Bechersport Stacking Die besten Hochstapler der Welt

Mit Bechern Pyramiden stapeln? Klingt mäßig aufregend - aber wer Timo Reuhl, 15, beobachtet, wird Augen machen: Der Schüler ist Stacking-Meister, so schnell stapelt fast niemand. Den Trendsport, der angeblich sogar schlau macht, haben auch Firmen entdeckt und entwickeln den optimalen Becher.

Burkhard Reuhl

Von Florian Leonhardmair


Timos Hände arbeiten wie ein Roboter: präzise, nach einem vorgegebenen Programm, schneller als das Auge folgen kann. Binnen Sekunden baut er aus drei Becherstapeln unterschiedlich große Pyramiden auf und wieder ab. Zuerst die Kombination "klein, groß, klein", dann "groß, groß" und zum Schluss noch eine ganz große Pyramide. Der Oberkörper und die angewinkelten Oberarme bleiben fast vollkommen ruhig. Nach 6,33 Sekunden ist alles vorbei. Die Szene sieht aus wie am Anfang.

Was ist passiert? Der Video-Clip zeigt Timo Reuhl, 15, der gerade seinen neuen "Youtube"-Rekord im Sport-Stacking ("Sport-Stapeln") aufstellt. Wie weltweit mehrere tausend Jugendliche kämpft Timo online und auf realen Turnieren um Bestzeiten im Becherstapeln. Das Ziel: zwölf speziell geformte Becher möglichst schnell in bestimmten Kombinationen auf- und wieder abzustapeln, ohne dass einer aus der Reihe purzelt.

Timo kann stapeln wie sonst kaum jemand: Bei der Weltmeisterschaft im Stacking, die Mitte April in Denver stattfand, hat sein Team "Whoooosh!", eine Art Nationalmannschaft im Sportstacking, einen Titel geholt. Den Pokal kann er zu den rund 120 anderen stellen, die er in den letzten fünf Jahren auf nationalen und internationalen Wettkämpfen gesammelt hat. Allerdings sind bei den Hochstapler-Turnieren in der Regel auch eine ganze Menge erster Plätze zu gewinnen. Bei der WM gibt es 20 Altersklassen mit je vier Disziplinen. Dazu kommen noch die Doppel-Disziplinen und die Staffel, bei der ganze Teams gegeneinander antreten.

Der Missionar sagt: Becherstapeln macht schlau

Mutterland des Stacking sind die USA. Manche Videos von jungen Stacking-Cracks wurden schon rund zwei Millionen mal angesehen. In den letzten fünf Jahren wurden auch in Deutschland, Großbritannien, Japan und Australien immer mehr Plastikbecher aufgetürmt. In Deutschland hat Timo seinen Teil beigetragen: Mit einem Auftritt in Stefan Raabs Show "TV total" 2005 steckten er und sein Team Nachahmer in der ganzen Republik an.

Heute ist Stacking fest in der Hand von Schülern, die ihre Rekordversuche auf Youtube zeigen. Doch die Trendsetter waren Pädagogen, allen voran Bob Fox, ein Grundschullehrer aus Colorado. Der Stacking-Missionar verbreitet das Geschicklichkeitsspiel seit Mitte der neunziger Jahre an Schulen überall in den Vereinigten Staaten. 2000 hängte er seinen Lehrer-Job an den Nagel, um sich ganz dem Vertrieb der bunten Becher zu widmen.

Fox ist überzeugt, dass sich das Becherstapeln positiv auf Motorik und Konzentration auswirkt - was mittlerweile durch mehrere wissenschaftliche Studien bestätigt wird. Grund: Ähnlich wie beim Jonglieren agieren die Stacker mit beiden Händen gleichzeitig, was dazu führt, dass auch die beiden Hirnhälften verstärkt miteinander kommunizieren. Regelmäßiges Training soll demnach auch die allgemeine mentale Leistungsfähigkeit stärken. Weiterer Vorteil: Stacking lockt auch unsportliche Schüler aus der Reserve und ist selbst für Grundschüler leicht zu lernen.

Früher Spielzeug, heute Sportbecher

Timos Mutter vertreibt die Becher des amerikanischen Herstellers "Speed Stacks" in Deutschland und bietet Workshops für Lehrer an. Sie schätzt, dass mittlerweile rund 2000 Schulen in Deutschland Stacking-AGs anbieten. Firmengründer Fox schätzt die Zahl der Schulen weltweit auf 30.000.

Die Stacking-Welle rollt - und mancher versucht, davon zu profitieren. Der Unternehmer Heiko Sehnert gründete 2005 die Firma "Flash Cups" und will dem US-Anbieter "Speed Stacks" im Bechergeschäft Konkurrenz machen. "Für mich sind die amerikanischen Becher eher eine Art Spielzeug. Für einen ähnlichen Preis können wir hochwertige Sportbecher anbieten, die optimal gleiten und besser in der Hand liegen", sagt Sehnert.

Er sieht großen Bedarf nach derlei Profi-Bechern, schließlich gebe es "Spitzen-Stapler", die "mittlerweile im Bereich von Tausendstelsekunden kämpfen". In die Entwicklung der neuen Becher-Generation habe die Firma anderthalb Jahre investiert. Neben Oberfläche und Material spielen wie beim US-Original die Löcher in der Rückwand eine entscheidende Rolle - sie verhindern, dass sich ein Vakuum bildet und Becher aneinander kleben bleiben.

Sehnert hat allerdings ein Problem: Auch in den USA ist die Kommerzialisierung längst auf Touren. Bei der WM in Denver sei er kein gern gesehener Gast "Die Veranstalter haben strikte Markentreue gegenüber dem amerikanischen Hersteller verordnet. 'Flash Cups'-Becher sind nicht zugelassen."

Aus dem Spiel wurde Ernst

Aber Sehnert ließ sich etwas einfallen: 2006 gründete er die ISSF (International Sport Stacking Federation) - der Verbund veranstaltet internationale Turniere, bei denen alle Bechermarken eine Chance bekommen. An den Europameisterschaften nehmen jährlich rund 250 Stacker teil, bisher fast ausschließlich aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Für Timos Verein, das Sport-Stacking Team Butzbach, ist weiterhin die WM in Denver das Maß aller Dinge. Doch auch hier ändern sich die Verhältnisse. "Am Anfang war sie eher wie ein Spiel", sagt Timo. "Heute ist die Konkurrenz sehr, sehr stark geworden." Einen überragenden Sieg wie 2007 wird Timo deshalb wohl nicht mehr erleben. Damals holte er den Rekord: Er gewann in allen Disziplinen und Altersklassen, Deutschland war die erfolgreichste Nation.

Seitdem reicht es für das deutsche Team zumindest jedes Jahr für eine Handvoll Weltmeistertitel und Platz zwei in der Nationenwertung. Das erfolgreichste Land im Hochstapeln sind nun aber unangefochten die USA.



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