In den Sommerferien Berliner Privatschule kündigt Schülern, weil Eltern nerven

Privatschulen dürfen sich aussuchen, welche Kinder sie aufnehmen - und wann sie sie wieder loswerden wollen. Eine Berliner Einrichtung hat nun alle Verträge in den Ferien gekündigt. Die Schuld gibt sie den Eltern.

Schüler an der New School 2016: "Wie soll ich jetzt einen neuen Platz finden?"
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Schüler an der New School 2016: "Wie soll ich jetzt einen neuen Platz finden?"

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Keine Hausaufgaben, keine Noten, kein Pausengong: Die New School in Berlin startete vor vier Jahren mit der Idee, Schule mal anders aufzubauen - und damit auch Kinder zu motivieren, die sich in Regelschulen schlecht einfügen können.

Was vielversprechend begann, ist in den vergangenen Wochen eskaliert: Die Schulleitung hat allen verbliebenen Schülern gekündigt. Sie stehen nun in den Sommerferien ohne Schulplatz da. Was war passiert?

Das Konzept der New School klang innovativ und passte gut in eine Zeit, in der viele Schulen bundesweit mit Projektarbeit, jahrgangsübergreifendem Unterricht und anderen Methoden experimentieren, um klassische Unterrichtsformen aufzubrechen und aufzulockern.

Die Idee: Schülerinnen und Schüler lernen fast ausschließlich in Projekten, die sie sich selbst aussuchen können. Es gibt keinen Zwang und keinen Leistungsdruck, der die "Talents", wie die Jugendlichen dort heißen, von der freien Entfaltung abhält. Sogenannte Mentoren begleiten sie dabei.

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New School Berlin: Aquarium bauen statt Mathe büffeln

Finanzielle Sorgen hatte die Schule nie: Dahinter steht ein erfolgreicher Immobilienentwickler, der auch den Berliner Start-up-Campus The Factory aufgebaut hat, welcher wiederum von Google gefördert wird und die Schule mitfinanziert. Jeder Schüler bekam sein eigenes iPad.

Die New School war so außergewöhnlich, dass der SPIEGEL ihr 2016 einen ausführlichen Bericht widmete. Außergewöhnlich ist nun auch die Art, wie das vergangene Schuljahr zu Ende gegangen ist.

Die Schule war nie groß, hatte höchstens ein gutes Dutzend und zuletzt noch sieben Schüler. Anfang Juli kündigte die Schulleitung den Vertrag von fünf Schülern. In zwei Fällen hatten die Eltern kurz zuvor selbst gekündigt. Drei Schüler hatten kurz zuvor ihren Abschluss gemacht.

Die verbliebenen Jugendlichen stehen nun mitten in den Sommerferien ohne Schulplatz da. "Das ist sehr belastend", sagte eine Mutter, deren Sohn gekündigt wurde, dem SPIEGEL. "Wie soll ich jetzt einen neuen Platz finden, wenn ich vor Ferienende keine andere Schule kontaktieren kann?"

Die Gründerin und Geschäftsführerin der Schule, Sabrina Heimig-Schloemer, begründet die Kündigung damit, dass ein respektvolles Miteinander nicht mehr möglich sei. Durch das "Misstrauen" der Eltern gegenüber der Schulleitung und dem Schulteam sehe man "keine Grundlage" mehr für die Erfüllung des Lehrauftrags, heißt es in einem Schreiben an die Eltern, das dem SPIEGEL vorliegt.

Von jetzt auf gleich freigestellt

Mehrere Eltern schildern übereinstimmend, dass der Konflikt begann, als sich die Schule zwei Wochen vor Ferienbeginn von einem der beiden Mentoren trennte. Der Mentor sei beliebt gewesen bei den Schülern. Er sei von jetzt auf gleich freigestellt worden, und seine Kündigung habe die Jugendlichen sehr verstört.

Die Eltern schrieben daraufhin eine gemeinsame E-Mail an Heimig-Schloemer. Man sei froh, dass es die New School gebe. Aber: "Die häufigen und nicht nachvollziehbaren Mentorenwechsel erschüttern das Vertrauen der Talents genau wie das von uns Eltern", heißt es darin. "Wir bitten dringend und recht bald um einen Gesprächstermin."

Die Schulgründerin kam dieser Bitte nicht nach und antwortete knapp: "Alle Entscheidungen, die getroffen wurden und werden, sind im Sinne der Talents und der Schule." Veränderungen seien "ein Teil des Lebens" und "ein wichtiger Lernvorgang". Eltern, die kündigen wollten, sollten dies bis zum 1. Juli tun.

Den Eltern der fünf Schüler, die das nicht taten, stellte die Schulleitung dann ihrerseits eine Kündigung aus, die auf den 1. Juli datiert ist. "Wie kann man auf das simple Gesprächsangebot engagierter Eltern so abwertend reagieren?", fragt ein betroffener Vater.

Schulgründerin Heimig-Schloemer schreibt in einer Stellungnahme an den SPIEGEL, einige Eltern hätten der Schulleiterin und dem Schulteam unterstellt, "E-Mails und Dokumente im Schriftverkehr in meinem Namen abgefangen und gefälscht" zu haben. Diese Vorwürfe hätten das Vertrauensverhältnis zerstört.

Die Eltern weisen das zurück. Sie hätten mehrmals erfolglos versucht, mit Heimig-Schloemer direkt in Kontakt zu treten, seien jedoch immer wieder an die amtierende Schulleiterin verwiesen worden. Ihre Ersuche um ein Gespräch seien dabei stets ausgewogen formuliert gewesen.

Streit zulasten der Schüler

Der Streit zwischen Schulleitung und Eltern ist nun zulasten der Schüler eskaliert, von denen zumindest einige an der New School offenbar aufgeblüht waren. "Ich war so dankbar, dass er sich dort wohlgefühlt hat", sagt eine Mutter über ihren 16-jährigen Sohn, der bereits acht verschiedene Schulen besucht hat.

"Ich bin richtig stolz auf die Projektarbeit, die meine Schüler erbracht haben", erzählt auch der Mentor, den die Schulleitung zuletzt vor die Tür setzte, weil er "vom pädagogischen Konzept zunehmend abgewichen" sei. Ein anderer Mentor, der seinen Job ebenfalls kurzfristig vor einem Jahr verlor, sagt: "Die Schüler waren anstrengend, aber auch sehr neugierig und begabt, das ist so schade für sie."

Besonders bitter: Die New School gehört zu den wenigen Privatschulen, die gezielt schwierige Schüler aufnehmen. Viele derer, die dort unterkamen, haben an anderen staatlichen und privaten Einrichtungen kaum noch eine Chance.

Der Mentor, der bis vor einem Jahr an der Schule unterrichtete, wirft der gelernten Industriekauffrau Heimig-Schloemer und der derzeitigen Schulleiterin vor, keinerlei pädagogische Erfahrung und an der New School das Interesse verloren zu haben.

Mehrere Eltern haben sich beim Berliner Schulsenat beschwert und darum gebeten, die Anerkennung der New School als Ersatzschule zurückzunehmen. Dort hieß es, man prüfe die Beschwerde und unterstütze die betroffenen Schülerinnen und Schüler dabei, neue Schulplätze zu finden.

Die Schulgründerin, die Schulleiterin und die letzte verbliebene Mentorin wollen den Betrieb an der New School weiterführen - mit anderen Jugendlichen: "Das Konzept funktioniert. Zum nächsten Schuljahr werden wir sechs neue Schüler willkommen heißen", teilte Heimig-Schloemer mit.



insgesamt 215 Beiträge
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Nonvaio01 22.07.2019
1. "Wir bitten dringend und recht bald um einen Gesprächstermin."
das klingt nicht gerade wie ein normales gespraechsangebot, es klingt eher typisch deutsch, unhoeflich und fordernd. Sorry aber es geht die Eltern nichts an wer dort arbeitet und wer weswegen gefeuert wurde, die Schulleitung darf das den Eltern garnicht genauer sagen. Bei einigen Eltern fragt man sich echt was die sich einbilden.
fin2010 22.07.2019
2. "schwierige" Schüler
Zitat von Nonvaio01das klingt nicht gerade wie ein normales gespraechsangebot, es klingt eher typisch deutsch, unhoeflich und fordernd. Sorry aber es geht die Eltern nichts an wer dort arbeitet und wer weswegen gefeuert wurde, die Schulleitung darf das den Eltern garnicht genauer sagen. Bei einigen Eltern fragt man sich echt was die sich einbilden.
lt. Artikel. Womöglich hat sich diese Eigenschaft vererbt?
drui 22.07.2019
3. Weg damit!
Eine private Schule, finanziert von Milliardärseliten, mit mehr Personal als Schülern, die nach Lust und Laune sowohl Lehrer als auch Schüler von einem auf den anderen Tag feuert, sollte in Deutschland nicht zugelassen werden!
malexe 22.07.2019
4. acht verschiedene Schulen
Es ist für die Eltern sicher schwer nachzuvollziehen, aber wenn ein Kind an 8 verschiedenen Schulen scheitert, dann sollte man eventuell mal damit aufhören, den Fehler stets bei Anderen zu suchen. Vielleicht, aber nur vielleicht ist der Junge einfach nur unbeschulbar.
Akzente 22.07.2019
5. Völlig falsch......
Es MUSS die Eltern etwas angehen, wer dort arbeitet und wer weshalb gefeuert wurde. Nicht zuletzt als Privatschule muss das Miteinander noch intensiver gepflegt werden. Wer bezahlt muss mitbetimmen können.
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