Beflissene Eltern Macht eure Kinder nicht zu Bildungs-Märtyrern

Gerechtigkeits-Liebhaber, die das Gymnasium ablehnen hier - Leistungs-Eltern, die auf Privatschulen flüchten dort: Zwischen beiden verläuft ein tiefer Graben. Zwei neue Bücher gehen damit sehr unterschiedlich um. Das eine warnt Eltern vor "Bildungspanik", das andere Werk zeigt Lösungen.

Schüler mit Zeugnissen: Soziologe Bude hält ihren Eltern einen Spiegel vor
dapd

Schüler mit Zeugnissen: Soziologe Bude hält ihren Eltern einen Spiegel vor

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Die, um die es geht, werden diese Bücher nicht lesen. Sie würden sie auch gar nicht verstehen. Womit der Kern des Problems schon beschrieben wäre: Das deutsche Bildungssystem produziert zu viele Fast-Nichts-Könner, die mitten in unserer Gesellschaft und zugleich in einer eigenen Welt leben.

Die da oben, die da unten: "Die Linie wird im Bildungssystem gezogen und setzt sich dann über Beziehungs- und Heiratsmärkte bis in Viertel und Quartiere fort", schreibt der Soziologe Heinz Bude, die "Milieus schotten sich auf diese Weise gegeneinander ab, nicht weil sie das aus bösem Willen so wollen, sondern weil sie außer über die Massenmedien keinen Kontakt miteinander haben."

Wer was wird und aus wem nichts wird, ist demnach schon früh festgelegt, die Klassengesellschaft wird spätestens im Klassenzimmer zementiert. So weit, so schlecht, aber auch so weit bekannt.

Warum dann zwei neue Bücher über das deutsche Bildungssystem? Das eine hat der Soziologe Bude geschrieben, das andere der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Jörg Dräger. Die Bücher eint, dass gelbe abgebrochene Bleistifte das Cover zieren, warum auch immer. Die Autoren verbindet der Gedanke, dass es so wie bisher nicht weitergehen darf. Und beide Autoren geben das Versprechen, nicht nur Probleme zu beschreiben, sondern auch Lösungen.

Traum überengagierter Eltern: Standard-Sprache Englisch, Biokost, Hockey

"Bildungspanik" hat der Soziologe Bude sein Werk genannt. Darin tut er, was ein guter Soziologe tut: Er hält uns den Spiegel vor. Scharfzüngig und scharfsinnig beschreibt er die Fronten im deutschen Schulkrieg. Auf der einen Seite die Reformer, die sich über die Ungerechtigkeiten im deutschen Bildungssystem beschweren und gegen das Gymnasium als deren vermeintliche Manifestation zu Felde ziehen. Auf der anderen Seite die besorgten Eltern, die nur das Beste für ihr Kind wollen und in diesem Bestreben teure Privatschulen wählen "mit Englisch als Unterrichtssprache, Biokost als Schulspeisung und Hockeyteams als Aushängeschild".

Bude verurteilt nicht, weder die einen noch die anderen. Der Wert seines Buchs liegt gerade darin, dass er nicht einfach die Eltern verdammt, die solche exquisiten Schulen für ihre Kinder wählen. Der Professor erklärt vielmehr ihr Motiv, eben ihre "Bildungspanik".

Damit kommt er über den Punkt hinaus, an dem die Debatte hierzulande normalerweise endet: Wenn diesen Eltern vorgeworfen wird, nur an sich und ihre Kinder zu denken und ebenso böswillig wie mutwillig anderen Kindern keine Chance zu lassen. Bude erklärt, was diese besorgten Eltern treibt, und er konstatiert: "Diesen Schichten zuzumuten, sie sollten sich zu sozialem Märtyrertum bekennen und ihre Kinder als Einsätze für die Aushandlung eines neuen gesellschaftlichen Kompromisses zu sehen, ist wirklichkeitsfremd." Es dürfe im Bildungssystem eben nicht nur um die gehen, die von zu Hause wenig mitbringen und deshalb - unbestreitbar - stärker gefördert werden müssen. Auch die Sorgen der Bildungsbeflissenen müssten ernst genommen werden.

Wo sich der Soziologe vergaloppiert

Wie aber weiter? Die "überraschenden Lösungen", die dem Leser im Klappentext des Buchs versprochen werden, bleibt Bude leider weitgehend schuldig. Und über seine Hauptargument "Die Demographie rettet alle" kann und muss man geteilter Meinung sein.

Das alles mindert den Wert seiner Analyse nicht. Misstrauisch macht vielmehr, dass Bude gleich im ersten Kapitel das tut, was ein schlechter Soziologe tut: Über den Dingen schwebend verdreht er die Fakten. Es geht um die Hamburger Schulreform, das erste Beispiel, mit dem Bude seine These stützen will. Laut seiner Darstellung wurde "durch einen Volksentscheid das Projekt der Einführung eines zweigliedrigen Schulsystems aus integrativen Stadtteilschulen mit darauf gesetzten exklusiven Gymnasien gekippt".

Nein, das ist schlicht falsch, die Stadtteilschule existiert neben dem Gymnasium; im Volksentscheid ist darüber auch gar nicht abgestimmt worden. Das Erstaunliche ist, dass Bude neben seiner Professur in Kassel auch in Hamburg arbeitet, am Institut für Sozialforschung, also räumlich nah am Geschehen war. Das Misstrauen des Lesers ist geweckt und lässt sich bei weiteren Lektüre nicht so leicht wieder abschütteln, wenn dann das nächste Kapitel ganz schön weit weg spielt - es handelt von Japan.

Das zweite Bildungsbuch der Woche kommt ganz anders daher. Wenn sich der Soziologe Bude als Architekt eines Gedankengebäudes versteht, dann ist Jörg Dräger ein Handwerksmeister: Der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung beschreibt die ewige Baustelle "Bildungsrepublik" und schlägt handfeste, konkrete Sanierungsmaßnahmen vor.

Dräger erhebt gar nicht erst den Anspruch, dass in seinem Buch viel Neues steht. Er wolle wissenschaftliche Studien verständlich machen und Zeitungsartikel vertiefen, wie er im Vorwort schreibt. Das ist kein kleines Verdienst, in der Aufgeregtheit der Bildungsdebatten kann eine saubere Zusammenstellung von Fakten und Argumenten nur helfen. Bei aufmerksamen Beobachtern der Bildungsszene wird die Lektüre freilich keine großen Überraschungsmomente auslösen, zumal sich Dräger naheliegenderweise an etlichen Stellen seines Buchs auf bekannte Studien seiner Stiftung stützt.

Einen guten Überblick über die Dräger-Bertelsmann-Positionen verschafft das Buch allemal: mehr Geld für frühkindliche Bildung, Ganztagsschulen als Standard, mehr individuelle Förderung, bessere Lehrerbildung - und so weiter. Die Positionen muss man nicht alle teilen, aber man sollte sie kennen, weil sie in den Bildungsdebatten hierzulande immer wieder auftauchen.

Das Charmante daran ist, dass Dräger nicht gleich die Welt neu ordnen will, um die Schulen zu verbessern, sondern von Pragmatismus getrieben ist. "Eine weitere Föderalismusreform, eine große, flächendeckende Neuordnung aller Schulen in Deutschland oder eine grundlegende Veränderung unseres Beamtenrechts: All das mag wünschenswert sein", schreibt er, "wir dürfen dies aber nicht zur Voraussetzung für die Weiterentwicklung unseres Bildungssystems machen."

insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Peter Sonntag 08.09.2011
1. Aufhören !
Zitat von sysopGerechtigkeits-Liebhaber, die das Gymnasium ablehnen hier -*Leistungs-Eltern, die auf Privatschulen*flüchten dort: Zwischen beiden verläuft ein tiefer Graben. Zwei neue Bücher gehen damit sehr unterschiedlich um. Das eine warnt Eltern vor*"Bildungspanik",*das andere spart Probleme aus, zeigt aber Lösungen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,783776,00.html
Wenn das so weitergeht mit den ideologischen Kämpfen - über Gräben hinweg - werden beide Bildungsmaschinerien versagen müssen. Es überleben dann nur nur noch Menschen, die intelligent genug sind, sich von diesem Irrsinn loszusagen und sich auf eigene Faust zu bilden.
derosa, 08.09.2011
2. Die Politik ist schuld,
niemals die Eltern. Beispiel: Mit G8 sollte erreicht werden, daß Kinder früher zu einem Abschluß kommen. Aufgrund der Gewaltlage sorgen hiesige Eltern dafür, daß Kinder erst später zur Schule gehen, damit die eine bessere Position haben. Die Politik hat Rütlischulen zugelassen. Eltern lassen sich das nicht bieten und sorgen für ihre Kinder, was der Staat offenbar nicht fertigbringt.
**Kiki** 08.09.2011
3. .
Die Bildungsdebatte geht am Kern des Problems vorbei. In einem anderen Thread outen sich gerade jetzt auch Ingenieure als Bildungsverlierer: Sie haben alles so gemacht, wie es seit Jahren angemahnt wird, ihre Studienfächer nach den vermeintlichen Erfordernissen des Arbeitsmarkts gewählt, nur um am Ende ihres Studiums festzustellen, daß die verheißene Belohnung für den Einsatz und die Anpassung an die Wünsche des Marktes dann doch ausbleibt. In anderen Foren (z. B. bei der ZEIT) wird hingegen nach wie vor die Misere des akademischen Proletariats mit Selbstverständlichkeit der Wahl des falschen Studienfachs (sogenannte "Orchideenfächer") zugeschrieben. Schwerwiegender als das Bildungsproblem scheint mir, daß unser Bildungssystem inzwischen auf allen Qualifizierungsebenen größtenteils nur noch frustrierte Verlierergruppen erzeugt. Das fängt an mit den Kindern, die am Sprachproblem in der Grundschule scheitern, über Hauptschulabsolventen, die ausbildungsfähig wären, aber von Ausbildungsbetrieben von vornherein aussortiert werden, bis hin zu Akademikern, die zum Niedriglohn arbeiten, und denen, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln müssen und auf diese Weise auch keine Lebensplanung mehr zuwege bringen. Vielleicht sollte man die Frage nach der gesellschaftlich und wirtschaftlich wünschenswerten schulischen Bildung und Hochschulbildung endlich wieder von den Wünschen der Wirtschaft (ein Blickwinkel, den man bei der Bertelsmann-Stiftung voraussetzen muß) abkoppeln. Es darf nämlich bezweifelt werden, daß die Lösungen, die denen ideal vorkommen, gesellschaftlich (und unter dem Strich auch wirtschaftlich) sinnvoll sind. Unsere steuerfinanzierten Schulen und Hochschulen sollten Bildung, nicht wirtschaftliche Verwertbarkeit, zum Ziel nehmen und damit eine Grundlage schaffen, auf der die Unternehmen selbst (und auf eigene Kosten!) dann dafür sorgen können, dies durch die gewünschten Zusatzkenntnisse und -fertigkeiten zu ergänzen.
Tom Bastian, 08.09.2011
4. Wirtschaft gehört dazu
Zitat von **Kiki**Die Bildungsdebatte geht am Kern des Problems vorbei. In einem anderen Thread outen sich gerade jetzt auch Ingenieure als Bildungsverlierer: Sie haben alles so gemacht, wie es seit Jahren angemahnt wird, ihre Studienfächer nach den vermeintlichen Erfordernissen des Arbeitsmarkts gewählt, nur um am Ende ihres Studiums festzustellen, daß die verheißene Belohnung für den Einsatz und die Anpassung an die Wünsche des Marktes dann doch ausbleibt. In anderen Foren (z. B. bei der ZEIT) wird hingegen nach wie vor die Misere des akademischen Proletariats mit Selbstverständlichkeit der Wahl des falschen Studienfachs (sogenannte "Orchideenfächer") zugeschrieben. Schwerwiegender als das Bildungsproblem scheint mir, daß unser Bildungssystem inzwischen auf allen Qualifizierungsebenen größtenteils nur noch frustrierte Verlierergruppen erzeugt. Das fängt an mit den Kindern, die am Sprachproblem in der Grundschule scheitern, über Hauptschulabsolventen, die ausbildungsfähig wären, aber von Ausbildungsbetrieben von vornherein aussortiert werden, bis hin zu Akademikern, die zum Niedriglohn arbeiten, und denen, die sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln müssen und auf diese Weise auch keine Lebensplanung mehr zuwege bringen. Vielleicht sollte man die Frage nach der gesellschaftlich und wirtschaftlich wünschenswerten schulischen Bildung und Hochschulbildung endlich wieder von den Wünschen der Wirtschaft (ein Blickwinkel, den man bei der Bertelsmann-Stiftung voraussetzen muß) abkoppeln. Es darf nämlich bezweifelt werden, daß die Lösungen, die denen ideal vorkommen, gesellschaftlich (und unter dem Strich auch wirtschaftlich) sinnvoll sind. Unsere steuerfinanzierten Schulen und Hochschulen sollten Bildung, nicht wirtschaftliche Verwertbarkeit, zum Ziel nehmen und damit eine Grundlage schaffen, auf der die Unternehmen selbst (und auf eigene Kosten!) dann dafür sorgen können, dies durch die gewünschten Zusatzkenntnisse und -fertigkeiten zu ergänzen.
Das klingt mir wiederum zu ideologisch. Als wäre die Wirtschaft ein zentral organisierter Apparat, losgelöst vom Rest der Gesellschaft. Wenn Ausblidungsbetriebe darüber klagen, dass Azubi-Bewerber nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können, sind das auch unternehmerische Erfordernisse und Ansprüche. Es sind aber gleichzeitig auch gesellschaftliche. Das Problem sind ja auch nicht die arbeitslosen Akademiker (um die ich gern mittrauere), sondern die Masse an nahezu komplett Ungebildeten. Für die gibt es ohne wirklichen Billiglohnsektor keine Arbeit. Also entweder konsequent Niedriglöhne zulassen oder die Bildungsoffensive genau für diese Gruppen ansetzen. In den Gymnasien und Privatschulen kann das Umfeld viel mehr auffangen, die Voraussetzungen sind viel besser. Die Masse an Mitteln muss in die neuen Sekundarschulen fließen, diese in der Regel zu Ganztagsschulen machen usw.
tafkar, 08.09.2011
5. Das Grundproblem
eines selektiven Bildungssystems ist seine Ineffektivität. Es kommen im allgemeinen nicht die geeignetsten, sondern die bevorteilten "oben" an. Im Resultat hat man überraschend dumme Politiker, Juristen, Lehrer (sorry - aber fast immer weiblich!!!) und ein unangenehm kluges -wenn auch ungebildetes- Prolet- und Präkariat. Dieses ist sich der erlittenen Ungerechtigkeit bewußt und wird im normalen Arbeitsleben von unterlegenen Personen schikaniert und beaufsichtigt - eine gefährliche Konstellation... O.k., die allerbegabtesten lässt man dann doch nach oben durch (schließlich sollen Flugzeuge fliegen und Brücken stehenbleiben) - aber der ganze unnütze und wohllebende Mittelbau der Gesellschaft, dessen Unfähigkeit zwar schmerzt aber nicht sofortige Katastrophen bewirkt, ist in der Regel Stulle.
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