Berliner Schüler-Lotto "Das Los garantiert Gleichbehandlung"

Ob Berliner Schüler aufs Gymnasium ihrer Wahl gehen können, soll auch das Los entscheiden: 30 Prozent der Plätze sollen in den Topf. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE verrät Bildungssenator Jürgen Zöllner, wieso er das gerecht findet und wo es bei seiner Schulreform noch hapert.


SPIEGEL ONLINE: Herr Zöllner, wie gerecht ist das Glück?

Jürgen Zöllner: Das Glück ist weder gerecht noch ungerecht. Sie spielen an auf das Losverfahren, das wir in Berlin einführen werden?

Neue Schulstruktur: Zöllner will zweigliedriges System in Berlin
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Neue Schulstruktur: Zöllner will zweigliedriges System in Berlin

SPIEGEL ONLINE: Richtig, Sie wollen das Prinzip Glück im Berliner Schulsystem etablieren. Nach Ihren Plänen soll das Los entscheiden, ob ein Kind auf das Gymnasium seiner Wahl gehen darf, wenn es mehr Bewerber als Plätze gibt. Gut ein Drittel der Plätze wollen Sie verlosen.

Zöllner: Ganz allgemein garantiert das Los eine völlige Gleichbehandlung. Das ist die wissenschaftliche Umsetzung des Zufallsprinzips: Bei der Entscheidung spielen andere Faktoren keine Rolle, weder Verdienste noch Leistungen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht ungerecht, wenn leistungsstarke Kinder, die sich angestrengt, aber wenig Losglück haben, nicht an ihre Wunschschule dürfen, weil weniger begabte oder faule mit mehr Glück ihnen den Platz wegschnappen?

Zöllner: Ich halte es für gerecht, dass jeder die gleichen Chancen bekommt. Aber das ist doch gar nicht die Frage. Was wir planen, bedeutet ja nicht, dass leistungsstarke Kinder benachteiligt werden - im Gegenteil. Wir geben den Schulen die Möglichkeit, sich ihre Schüler auszusuchen. Über 70 Prozent der Plätze an begehrten Schulen entscheiden die Schulleiter. Viele begabte und leistungsstarke Kinder geraten überhaupt nicht in die Lostrommel - vom Wegschnappen der Plätze kann keine Rede sein.

SPIEGEL ONLINE: Zehn Prozent der Plätze sollen an Härtefälle vergeben werden. Wer entscheidet, wann ein Härtefall vorliegt?

Zöllner: Auch die Schulleiter, zusammen mit dem Schulträger. Das ist in Berlin der Bezirk. Wobei mir wichtig ist, dass auch Kindern mit Geschwistern an derselben Schule als Härtefälle gesehen werden können - damit eine Familie mit drei Kindern nicht drei verschiedene Schulen anfahren muss.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit einem Schüler, der eine Niete zieht und nicht an sein Wunsch-Gymnasium darf?

Zöllner: Jeder, der auf ein Gymnasium will, bekommt einen Gymnasialplatz. Wie die Verteilung im Detail funktioniert, das wird noch ausgearbeitet. Es gibt eine Arbeitsgruppe, in der auch Schulleiter sitzen, die zu meinen Kritikern gehören. Ich möchte sie einbeziehen und deren Erfahrungen als Praktiker nutzen. Sie werden einen Vorschlag machen, und darüber werden wir dann diskutieren. Letztlich sind das eher technokratische Probleme: Lost man zuerst oder wählt man zuerst aus? Das ist Verwaltungshandeln.

SPIEGEL ONLINE: Über eine Schul-ZVS, eine Vergabestelle für Schulplätze, denken Sie aber nicht nach?

Zöllner: Nein. Bisher ist es so, dass die Eltern freie Plätze genannt bekommen. Wir müssen sehen, ob das praktikabel ist für das neue System.

SPIEGEL ONLINE: Und nach welchen Kriterien sollen die Schulleiter ihre Schüler auswählen?

Schulreform in Berlin
Rot-rotes Mammutprojekt
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Die Berliner Schulreform ähnelt den schwarz-grünen Plänen in Hamburg und ist ein Kompromiss aus zwei Modellen: auf der einen Seite die SPD, die das Gymnasium erhalten und ein Probejahr einführen will. Auf der anderen Seite die Linke, die eine Gemeinschaftsschule für alle favorisiert. Die Reform soll zum Schuljahr 2010/2011 umgesetzt werden.
Grundschule
In Berlin gehen die Schüler bereits bis zur sechsten Klasse in die Grundschule. Dies soll beibehalten werden - ebenso wie die Ausnahme für rund 30 grundständige Gymnasien: Sie beginnen bereits ab Klasse fünf.
Sekundarschule
Durch die Reform wird das vielgliedrige System zu einem zweigliedrigen: Die Hauptschulen, Realschulen und Gesamtschulen werden zu integrativen Sekundarschulen zusammengefasst. In den Sekundarschulen ist auch das Abitur nach Klasse 13, in manchen Fällen auch nach Klasse 12 möglich. Alle Sekundarschulen sollen Ganztagesschulen werden, die Klassen sollen nicht mehr als 25 Schüler haben.
Gymnasium
An Gymnasien wird wie bisher das Abitur nach Klasse 12 absolviert. In jedem Bezirk soll ein Gymnasium als Ganztagesschule laufen. Das erste Schuljahr am Gymnasien in Klasse 7 wird ein Probejahr sein: Sollte sich herausstellen, dass ein Schüler nicht mithalten kann, muss er auf die Sekundarschule wechseln.
Elternwille
Der Elternwille soll weiterhin maßgeblich sein. Zwar wird am Ende der Grundschulzeit ein Beratungssgespräch zwischen Schule und Eltern Pflicht sein, die Empfehlung der Schule muss jedoch nicht befolgt werden. Eltern sollen künftig nicht nur die Schulform, sondern auch die Schule selbst wählen können.
Quotenregelung
Sollten an weiterführenden Schulen mehr Anmeldungen als Plätze sein, sollen die Plätze nach einer Quote vergeben werden: Nach dem aktuellen Plan dürfen die Schulen mindestens 60 Prozent der Plätze nach eigenen Kriterien selbst vergeben, bis zu zehn Prozent bleiben für Härtefälle wie Behinderung oder eine familiär oder sozial besondere Lage. Mindestens 30 Prozent sollen verlost werden. Wie allerdings mit denjenigen verfahren wird, die kein Losglück hatten, ist noch unklar.

Zöllner: Auch das wird noch ausgearbeitet. Es wird Standardkriterien geben, an denen sich die Schulen orientieren können, so dass die Entscheidungen auch gerichtsfest getroffen werden.

SPIEGEL ONLINE: Halten wir fest: Sie bringen ein Mammutprojekt auf den Weg, einen Radikalumbau des Schulsystems - und haben noch keine Ahnung, wie es konkret funktionieren soll?

Zöllner: Bei dem Paradigmenwechsel, der sich hier vollzieht und den wir durchsetzen, handelt es sich nicht nur um Detailfragen, sondern vor allem um die großen Veränderungen. Wir setzen auf ein zweigliedriges Schulsystem aus Gymnasien und Sekundarschulen, beide Schulen führen zum Abitur. Jede Schule hat fortan die Möglichkeit, sich ein Profil zu schaffen, eigene Schüler nach Begabung und Neigung auszuwählen, eigene Schwerpunkte zu setzen. So optimal wie die integrierten Sekundarschulen fördert keine Schule ihre Kinder - sie bietet alle Abschlüsse an und Ganztagsbetreuung. Ich bin auch ein bisschen stolz darauf, dass die großen Fragen in der Stadt mittlerweile weitestgehend unstrittig sind. Selbst Wirtschaftsverbände und Professoren, die sonst nicht zu den natürlichen Verbündeten der SPD und der Linken gehören, unterstützen diese Vorhaben.

SPIEGEL ONLINE: Aber über das Gelingen der Reform entscheiden Detail-Regelungen wie die Verteilung der Schüler.

Zöllner: Diese Probleme gibt es doch bereits jetzt, im alten System. Schon jetzt gibt es begehrte Schulen mit weit mehr Anmeldungen als Plätzen. Das sind übrigens nicht nur Gymnasien, sondern auch begehrte Gesamtschulen - dort wird schon heute gelost. Oft genug entscheidet jedoch der Fahrplan von Bussen und U-Bahnen, weil das Prinzip der Wohnortnähe gilt. Das führt dazu, dass Eltern massenhaft Zweitwohnsitze in der Nähe begehrter Schulen anmelden. Das ist absurd - und nicht gerecht.

SPIEGEL ONLINE: Weil dann das Bildungsbürgertum unter sich bleibt und sich abgrenzt. Sie sprechen oft davon, "soziale Inseln" verhindern zu wollen…

Zöllner: Ich will und kann nicht von oben verordnen, dass jede Schule automatisch dem Durchschnitt der Berliner Sozialstruktur entspricht. Das Wohnortprinzip bei der Auswahl hat die Segregation eher gefördert. Unser neues Aufnahmeverfahren ermöglicht mehr Mischung. Diese werde ich jedoch nicht erzwingen durch Quoten oder andere Maßnahmen. Wir werden kein amerikanisches "Busing" einführen, bei dem Schüler durch die Stadt kutschiert werden, um die soziale Durchmischung zu erhöhen. Ich setze darauf, dass sich das in unserem System aus Gymnasium und Sekundarschule selbst reguliert.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man das zu Ende denkt, wird nur eine Wanderbewegung in die reicheren Gegenden stattfinden.

Zöllner: Ich unterstelle, dass die Schulleiter es ernst meinen mit der Profilbildung ihrer Schulen. Dann werden sie nach Begabung auswählen - ganz egal, woher jemand kommt.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden wenige Eltern im wohlhabenden Zehlendorf davon überzeugen können, ihre Kinder auf eine Schule im Problemkiez Neukölln zu schicken - ganz egal, wie ausgeprägt das Schulprofil dort ist.

Zöllner: Schon jetzt gibt es auch in Neukölln sehr anerkannte und erfolgreiche Schulen. Aber es ist auch nicht das Ziel, möglichst viele Kinder durch die Stadt zu schicken, sondern jedes Kind optimal zu fördern. Ich werde keine Sozialquote verordnen, das will ich auch gar nicht. Aber ich werde die jetzigen Rahmenbedingungen abschaffen, die eine Abschottung fördern.

SPIEGEL ONLINE: Eine Gerechtigkeitslücke bleibt. Weiterhin soll in Berlin der Elternwille die entscheidende Größe sein. Doch Eltern aus dem Bildungsbürgertum gelingt es viel häufiger, ihre Kinder auf dem Gymnasium unterzubringen - auch bei mäßigen Noten. Die Eltern von Kindern aus bildungsfernen Schichten schaffen das nur selten oder versuchen es erst gar nicht. Hamburg, das sein Schulsystem ähnlich radikal umbaut wie Berlin, setzt auch deshalb auf verbindliche Empfehlungen durch die Grundschule.

Zöllner: Ich kenne die Untersuchungen dazu sehr genau. Und natürlich bekomme ich mit dem Elternwillen nicht die sozialen Probleme in den Griff. Aber ich darf doch nicht die engagierten Eltern bestrafen, die sich für ihr Kind einsetzen. Natürlich kann der Elternwille im Einzelfall falsch sein, natürlich gibt es übermotivierte Eltern, die ihr Kind um jeden Preis ans Gymnasium schicken wollen. Deshalb wird es ein Probejahr am Gymnasium geben.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem eigenen Haus gab es Überlegungen, einen NC fürs Gymnasium einzuführen, weil der Elternwille eben nicht gerecht ist.

Zöllner: Gerechtigkeit ist mir in diesem Zusammenhang ein zu großes Wort, zu moralisch. Sagen wir: Es kommt zu Fehleinschätzungen, auch bei sehr engagierten Eltern. Aber ein NC oder eine Aufnahmeprüfung hilft nicht unbedingt weiter. Ich habe als Professor unzählige Studenten geprüft. Glauben Sie mir, es ist zwar relativ einfach zu prüfen, was einer wissen müsste. Aber herauszubekommen, ob jemand eine Perspektive hat, ob er die Chance hat, etwas zu lernen, das ist schwer. Das Probejahr gibt dem Elternwillen eine faire Chance, sich zu bewähren.

Das Gespräch führte Oliver Trenkamp

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