Beatsteaks als Vertretungslehrer Musik kaufen, Brötchen klauen

Saugen Musiker selbst illegal Musik aus dem Internet? Als Informatiklehrer, angeheuert vom Jugendmagazin "Spiesser", kam die Berliner Band Beatsteaks ganz schön ins Schwitzen: Was zählt, Geld oder Gewissen? Die 11. Klasse der Gesamtschule Müncheberg ließ nicht locker.

Von Resi Schneider


12.40 Uhr: Der Unterricht beginnt heute nicht pünktlich mit dem Klingeln. Mit einer halben Stunde Verspätung übernimmt der fast komplette Beatsteaks-Clan die heutige Informatik-Stunde. Bassist Torsten musste leider wegen einer Verrenkung zu Hause bleiben. Dafür kommen Sänger Arnim, die Gitarristen Peter und Bernd sowie Drummer Thomas ins karge Musikzimmer marschiert - rockstarlike, aber immerhin mit einem beschwingt-fröhlichen "Guten Morgen".

Die Beatsteaks passen zum Stundenthema: Musik im Internet. Und lange feuern die werten Herren aus Berlin auch nicht um den heißen Brei.

Sänger Arnim: Wer von euch kauft noch CDs?

Drei Schüler melden sich.

Sänger Arnim: Welche CD habt ihr euch als letztes gekauft?

Benjamin schmiert Honig ums Beatsteak-Maul: Die Beatsteaks-EP "Demons Galore". Schleichwerbung!

Max: Mir sind CDs zu teuer.

Susi: Ich höre meine Musik meistens bei Myspace. Ich find's gut, wenn Künstler ihre Lieder so zur Verfügung stellen.

Sänger Arnim: Bands können mittlerweile ganz einfach ihre Musik verbreiten. Man nimmt eben keine Kassette mehr auf, sondern stellt die Songs ins Internet, und die ganze Welt kann sie anhören. Oder man stellt Videos auf Youtube, bei MTV laufen ja eh keine mehr. Die Chancen für junge, noch unbekannte Bands sind heute der Hammer. Hört bloß nicht auf den Spruch "Früher war alles besser"!

Schlagzeuger Thomas: Myspace ist gut zur Meinungsbildung. Man kann reinhören und dann immer noch entscheiden, ob man sich die ganze CD kauft.

Aber eigentlich sind die Herren ja hier, um Lehrer zu spielen.

Schlagzeuger Thomas: Hat nicht jemand von euch irgendein Referat vorbereitet?

Erst nach einer peinlichen Stille und anschließend salvigem Lachen der braven Bankhocker schreiten Benjamin, Caro und Bettina für ihre Vorträge zappelig-aufgeregt bis ruhig-stolz nach vorne. Benjamin beginnt.

Benjamin: Musik aus dem Internet wird immer beliebter, dafür sinken die CD-Verkäufe. Es gibt legale und illegale Plattformen zum Herunterladen von Musik. Legal sind zum Beispiel Musicload.de und Napster.de, illegal ist Torrent.to.

Nach stürmischem Applaus für Benjamin macht Bettina, vorbildlich mit einem Beatsteaks-Shirt bekleidet, weiter mit der Frage: Welche Vor- und Nachteile hat das Musikherunterladen für Bands?

Bettina: Fragen wir doch die Beatsteaks. Ergeben sich für euch Nachteile?

Gitarrist Peter: Nein! Beziehungsweise: Ja, aber die bemerken wir nicht. Wir wissen ja gar nicht, wie viel wir mehr verdienen könnten.

Schlagzeuger Thomas: Vermutlich gehen uns Millionen durch die Lappen...

Bettina: ...ein großer finanzieller Schaden also.

Bettina: Vorteile gibt es aber auch: Einige Bands, wie die Arctic Monkeys, sind sogar über das Internet berühmt geworden.

Caro, die letzte Vortragende, referiert über andere Bandmeinungen zum Thema illegale und legale Downloads.

Caro: Die Nine Inch Nails haben sich fast komplett von ihrem Label gelöst. Ihre Alben stellen sie zum legalen, kostenlosen Download ins Internet. Dafür sind Konzertkarten oder Merchandising-Artikel ziemlich teuer. Gegen illegale Downloads sprechen sich Bands wie Metallica oder Die Ärzte aus.

12.55 Uhr. Die Schüler lauschen andächtig. Auch Beatsteak Arnim verfolgt die Referate interessiert, der Rest der Kapelle kaut leicht abwesend an den Fingern. Aufgewacht, bitte schön! Schließlich geht es gerade um den Appell an Madame Merkel, den offenen Brief zum Tag des geistigen Eigentums, den zum Beispiel Tokio Hotel und die Söhne Mannheims unterschrieben haben, die Beatsteaks aber nicht.

Sänger Arnim: Wir waren gerade auf Tour, und da kam von der Plattenfirma natürlich die Bitte: Unterschreibt den Brief doch. Aber wir wollten nicht. In eurem Alter haben wir schließlich auch Tapes überspielt, das ist doch das gleiche, als würde man heute illegal Musik runterladen. Nur dass damals nicht gleich das Haus einer Plattenfirma eingestürzt ist.

Weise Worte. Und wie sieht s bei den Herren mit Downloads aus?

Sänger Arnim: Finde ich eine Band gut, kaufe ich das Album. Mir reicht ein Download nicht, ich möchte auch was in der Hand haben. Musik hat in meinem Leben einen sehr hohen Wert und dafür bezahle ich auch. Auf der anderen Seite: Gibt es Musik irgendwo umsonst, und man hat kein Geld...

Aha, so ist das also.

Caro: Aber ist es denn schlecht, wenn man sich von einer großen Band ein einziges Lied illegal runter lädt?

Caro lässt nicht locker.

Gitarrist Peter: Hier geht s ums Prinzip, das ist eine Gewissenssache.

Also eine Gewissensfrage und doch keine Geldsache?

Sänger Arnim: Das muss jeder für sich entscheiden: Geht er mal in den Supermarkt, um ein Brötchen zu klauen, oder klaut er Brötchen immer. Ich hab auch schon Brötchen geklaut.

Gitarrist Peter: Radiohead zum Beispiel haben einmal zwei Monate vor der richtigen Veröffentlichung ihre Platte zum Runterladen ins Internet gestellt, und jeder konnte selbst entscheiden, wie viel Geld er dafür bezahlen will.

Schlagzeuger Thomas: Das ist der Luxus einer großen Band. Bei einer kleinen würde sich das gar nicht rechnen.

Caro: Ich finde es gut, auch die Platten von unbekannten Bands zu kaufen: Die haben dann auch was von dem Geld.

Aber verdienen Bands wirklich hauptsächlich an ihren Platten?

Sänger Arnim: Die CDs sind für uns eher Mittel zum Zweck, um auf Tour zu gehen und T-Shirts zu verkaufen - die wir übrigens selbst entwerfen.

13:26 Uhr. Offiziell ist die Stunde rum, aber die Herren Buletten sind offenbar gerade erst angebraten. Fragt, was ihr wollt!, lautet Arnims freizügiges Angebot. Die Einladung nutzen die Schüler dankbar und schamlos aus. Der anfängliche Kamera-Rekord von lächerlichen vier wird in den letzten Minuten von sieben Knipsnasen geschlagen. Dann klopft es, das Musikzimmer füllt sich mit weiteren Schülern. Nahtlos geht die Unterrichtsstunde ins Autogramme schreiben und Gitarre signieren über.



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