten Klasse ist der Wechsel auf eine höhere Schule das zentrale Thema in der Klasse", sagt seine Mutter. Eine wirkliche Alternative zu den privaten Förder-Angeboten gibt es nicht. Die an der Schule angebotenen Förderstunden würden häufig entfallen, erzählt die Mutter von Felix.

Und so ist der Übertritt auch eine Frage des Geldes. Nur 16 Prozent der Migrantenkinder in Bayern gehen nach der Grundschule auf ein Gymnasium, rund drei Viertel auf die Hauptschule. Von den deutschen Viertklässlern schaffen 37 Prozent den Übertritt auf das Gymnasium.

Im Bestreben, ihrem Nachwuchs zu den besten Chancen zu verhelfen, greifen die Eltern derweil zu drastischen Mitteln. "Immer häufiger werden Grundschüler vor Prüfungen mit Medikamenten vollgepumpt", so BLLV-Chef Dannhäuser. "Manche Eltern räumen ganz offen ein, ihren Kindern Ritalin und andere Präparate zu verabreichen, um deren Leistungsfähigkeit zu erhöhen", sagt ein Nachhilfelehrer SPIEGEL ONLINE.

Feilschen um jedes Gutachten

Schafft ein Kind den Übertritt trotz aller Bemühungen nicht, kommt es häufig zu Konflikten zwischen Eltern und Lehrern. "Nicht jeder will einsehen, dass sein Kind eben nicht für das Gymnasium geeignet ist", erzählt eine Nürnberger Grundschullehrerin. Aus Danningers Erfahrung "wird um jedes Gutachten gefeilscht". Immer mehr Eltern würden zudem vor Mobbing gegen Lehrer nicht zurückschrecken.

Die Psychologin Schloter hält generell nichts davon, den Kindern in der Grundschule Nachhilfe für den Übertritt zu geben: "Dann schaffen sie es mühsam auf das Gymnasium, nur um sich dort noch mehr zu quälen."

Grundschulleiterin Wübben sagt, die Eltern müssten begreifen, dass die Hauptschule durchaus eine Perspektive biete. So sieht man das auch beim Bayerischen Kultusministerium: "Auch von der Hauptschule aus haben die Schüler die Möglichkeit einen höheren Bildungsabschluss zu erwerben", so ein Sprecher. Immerhin 20 Prozent der Hauptschüler würden die Mittlere Reife schaffen. Bei den Arbeitgebern sei das "hohe Niveau" an Bayerns Hauptschulen ebenfalls bekannt. So rekrutiere etwa Audi die Hälfte seiner Mitarbeiter im gewerblichen Bereich aus dieser Schulform. "Es gibt also keinen Grund zur Sorge, wenn das Kind zur Hauptschule muss", sagt der Sprecher.

Anders als Schleswig-Holstein oder Hamburg will Bayern weiter am dreigliedrigen Schulsystem festhalten. Albin Dannhäuser hat dafür kein Verständnis: "Nur durch eine spätere Selektion und die Aufgabe des dreigliedrigen Systems kann der Druck auf die Grundschüler verringert werden."

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