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Freizeit Berliner Jugendlicher: Teenies im Nirgendwo

Foto: Janina Wick/ Kerber Verlag

Jugendliche in Berlin-Schöneweide Abhängen auf der Brachfläche

Zwischen verlassenen Backsteingebäuden und Brachfläche treffen sich junge Menschen in Berlin-Schöneweide - ungestört von Erwachsenen. Eine Fotografin zeigt, wie viel dieser Ort den Teenies bedeutet.

An einem Frühlingstag im Jahr 2014 fuhr Fotografin Janina Wick  mit ihrem Fahrrad von Berlin-Kreuzberg in die Wuhlheide. Hinter dem Treptower Park folgte sie der Spree über eine Brücke - und war plötzlich in einer Gegend, die sie noch nicht kannte: Schöneweide. Überall verfallene Industriebauten aus der Gründerzeit, verwilderte Brachfläche. Wick war fasziniert.

Schon länger beschäftigte sie sich fotografisch mit der Frage, wie Jugendliche sich im städtischen Raum bewegen. Welche Orte suchen sie sich aus, um sich zu treffen, wie nehmen sie diese ein? In Schöneweide, mitten im Nichts, fand Wick Antworten auf ihre Fragen - denn sie traf auf junge Menschen.

In Schöneweide, auf einer Brachfläche, hielten sie sich auf. In der Nähe eines Schiffs, auf dem sich ein Jugendklub befindet - auch hier lernte Fotografin Wick viele junge Männer und Frauen kennen.

Für die meisten von ihnen waren diese Orte in Schöneweide Zuflucht, fand Wick heraus. Viele hätten Probleme mit ihren Eltern oder der Schule. Gleichzeitig herrsche aber auch ein großer Zusammenhalt, bei Schwierigkeiten seien die Jugendlichen füreinander da. Fast alle lebten schon immer in Schöneweide. "Hier kennt jeder jeden, wie in einer Kleinstadt", sagt die Fotografin.

Über vier Jahre hinweg, von 2014 bis 2018, baute sie Kontakt zu den Jugendlichen auf und besuchte sie immer wieder. Gemeinsam erkundeten sie die leerstehenden Flächen der Brache. Wick war beeindruckt von der wilden Natur, der Atmosphäre. Sie ließ sich von den jungen Menschen noch mehr Orte zeigen, an denen sie sich treffen und die ihnen etwas bedeuten. Es sind Plätze, an denen nichts los ist, an denen sie ungestört sind.

Immer mit sich trug Wick ihre Kamera. Sie drückte ab, wenn die Jugendlichen ihr zeigten, wie sie an der Spree sitzen. Wie sie auf Hausdächer klettern und abhängen. Etwa 80 Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren lernte Wick kennen, manche von ihnen traf sie immer wieder zufällig, wenn sie über das Gelände spazierte.

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Freizeit Berliner Jugendlicher: Teenies im Nirgendwo

Foto: Janina Wick/ Kerber Verlag

Je öfter sie kam, desto enger wurde die Beziehung zwischen Wick und den Jugendlichen. Vertrauen entstand. Wick fotografierte die jungen Menschen oft direkt auf der Brachfläche. "Wenn ich sie daheim oder in der Schule gezeigt hätte, hätte man sie viel mehr analysiert. So sind sie herausgenommen aus ihrer sozialen Welt", sagt die Fotografin.

Wick gab beim Fotografieren keine Anweisungen, wartete ab, bis die Jugendlichen einfach sie selbst waren. Die Bilder zeigen kein Grinsen, kein Duckface, keine Posen - stattdessen wirken die Teenies in sich gekehrt, nachdenklich, verletzlich. "Ich suche nach einem Moment, in dem sie ganz bei sich sind und mir als Fotografin mit Offenheit begegnen. Die Spannung, die in einem solchen Moment entstehen kann, ist dann auch im Bild spürbar", sagt Wick.

In dem Bildband "Schöneweide" stellt Wick den Porträts Bilder vom Stadt- und Naturraum gegenüber. Es ist ein Buch, das die Wege zeigt, die die jungen Menschen in Schöneweide gehen und ein Gefühl für ihren Lebensraum vermittelt: Da ist ein Pfad durchs Gebüsch, da steht ein verlassenes Backsteingebäude, dazwischen die Jugendlichen.

Im Jahr 2017 veränderte sich die Welt, die Wick in Schöneweide mit ihrer Kamera einfing: Immer mehr Leerflächen verschwanden, Neubauten entstanden, Menschen zogen zu. Im Februar 2018 wurde die Brachfläche abgesperrt, die Gebäude abgerissen, um Wohnungen zu bauen. Die Jugendlichen suchten sich andere Orte, erzählt Wick - vor Einkaufszentren oder der S-Bahn Station.

Das Verschwinden sollte aber nicht Thema ihrer Arbeit sein, sagt Wick. Nur wenige Fotos erzählen von den Veränderungen. Ihre Bilder sind viel mehr eine Momentaufnahme der Vergangenheit - von einem Ort, der die dargestellten Menschen geprägt hat.

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