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26. April 2019, 05:45 Uhr

Kita-Krise in Berlin

"So schlimm war die Situation noch nie"

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Vor einem Jahr demonstrierten Tausende verzweifelte Eltern in der Hauptstadt für mehr Kindergartenplätze. Bis heute hat sich die Lage nicht verbessert - im Gegenteil.

Eigentlich dachte Aline Beck, 37, sie hätte alles richtig gemacht: Gerade im vierten Monat schwanger, fragte sie schon bei den ersten Kitas nach einem Platz für ihr ungeborenes Kind. Nur eine Woche nach der Geburt ihres Sohnes Theo kam sie wieder, um sich auf Wartelisten eintragen zu lassen. Mit einem Jahr sollte Theo in die Kita, damit Beck wieder arbeiten gehen könnte. Auch beim Jugendamt gab sie Bescheid - in der Hoffnung, es könne bei der Vermittlung helfen. Schließlich, inzwischen verzweifelt, stellte sie eine Suchanzeige auf EBay-Kleinanzeigen: "Suche Kitaplatz. Biete 500 Euro."

Bis heute hat Theo, inzwischen sieben Monate alt, keine Betreuung in Aussicht. Seit dem vergangenen Jahr hat jedes Kind in der Hauptstadt ab dem ersten Geburtstag einen Anspruch auf kostenlose Betreuung - doch so einfach ist es nicht. Aline Beck fasst ihre Suche so zusammen: "Es ist eine Vollkatastrophe."

Damit ist sie in Berlin nicht allein. 50 Eltern haben allein in diesem Jahr bereits geklagt, um ihren Anspruch auf einen Betreuungsplatz rechtlich einzufordern. 175.400 Plätze gibt es zurzeit, bis 2021 sollen es 193.000 sein - um den Mangel endlich auszugleichen.

Die Stadt versprach Abhilfe - doch geändert hat sich nichts

Bereits im vergangenen Jahr gingen Tausende wütende Eltern in der Hauptstadt auf die Straße. Ihre Forderung: mehr Kitaplätze. Bundesweit mangelte es damals an Betreuung für 300.000 Kinder. Die Stadt versprach daraufhin schnelle Abhilfe. Doch wer heute mit Eltern und Erziehern in Berlin spricht, der stellt fest: Geändert hat sich an der katastrophalen Betreuungssituation seitdem kaum etwas.

Für Beck bedeutet der fehlende Kitaplatz vor allem eines: finanzielle Probleme. Sie hält es inzwischen für aussichtslos, wie geplant nach zwölf Monaten Auszeit in ihren Beruf zurückzukehren. Beck arbeitet in der Pflegebranche, das Geld ist knapp, sowieso. Einen Monat unbezahlte Elternzeit, den könne sie überbrücken, irgendwie. Danach würde es schwierig.

Am Anfang habe sie noch geglaubt, Theo in eine zweisprachige Kita geben zu können. Beck selbst ist französische Muttersprachlerin. Heute tut sie den Gedanken mit einem resignierten Lachen ab: "Bei diesen Traumkitas hat man erst recht keine Chance."

Drei bis vier Anfragen - am Tag

Helene Umbeer, 32, und Sabine Sauer, 31, leiten eine dieser Traumkitas. Der Kinderladen Krikelkrakel liegt im Stadtteil Prenzlauer Berg in einer Altbauwohnung, 25 Kinder werden hier in einer altersgemischten Gruppe betreut. Viele junge Familien ziehen auf den "Prenzl", Berlin ist hier hip, aber ordentlich - und Kitaplätze sind rar.

Am schwersten sei es, sagen Umbeer und Sauer, den verzweifelten Eltern abzusagen - jeden Tag, mehrmals. "Wir kriegen im Moment drei bis vier Anfragen täglich. So schlimm war die Situation noch nie", sagt Umbeer. "Neulich fing eine Mutter mitten im Gespräch an zu weinen. Sie wusste einfach nicht mehr weiter."

Eine Warteliste gebe es zwar auch bei ihnen. "Aber ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Namen da drauf stehen", sagt Sauer. Für die kommenden zwei Jahre sei ihre Kita ohnehin voll - die wenigen Plätze, die frei würden, seien bereits an Geschwisterkinder vergeben.

250 Euro für jeden Platz, den Kitas zusätzlich schaffen

Doch nicht nur Eltern und Kitas scheinen verzweifelt. Auch der verantwortliche Berliner Senat für Bildung, Jugend und Familie geht ungewöhnliche Wege, um des Problems Herr zu werden. Wöchentlich, so erzählen es Umbeer und Sauer, erhielten sie inzwischen Post. Immer wieder bitte der Senat darum, zusätzliche Plätze zu schaffen. 250 Euro pro Kind und Monat würden dafür geboten. Ein Bonusprogramm, das nach Meinung der Kitaleiterinnen zu Lasten der Kinder gehe. "Eine Überbelegung kommt für uns nicht in Frage", sagt Umbeer.

Und da gibt es noch ein anderes Problem: Die Betreuung weiterer Kinder würde auch am fehlenden Personal scheitern. Ihren Azubi etwa würden Umbeer und Sauer gern übernehmen. Doch er plant im Anschluss an seine Ausbildung erst einmal ein Studium. "Erzieher werden einfach zu schlecht bezahlt", sagt Umbeer. Der Markt sei leergefegt, die Suche nach einer guten Fachkraft nahezu aussichtslos.

Kita-Chaos in Berlin - "Und was mache ich jetzt?" (Video v. 05/2018)

"Ein unglaublicher Druck"

"Für die Eltern ist das ein unglaublicher Druck", gibt auch Iris Brennberger zu, Sprecherin des Berliner Bildungssenats. Doch seit dem vergangenen Jahr habe es große Fortschritte gegeben: 5400 Kitaplätze seien hinzugekommen. "Bis zum Sommer wird's noch mal eng", sagt Brennberger. Sobald das Schuljahr beginne, sehe sie aber gute Chancen, dass alle Kinder einen Platz bekommen.

Aline Beck glaubt nicht daran. Im Nachhinein macht sie sich Vorwürfe, bei der Suche nicht hartnäckig genug gewesen zu sein. Eine Freundin hatte ihr den Tipp gegeben, jede Woche persönlich bei ihren Wunschkitas vorbeizuschauen, Kuchen mitzubringen. "Ich wollte mich nicht anbiedern", sagt Beck. Heute glaubt sie, sie hätte immerhin per Telefon nachhaken müssen, ob die Plätze noch zu haben seien - und sich noch früher darum bemühen müssen.

"Eigentlich", sagt Beck, "hätte ich mit der Suche in dem Moment beginnen müssen, als wir aufhörten zu verhüten."

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, seit dem vergangenen Jahr habe jedes Kind in Berlin ab dem ersten Geburtstag einen Anspruch auf Betreuung. Korrekt hat jedes Kind in der Hauptstadt nach dem ersten Geburtstag seit dem vergangenen Jahr einen Anspruch auf kostenlose Betreuung. Der Rechtsanspruch auf Betreuung besteht schon seit mehreren Jahren und gilt bundesweit. Wir haben die entsprechende Textstelle geändert.

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