Fotostrecke

Behinderte Kinder an Schulen: Wie Inklusion funktioniert

Foto: Hans-Georg Matthes

Behinderte Schüler Na bitte, es geht doch

Kinder wie Carl werden meist wegsortiert - auf Sonderschulen, zu anderen behinderten Schülern. Laut Gesetz dürfte das nicht sein. Eine vorbildliche Schule in Sachsen zeigt: Auch nicht-behinderte Mitschüler profitieren vom gemeinsamen Unterricht.
Von Susanne Kailitz

Der zwölfjährige Schüler Carl möchte keine Bilder mehr von Lebensmitteln ausschneiden. Er zeigt lieber auf Fotos seiner Eltern und Geschwister in seiner Mappe und sagt immer wieder: "Urlaub! Urlaub!" Noch besser wird seine Laune, als seine Schulleiterin Ute Wunderlich neben ihm auftaucht. "Mama Ute", sagt der große blonde Junge zu ihr und drückt ihre Hand. Innerhalb von nur fünf Minuten wird klar: Carl besucht gern die 6. Klasse in der Schkola Oberland im sächsischen Ebersbach.

Dabei sollte er nach dem bisherigen Verständnis der sächsischen Kultusbehörden ganz woanders sein. Denn Carl ist geistig und körperlich schwer behindert. Für Kinder wie ihn, die dem normalen Lehrplan nicht folgen können, sieht die sächsische Schulintegrationsverordnung vor, dass sie höchstens bis zur vierten Klasse gemeinsam mit nicht behinderten Schülern unterrichtet werden. Danach ist der so genannte "lernzieldifferente Unterricht" nicht mehr möglich. Der Verbleib an einer Förderschule ist zementiert.

Eigentlich sollte das nicht so sein. Denn die UN-Behindertenrechtskonvention  sieht vor, dass kein Kind aufgrund möglicher körperlicher und geistiger Handicaps vom Besuch einer Regelschule ausgeschlossen werden soll. Die Konvention ist auch in Deutschland seit über zwei Jahren geltendes Recht - nur noch längst nicht überall umgesetzt. Deswegen arbeiten die Kultusministerien fast aller Bundesländer derzeit mehr oder minder intensiv an Konzepten, die das gemeinsame Lernen möglich machen sollen.

Darauf wollte Carls Familie nicht warten. Sie wollte nicht hinnehmen, dass ihr Sohn den Großteil seiner Schulzeit an einer reinen Förderschule nur mit anderen geistig Behinderten verbringen sollte. Schließlich hat er schon als Kleinkind in Kinderkrippe und Kindergarten den Kontakt zu Gleichaltrigen genossen. "Wir hatten immer den Eindruck, dass Carl sich gerade durch den Kontakt zu gesunden Kindern vor allem in Sachen Sprache und Orientierung viel abgeschaut hat", sagt sein Vater Hans-Georg Matthes, "wir wollten, dass das weitergehen kann."

"Ganz so einfach funktioniert Inklusion nicht"

Auch wenn Carl niemals Lesen und Schreiben lernen wird, wollen seine Eltern ihn nicht in einem künstlichen Schutzraum halten; er soll lernen, in einer Klasse mit anderen Kindern klarzukommen und sich in Strukturen zurechtzufinden. Matthes und seine Frau suchten nach Alternativen zur Aussonderung - und fanden sie im Schulträgerverein Schkola, der mittlerweile fünf Schulen in Ostsachsen betreibt. Eine freie Schule mit altersgemischtem Unterricht und reformpädagogischem Konzept.

Für Carl überlegte sich Schkola-Geschäftsführerin Ute Wunderlich gemeinsam mit der Förderschule für geistig Behinderte des Diakoniewerkes Oberlausitz einen eigenen Weg: Er wurde in die Förderschule Großhennersdorf eingeschult, kommt aber an zwei bis drei Tagen gemeinsam mit seiner Förderpädagogin Dana Koribská nach Ebersbach, wo er ganz normal am Unterricht teilnimmt. "Allein, dass er diesen Weg mit dem Zug zurücklegt, ist eine große Herausforderung, die Carl gut tut", sagt Koribská. Für seine Selbständigkeit habe dies viel bewirkt. Sie arbeitet mit Carl und einem weiteren schwerstbehinderten Schüler, kümmert sich aber auch um die anderen Kinder, wenn sie Hilfe brauchen.

"Für uns ist dieses Konstrukt ein Glücksfall", sagt Carls Vater, "so kann unser Sohn von den Strukturen und Herausforderungen in einer so genannten normalen Klasse profitieren, hat aber auch die ständige Unterstützung von speziell ausgebildetem Lehrpersonal." Denn bei allem Zutrauen in Carl und dem Wunsch nach größtmöglicher Normalität: Carl als reines Integrationskind an einer normale Regelschule einzuschulen, konnte sich die Familie nicht vorstellen. "Die Regelschulen sind bislang nicht auf verhaltensauffällige und behinderte Kinder eingerichtet. Da hätten wir schon Bedenken gehabt, dass Carl mit seinen speziellen Bedürfnissen untergeht. Ganz so einfach funktioniert die Inklusion nun mal nicht."

Drei Viertel aller behinderten Kinder lernen an Förderschulen

Viele Bildungsexperten, wie etwa der Berliner Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz, träumen davon, langfristig die Sonderschulen abzuschaffen. Kein Kind soll mehr ausgesondert werden. Er sagt: "Auch schwerst mehrfachbehinderte Kinder können an Regelschulen unterrichtet werden." Natürlich müsse man genau auf die Bedürfnisse von allen Beteiligten achten. "Mit Null-acht-fünfzehn-Unterricht geht es nicht. Mit zieldifferenter Unterrichtung, die wirklich im Blick hat, was die Kinder können und brauchen, sehr wohl", sagt er.

Bislang ist das noch kein Alltag in Deutschland: Mehr als drei Viertel aller behinderten Kinder lernen hierzulande an speziellen Förderschulen. In den vergangenen Jahren hat sich zwar immerhin die Einsicht durchgesetzt, dass Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen relativ problemlos mit den richtigen Hilfsmitteln an den Regelschulen zurecht kommen - allerdings bleiben vor allem geistig behinderte oder verhaltensauffällige Schüler nach wie vor regelmäßig außen vor.

Nur wenige Schulleiter wagen das Experiment wie Ute Wunderlich. Sie hat an den Schkola-Schulen inzwischen 21 behinderte Kinder - sowohl lern- als auch geistig und körperlich behinderte Schüler, ebenso wie autistische Schüler und Kinder mit Down-Syndrom. "Bei einigen erfolgt die Integration wie in Carls Fall über die Zusammenarbeit mit den Förderschulen, andere haben wir selbst aufgenommen", sagt sie.

Behinderte Kinder bereichern das soziale Klima

Für Wunderlich ist es selbstverständlich, "dass wir als Lehrer versuchen, mit allen Problematiken klarzukommen. Dafür holen wir uns Sonder- und Heilpädagogen und die entsprechenden Therapeuten". Von denen profitieren nicht nur die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, die Wunderlich gern "verhaltensoriginell" nennt, sondern auch alle anderen Schüler. "Der Anteil der Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten steigt doch überall. Nur weil die keine Diagnose haben, heißt das nicht, dass denen die Aufmerksamkeit geschulter Spezialisten nicht gut tun würde."

Das hat auch Carls Vater beobachtet. "Ich bin davon überzeugt, dass die Arbeit von Sonderpädagogen auch an Regelschulen große Vorteile mit sich brächte - inzwischen sitzen doch an jeder zweiten Mittelschule Schulverweigerer oder Kinder mit Aggressionsproblemen."

Er weiß, dass immer noch viele Eltern Angst haben, ihre Söhne und Töchter könnten zu kurz kommen, wenn sie sich die Aufmerksamkeit der Lehrer mit Kindern wie Carl teilen müssen. Doch viele Studien wie etwa die des österreichischen Sonderpädagogen Ewald Feyerer belegen das Gegenteil: So verschlechtern sich die Leistungen der Kinder ohne Behinderungen in gemischten Klassen mitnichten - die befürchtete "Nivellierung nach unten" findet nicht statt. Stattdessen, so das Urteil der Forscher, wirken Kinder mit Behinderungen bereichernd für das soziale Miteinander in den gemischten Klassen.

In der 6. Klasse der Schkola kommt keiner auf die Idee, dass Carl fehl am Platz sein könnte. "Die Kinder nehmen ganz selbstverständlich hin, dass sie Mitschüler haben, die sich nicht gut artikulieren können und vielleicht auch mal sabbern", sagt Schulleiterin Wunderlich. "Wenn sie auch nur einen Teil dieser Toleranz mit in ihr Erwachsenenleben nehmen, haben wir viel erreicht."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.