Bayerns Gymnasien "Leid, Frust und Streit"

Der Unterricht sei unmodern und ungerecht, erschöpfte Schüler "lernen, um zu vergessen". Und viele schaffen das Abi nicht oder nur mit teurer Nachhilfe - das werfen bayerische Eltern und Lehrer den Gymnasien vor. Kultusminister Spaenle indes sieht sie über jeden Zweifel erhaben.


Die Kritik ist deutlich und lässt sich kaum überhören: "Nicht mehr zeitgemäß" nennen Eltern und Lehrer in Bayern die Strukturen und Methoden an den Gymnasien im Freistaat - stupides Auswendiglernen bereite nicht auf die Erfordernisse des künftigen Berufslebens vor. "Die Schüler eignen sich kurz vor der Prüfung abfragbares Wissen an, um es kurz danach wieder zu vergessen", klagen Ulrike Köllner vom Verein Gymnasialeltern Bayern und Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV).

Abitur-Prüfung in Bayern: Eltern und Lehrer sind mit der Gesamtsituation unzufrieden
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Abitur-Prüfung in Bayern: Eltern und Lehrer sind mit der Gesamtsituation unzufrieden

Vor allem jedoch kritisieren sie die Ineffizienz. Denn das Abitur erreichen ihren Angaben zufolge lediglich 60 Prozent aller Schüler, die von der Grundschule aufs Gymnasium wechseln.

Außerdem beklagen die Vertreter der beiden Verbände in einer gemeinsamen Stellungnahme, dass oft "immense Investitionen für private Nachhilfe erforderlich" seien. Der Lern- und Leistungsbegriff sei einseitig auf Ziffernnoten und Punkte ausgerichtet und nicht mehr zeitgemäß.

Immer wieder gibt es harsche und laute Kritik am Schulsystem in Bayern, vor allem am Leistungsdruck und der sozialen Auslese. Verstärkt hat sie sich, als Bayern entschied, das Turbo-Abitur nach der zwölften Klasse einzuführen. Doch schon der Weg von der Grundschule aufs Gymnasium ist hart und steinig: Der sogenannte "Übertritt" versetzt alljährlich Eltern und Schüler in Panik. Viele Mütter und Väter versuchten mit drastischen Mitteln, ihre Kinder fit zu machen, notfalls mit Hilfe von Privatlehrern oder Medikamenten gegen den Prüfungsstress.

Der Philologenverband wittert eine Verschwörung

Darauf hat die schwarz-gelbe Landesregierung mittlerweile reagiert. Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) hat begonnen, die Übertrittsregelung umzubauen. Zentrale Punkte der Reform sind mehr Zeit für die Übertrittsentscheidung, mehr Mitspracherechte für die Eltern, eine ausführlichere Beratung und eine intensivere Betreuung schwächerer Schüler.

Doch die neue Kritik von Eltern und Lehrern bügelt der Minister ab. Stimmt alles gar nicht, heißt es in einer Stellungnahme von Spaenle: "Die Leistungen des Bayerischen Gymnasiums dürfen nicht schlecht geredet werden."

Der Bayerische Philologenverband, in dem viele Gymnasiallehrer organisiert sind, vermutet gar, hinter der Kritik von Eltern-Verein und BLLV stecke der Plan, "kurz vor Einschreibung die Eltern von übertrittswilligen Schülern vom Gymnasiumsbesuch abzuhalten" - warum auch immer der Eltern- und der Lehrerverband daran interessiert sein sollte.

Verbandspräsident Max Schmidt wirft den Kritikern vor, mit 15 bis 20 Jahre alten Zahlen zu argumentieren. "Schon heute erreichen 70 Prozent der ehemaligen Fünftklässler das Abitur", so Schmidt, künftig werde der Schnitt sich weiter verbessern. Außerdem verlasse nach der 10. Klasse eine Reihe von Schülern freiwillig das Gymnasium mit der Mittleren Reife. Und die Sitzenbleiberquoten seien an Hauptschulen und Realschulen höher als an den Gymnasien.

"Völlig ausgepowerte Kinder"

Unterdessen fordern Eltern-Verein und BLLV, dass die Lehrpläne neu konzipiert und schlanker werden sollen. Zudem müssten Fördermöglichkeiten geschaffen werden, die Nachhilfe überflüssig machten. Immer noch werde das Problem völlig überfrachteter Lehrpläne ignoriert; die Lehrplaninhalte seien nur marginal gekürzt worden.

"Für Eltern ist es oft schwer, miterleben zu müssen, wie ihre Kinder versuchen zu funktionieren - und doch scheitern, weil sie trotz aller Bemühungen die hohen Hürden nicht schaffen", so Eltern-Aktivistin Köllner. Der Besuch eines Gymnasiums bedeute für viele Familien nicht nur finanzielle Einbußen, "sondern auch Leid, Frust und vielfach auch Streit". Viele Kinder seien angesichts der Stofffülle "nach ein paar Wochen völlig ausgepowert".

BLLV-Präsident Wenzel sagte, für die Lehrer sei es in einem Massenbetrieb Schule immer schwieriger, zu einzelnen Schülern Beziehungen aufzubauen - obwohl der Lehrerberuf ein Beziehungsberuf sei. Individuelle Lernfortschritte einzelner Schüler könnten sie kaum noch erfassen. "Ich höre auch immer öfter, dass sie es leid sind, die ihnen anvertrauten Schüler wieder aussortieren zu müssen, wenn die Leistungen nicht genügen."

otr

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Seite 1
Statikus 14.12.2005
1.
Ich denke kaum, dass eine Prüfung (deren Ausgang ja durchaus auch von der jeweiligen Tagesform abhängig sein kann) hier sinnvoll ist. Sollte die Einschätzung der Grundschule zum Leistungsvermögen eines Schülers eindeutig sein, dann sollte diese auch bindend sein. Der Optimalfall ist dann sicherlich der, daß sich die Grundschule mit den Eltern hinsichtlich der Entscheidung, welche weiterführende Schule die richtige ist, einig ist. Schwierig wird's da, wo es quasi auf Messers Schneide steht, für welche Schule die Empfehlung seitens der Grundschule ausgesprochen wird. Hier hielte ich eine möglichst frühzeitige Kontaktaufnahme zwischen Grundschule und Eltern für wünschenswert. Dort könnten dann das Für und Wider zwischen Lehrern und Eltern besprochen werden, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Vielleicht sollte man in einem solchen Fall (nach einem beratenden Gespräch) dann den Eltern freistellen, die Entscheidung zu treffen.
DJ Doena 14.12.2005
2.
Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird.
Silvia, 14.12.2005
3.
---Zitat von DJ Doena--- Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird. ---Zitatende--- In Niedersachsen fällt die Entscheidung zum Ende des 4. Schuljahres. Die Empfehlung sollte sich im Wesentlichen auf drei Bereiche stützen: - Noten - Arbeitsverhalten (Mitarbeit, Konzentrationsfähigkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Sorgfalt) - Denkvermögen (Reproduktion, Anwendung, Übertragung, Komplexität von Zusammenhängen) Diese Dinge weiß man am Ende des 4. Schuljahres normalerweise. Die Noten allein sollten nicht ausschlaggebend sein. Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. Dass die Eltern entscheiden, halte ich gerade in Zweifelsfällen für richtig. Das kann man als Lehrer kaum richtig machen. Nicht alle Kinder zeigen am Ende des 4. Schuljahres eindeutige Tendenzen. Wohin sich dann ein Kind entwickelt, ist oft reine Kaffeesatzleserei und hängt von zig Dingen ab, nicht zuletzt und vor allem von der Unterstützung des Elternhauses.
trabajador5, 14.12.2005
4.
---Zitat von Silvia--- Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. . ---Zitatende--- darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten.
trabajador5, 14.12.2005
5.
---Zitat von trabajador5--- darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten. ---Zitatende--- in dem zusammenhang fällte mir ein beispiel ein, welches vor kurzem im fernsehen gezeigt wurde. da gabe es einen, der mit 2 fingern schneller und fehlerfreier mit der tastatur schreiben konnte, als alle anderen mit dem an der schule verlangten 10-finger-system. der ist dann durch die prüfung gefallen, weil er der lehrerin nicht gehorcht hat und das richtige sytem angewendet hat. das ist bezeichnend für die prioritäten des deutschen "erziehungswesens".
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