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18. Januar 2019, 07:07 Uhr

Lehrer an Berliner Problemschulen

Wer von der Brennpunktzulage profitiert

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Lehrer an Brennpunktschulen machen einen harten Job - dafür erhalten sie in Berlin eine Zulage. Das Geld kommt aber nicht bei allen an - und helfe auch nicht gegen Burn-out, sagen Kritiker.

Die Berliner Lehrerschaft ist gespalten: "Die Zulage hilft uns sehr", sagt der Leiter einer Berliner Gesamtschule über die zusätzlichen 300 Euro für Lehrer an sogenannten Brennpunktschulen. "Das ist Wertschätzung für unsere sehr harte Arbeit." Die Leiterin einer Grundschule sagt hingegen, das Geld bringe nichts: "Was wir brauchen, sind kleinere Klassen und mehr Lehrer."

Senat und Abgeordnetenhaus hatten im Dezember beschlossen, Lehrern an "Schulen in schwieriger Lage" rückwirkend zum Schuljahresbeginn monatlich 300 Euro Zulage zu zahlen. Jetzt veröffentlichte die Senatsverwaltung für Bildung Zahlen dazu, wie viele Lehrer an welchen Schulen von der Zulage profitieren.

Zwei Gymnasien unter den Brennpunktschulen

Demnach gilt die Arbeit an 58 Schulen als besonders herausfordernd. Hier stammen der Regelung zufolge mehr als 80 Prozent der Schüler aus Familien, die auf Sozialleistungen angewiesen sind. Betroffen sind besonders die Stadtteile Neukölln und Mitte.

Insgesamt bekommen 2298 Lehrerinnen und Lehrer die Zusatzzahlung, vornehmlich an Grund-, Sekundar- und Förderschulen, aber auch an zwei Gymnasien in Neukölln.

Zusätzlich sollen Erzieherinnen und Erzieher, die "eine besonders schwierige fachliche Tätigkeit ausüben", mehr Geld bekommen. Allerdings können sie dem Senatspapier zufolge nach dem Tarifrecht keine pauschale Zulage erhalten. Erzieher an 32 Grundschulen würden stattdessen eine Entgeltgruppe höher eingestuft.

Diejenigen, die bereits in der höchsten Entgeltgruppe sind, gehen jedoch leer aus. Hier sei eine bessere Bezahlung nicht möglich, heißt es beim Senat. Auch Erzieher, die für freie Träger arbeiten, bekommen vorerst nichts. Hier müssten sich Stadt und Jugendhilfe erst noch auf eine Finanzierung einigen. Insgesamt will der rot-rot-grüne Senat binnen zwei Jahren gut 17 Millionen Euro verteilen.

GEW: Geld für Entlastung einsetzen

Ilka Hoffmann vom Vorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sagt, das Geld hätte besser investiert werden können. "Es ist für die Kolleginnen und Kollegen schön, zusätzlich etwas im Geldbeutel zu haben, aber das entlastet nicht vor Ort. Wenn man kurz vor dem Burn-out steht, nützt einem das nichts."

Wie die eingangs zitierte Leiterin der Grundschule, die anonym bleiben will, fordert Hoffmann kleinere Klassen und mehr Lehrer. Was die Lehrkräfte in den "Schulen mit besonderen Herausforderungen" bräuchten, sei mehr Zeit, um mit Kollegen, Eltern und Jugendhilfeeinrichtungen zusammenzuarbeiten. Dazu müssten die Lehrer zu weniger Unterrichtsstunden verpflichtet werden.

Das gelte nicht nur für Berlin. In allen Großstädten stünden Lehrer vor ähnlichen Herausforderungen, eine Lösung gebe es nicht, so die Gewerkschafterin.

Hamburg habe aber einen guten Weg eingeschlagen, sagt Hoffmann. In der Hansestadt werde anhand von Sozialdaten und der Schulleistung regelmäßig evaluiert, wo die Schulen stehen. Gebe es Probleme, würde die Zahl der Lehrer erhöht - aus Sicht Hoffmanns allerdings nicht ausreichend.

Keine Entlastung wegen Lehrermangels

Das Problem: Der eklatante Lehrermangel lässt den Verantwortlichen wenig Spiel. So hatten auch rot-rot-grüne Bildungspolitiker in Berlin die Option durchgespielt, die Lehrer an Brennpunktschulen zu entlasten, berichtet der "Tagesspiegel".

Die Konsequenz: Es würden zusätzlich rund hundert Lehrer fehlen. Berlin flickt die Lücken bereits mit Quereinsteigern, die besonders häufig an Brennpunktschulen arbeiten.

Also entschied Berlin sich für Geld als Anreiz und Würdigung - und ist mit dieser Taktik laut Hoffmann allein. Ähnliche Maßnahmen waren bisher lediglich im Gespräch, um Lehrer in ländliche Regionen zu locken. So gibt es in Sachsen-Anhalt einen als "Buschzulage" verspotteten Bonus.

Auch Sachsen will angehenden Lehrern von August an mehr bezahlen, wenn sie sich verpflichten, für fünf Jahre auf dem Land zu unterrichten, berichtet die "Leipziger Volkszeitung". Referendare bekommen demnach 1000 Euro mehr pro Monat. Der Freistaat hatte die Gelder ursprünglich schon zum Jahresbeginn versprochen.

Hoffmann bezweifelt, dass der finanzielle Anreiz etwas bringt. Geld allein sei keine gute Motivation. Die Lehrer müssten hinter ihrer Entscheidung stehen, egal ob es um ein Leben im Erzgebirge oder die Arbeit mit Schülern aus schwierigen Verhältnissen gehe.

Der eingangs genannte Schulleiter findet den Anreiz hingegen legitim: "Sonst wollen doch alle nur ans Gymnasium, weil es da einfacher ist." Die Brennpunktschulen gingen dann leer aus. Die Schulleiterin widerspricht: "Man muss selbst auch für die Arbeit brennen. Allein fürs Geld geht das nicht."

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