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16. Oktober 2009, 08:49 Uhr

Berliner Problemkiez

Schule umgarnt Eltern mit Deutsch-Garantie

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Nur Kinder, die gut Deutsch sprechen, Ausländerquote, beste Ausstattung - mit diesen Versprechen will eine Grundschule im Problembezirk Wedding Eltern ködern. Bürgermeister Wowereit lobt den Plan - aber führt die Einrichtung solcher Sonderklassen direkt in den Bildungsseparatismus?

Karin Müller ist zuversichtlich. Das ist nicht selbstverständlich, denn bis vor einigen Monaten war die Leiterin der Gustav-Falke-Grundschule im Berliner Stadtteil Wedding eher verzweifelt als optimistisch gestimmt: Eltern hatten Initiativen gegründet - aus Angst, ihre Kinder müssten auf diese Schule gehen.

Die Gustav-Falke-Schule liegt in Wedding, unweit der Bernauer Straße, die so etwas wie eine demografische Scheidelinie ist: im Südosten Altmitte, ein Stadtteil geprägt von sanierten Altbauten, hübschen Cafés, bewohnt vor allem von deutschen Mittelschichtlern. Im Nordosten Wedding, wenig hip, hoher Migrantenanteil, über die Hälfte der Bewohner lebt von Transferleistungen. An der Gustav-Franke-Schule sind 90 Prozent der Schüler Kinder von Einwandererfamilien. Ihr Anteil kletterte in den letzten Jahren kontinuierlich.

Als die Bildungsbehörde ins Auge fasste, den Einzugsbereich ihrer Schule um Altmitte zu erweitern, seien viele Eltern aus dem hippen Südosten auf die Barrikaden gegangen, sagte Karin Müller SPIEGEL ONLINE. Denn in Berlin gilt das Wohnortprinzip, den Sprößlingen der bildungsbewussten Eltern hätte die Schule zugewiesen werden können.

Die Hälfte der Schüler soll deutscher Herkunft sein

"'Ich gebe meine Kinder doch nicht an so eine Problemschule', haben sie gesagt", erinnert sich Müller. Gemeinsam mit ihren Lehrern und anderen Schulen fasste sie einen Plan: eine Schule anzubieten, die für bildungsbewusste deutsche Eltern attraktiv ist und ein für allemal den Ruf einer Problemschule los wird. Also lud sie Eltern zu insgesamt drei Info-Abenden; jedes Mal seien mehr gekommen, sagt Müller. Die Schulleiterin fragte nach, sie wollte wissen, was sie denn bieten müsse, damit die Schule als attraktiver Lernort statt als Problemherd wahrgenommen wird.

Herausgekommen ist ein bis dato einzigartiges Modellprojekt: Ab dem Schuljahr 2010/2011 soll eine besondere Klasse starten. Wenn alles glatt geht, sitzen darin ausschließlich Schüler mit guten Deutschkenntnissen, maximal 24 statt der üblichen 28 Kinder. Und vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern soll diese Klasse eine "Top-Ausstattung" zur Verfügung haben, elektronische Tafeln inklusive. Zudem soll es bereits ab Klasse eins Englischunterricht geben.

Die "Deutsch-Garantie", wie Karin Müller es nennt, soll durch einen Sprachtest hergestellt werden: Wer in die Klasse will, muss ihn machen und zu mindestens 80 Prozent richtig liegen. Ein weiterer wichtiger Punkt: Die Zusammensetzung der Klasse soll durch eine Quote geregelt werden - die Hälfte der Schüler soll deutscher Herkunft sein.

Ausgrenzung schon zum Schulbeginn?

Berlins Oberbürgemeister Klaus Wowereit (SPD) ließ mitteilen, er begrüße die "zukunftsweisende Initiative". Grüne, FDP und CDU halten sie ebenfalls für nachahmenswert. Der Landeselternausschuss empfiehlt das Konzept auch anderen Brennpunktschulen, damit sich die Schülerschaft sozial durchmische. Die Lehrergewerkschaft GEW schloss sich an: "Wenn es auf diesem Weg gelingt, Kinder mit besseren Deutschkenntnissen verstärkt auf die Schule zu bringen, dann ist das langfristig betrachtet ein sehr erfolgversprechender Weg", so Berlins GEW-Sprecher. Die Ausstattung bezuschussen will das Wohnungsunternehmen Degewo, das rund 5000 Wohnungen in Wedding besitzt und bei dem man um die Schule als mitentscheidenden Standortfaktor weiß.

Kritik kam vom Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowksy (SPD). Er sieht die Gefahr, dass bereits unter Grundschulkindern eine Auslese stattfinden könnte, wie er der "Berliner Morgenpost" sagte. Begünstigt eine Sonderklasse mit Auslese und besseren Lernbedingungen frühen Bildungsseparatismus? Schulleiterin Müller wiegelt ab: Die anderen Schüler könnten die verbesserte Ausstattung ebenso nutzen, außerdem habe sie die Unterstützung der Eltern, "die begrüßen das Konzept".

"Es soll keine Elite-Klasse werden", betont Müller. Trotzdem könnte es Gegenwind aus der Berliner Schulaufsicht kommen. Deren Chef Erhard Laube nennt es zwar wünschenswert, dass Projekte solcher Art die Heterogenität in Schulklassen steigern könnten. Die Zugangskriterien müssen jedoch "rechtlich geprüft werden", sagte er SPIEGEL ONLINE.

"Ein Inselprojekt, das Verlierer produziert"

Vor allem die Festlegung der Zusammensetzung einer Klasse nach Herkunft der Schüler widerspricht dem Schulgesetz. Denn Berlin hat Ausländerquoten an Schulen schon vor vielen Jahren abgeschafft - sie waren schlicht nicht mehr machbar in manchen Stadtteilen mit hohem Ausländeranteil.

Sprachtest und Quotenregelung seien mit der Schulaufsicht abgesprochen, versichert Schulleiterin Müller. Sie hält eine Quote in Klassen für "generell sinnvoll". Das sei illusorisch und nicht durchsetzbar, kontert Laube: "Sie werden Eltern in Zehlendorf nicht dazu bewegen können, ihre Kinder nach Neukölln zu karren."

Der Berliner Soziologe Hartmut Häussermann empfahl kürzlich in einem Aufsatz zur "Segregation in deutschen Schulen", die soziale Mischung von Schulklassen per staatlicher Regulierung zu verändern. Die Grundidee der Franke-Schule sei ja richtig, sagte er SPIEGEL ONLINE. Und hält dennoch wenig davon: "Das ist ein Inselprojekt, das Verlierer produziert", so Häussermann. "Durch den Sprachtest werden doch die ausgeschlossen, die eine Förderung am nötigsten hätten. Wir wissen, dass Kinder, die schlecht Deutsch sprechen, von Mitschülern mit besseren Kenntnissen profitieren können."

Im November wird Karin Müller sehen, ob ihre Modellklasse als Magnet für die Mittelschichtler funktioniert. Dann läuft die Anmeldung für Erstklässler. Am Donnerstag veranstaltete die Gustav-Falke-Schule einen Tag der offenen Tür, neugierige Eltern kamen, auch aus Altmitte. Müller ist zuversichtlich.

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