Niedersachsen Schülerin kommt seit drei Jahren mit Nikab zum Unterricht

Seit Jahren sehen Klassenkameraden und Lehrer nur die Augen einer Schülerin, erst jetzt hat die Schule im niedersächsischen Belm die Behörden eingeschaltet. Warum?

Frauen mit Nikab (Archivbild)
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Frauen mit Nikab (Archivbild)


Häufig hat die Johannes-Vinke-Schule in Belm bei Osnabrück, Niedersachsen, versucht, die Schülerin und ihre Mutter umzustimmen - ohne Erfolg. Wie die "Neue Osnabrücker Zeitung" ("NOZ") berichtet, kommt die heutige Zehntklässlerin bereits seit dem Schuljahr 2013/2014 mit einem Nikab zur Schule. Dieser Schleier lässt nur einen schmalen Sehschlitz frei.

Nun hat die Schule die Behörden eingeschaltet: Laut "NOZ" meldete die Schulleiterin der Belmer Oberschule den Fall Ende August 2016 an die Landesschulbehörde. Kurz zuvor hatte das Verwaltungsgericht Osnabrück entschieden, dass ein Abendgymnasium eine Nikab-tragende Schülerin abweisen darf. Schule und Schulbehörde argumentierten, mit Nikab sei im Klassenraum keine offene Kommunikation mehr gewährleistet.

Der Fall der Zehntklässlerin beschäftigt nun laut "NOZ" die Polizei, den Verfassungsschutz und das Kultusministerium in Hannover. "Die Landesschulbehörde ist damit beauftragt, die Schule weiter zu beraten und zu unterstützen mit dem Ziel, eine Verhaltensänderung bei der Schülerin zu bewirken", teilte laut Bericht ein Sprecher von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) mit.

Die Schule wollte sich am Freitag nicht zu dem Fall äußern. Die Frage, warum die Schulleitung es so lange toleriert habe, dass die Jugendliche vollverschleiert in den Unterricht kommt, beantwortet das niedersächsische Innenministerium dem Zeitungsbericht zufolge so: Die Schule habe den Nikab zunächst toleriert, "auch um der Schülerin den Schulabschluss zu ermöglichen, und weil es in diesem konkreten Einzelfall bisher zu keinen Störungen des Schulfriedens gekommen ist".

Ob die Landesbehörden nun darauf bestehen, dass die Schülerin den Nikab ablegt, ist noch offen. In der Frage treffen zwei im Grundgesetz garantierte Rechte aufeinander: die in Artikel 4 geschützte Religionsfreiheit und der Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule, der in Artikel 7 geregelt ist.

Nach dem Willen der Unionsinnenminister der Länder sollen sich muslimische Frauen in deutschen Gerichten, Ämtern, Schulen und im Straßenverkehr nicht mehr vollverschleiern dürfen. In anderen europäischen Ländern, zum Beispiel in Frankreich, Belgien und den Niederlanden, gilt bereits ein Verschleierungsverbot im öffentlichen Raum. Wie sinnvoll solche Verbote sind, ist allerdings umstritten.

So warnt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) davor, verschleierte Mädchen vom Unterricht auszuschließen. "Ein Verbot der Vollverschleierung ist der vollkommen falsche Weg", sagte GEW-Vorstandsmitglied Ilka Hoffmann in einem früheren "NOZ"-Interview.

Schule sei für verschleierte Mädchen aus strengkonservativen islamischen Haushalten oft die einzige Möglichkeit, Kontakt zu Gleichaltrigen aufzunehmen. Die Zahl der Mädchen und Frauen, die sich in Deutschland vollverschleiern, ist allerdings verschwindend gering.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung des Textes hieß es, eine Vollverschleierung im Unterricht sei verboten. Dem ist nicht so. Es gibt keine eindeutige gesetzliche Regelung für solche Fälle. Zudem hieß es unter Berufung auf die "NOZ" zunächst, bei der Schülerin handele es sich um eine Achtklässlerin. Später teilte das Kultusministerium jedoch mit, die Jugendliche gehe mittlerweile in die zehnte Klasse. Wir haben beide Fehler korrigiert.

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