Berliner Schüler-Lotto Rot-rote Koalition will Losquote von 30 Prozent

Ob Berliner Schüler auf das Gymnasium ihrer Wahl gehen können, soll auch das Los entscheiden. SPD und Linke haben sich auf eine Quote geeinigt: 30 Prozent der Plätze sollen in den Topf, also nicht die Hälfte wie zunächst geplant. Die Kritiker stimmt das nicht milder.

Die Berliner Regierungskoalition von SPD und Linke hat sich auf die künftige Zugangsregelung fürs Gymnasium geeinigt: Mindestens 30 Prozent der Plätze an Gymnasien sollen verlost werden, wenn sich mehr Grundschulabgänger bewerben als es Plätze gibt. Am Donnerstag stimmten die Fraktionen dem zu.

Damit fällt die Losquote geringer aus als die von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) mit der Linken zunächst vereinbarten 50 Prozent. Nach dem neuen Plan dürfen die Schulen mindestens 60 Prozent der Plätze nach eigenen Kriterien selbst vergeben, bis zu zehn Prozent bleiben für Härtefälle wie Behinderung oder eine familiär oder sozial besondere Lage.

Am Dienstagabend hatte sich die SPD-Fraktion gegen die Vorlage Zöllners und für eine Quote von 25 Prozent entschieden und damit die Koalition zu erneuten Verhandlungen gezwungen.

Die Linke ist debatiermüde

Die Sozialdemokraten stimmten der neuen Quote nun ebenso zu wie die Fraktion der Linken, deren Votum allerdings als weitaus unsicherer galt: Die Quote von 50 Prozent war ursprünglich ihre Bedingung für das von der SPD geforderte Probejahr am Gymnasium in Klasse sieben, nach dem Schüler auf die Sekundarschule versetzt werden sollen, falls sie nicht mithalten können.

"Es gibt eine gewisse Debatiermüdigkeit in der Fraktion", sagte Steffen Zillich, bildungspolitischer Sprecher der Linken, SPIEGEL ONLINE. Nach der Einigung könne nun "losgearbeitet werden". Die Reform soll zum Schuljahr 2010/2011 umgesetzt werden. Nach der Sommerpause will die Koalition die Reform beschließen.

Es ist ein Mammutprojekt, das dem Vorhaben der schwarz-grünen Koalition in Hamburg in wesentlichen Punkten ähnelt. Geplant ist eine neue Schulstruktur: Nach Klasse 6 werden die Schüler nur noch die Wahl zwischen zwei Schulformen haben - an der Sekundarschule können sie nach 13 Jahren das Abitur machen, am Gymnasium nach Klasse 12. Die Probezeit an Gymnasien will man von einem halben auf ein Jahr verlängern. Derzeit besuchen insgesamt 79.000 Schüler Gymnasien, 40.000 Gesamt-, 21.000 Real- und 12.000 Hauptschulen.

Bildungssenator will "soziale Inseln" vermeiden

Die Eltern entscheiden weiterhin, ob ihr Kind auf ein Gymnasium oder eine Sekundarschule gehen soll. Sie bekommen zwar am Ende der sechsten Klasse ein Beratungsgespräch mitsamt Empfehlung aufgrund der Leistungen, Kompetenzen und Neigung - doch diese Empfehlung ist nicht bindend.

Die Quote soll bei der Wahl der Schule ins Spiel kommen. Denn nicht nur die Schulform, auch die Schule selbst dürfen Eltern nach den Reformplänen künftig wählen dürfen. Gibt es dort zu viele Anmeldungen, besetzt der Schulleiter einen Teil der Plätze anhand von Schulleistungen und des Profils seines Gymnasiums. Der andere Teil soll per Losverfahren vergeben werden, damit jeder Schüler sich an jedem Gymnasium bewerben kann.

Derzeit gibt es laut Bildungsverwaltung an 45 Prozent der Berliner Gymnasien mehr Bewerber als Plätze. Bildungssenator Zöllner verspricht sich vom neuen Verfahren eine bessere soziale Durchmischung an Gymnasien und will fortan "soziale Inseln" vermeiden.

Eltern können in Berlin schon jetzt frei entscheiden, auf welche Schulform sie ihr Kind schicken. Doch ob ein Schüler an der Wunsch-Schule aufgenommen wird, bestimmt bisher der jeweilige Bezirk. Entscheidend ist die Nähe von Wohnsitz und Schule. Folge: Soziale Schichten bleiben in den Stadtteilen meist unter sich.

Unklare Verteilung bei den Nieten

Gegen die Losquote hat sich in Berlin ein breites Bündnis formiert: Vertreter von Eltern, Schulleitern und Lehrern, sonst eher selten einer Meinung, lehnen sie teils ab, teils fordern sie eine niedrigere Quote.

Kritisiert wird unter anderem, dass Sekundarschulen leiden würden, da der Anreiz, das Kind an einem Gymnasium anzumelden, durch das Losverfahren steigen könnte. Zudem würden Gymnasien mit Profilen in Sport, Musik, Naturwissenschaften oder Sprachen leiden, weil sie besonders begehrt und damit voraussichtlich vom Losverfahren betroffen seien. Dann allerdings würden viele Schüler zu ihnen kommen, die nicht nach Noten und Profil ausgewählt worden seien.

Die Sensibilität ist freilich hoch. So wettert André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses, gegen den nun getroffenen Kompromiss, und fragt: "Werden künftig auf der Eliteschule sprachbegabte, aber übergewichtige Schüler versuchen, ihre Liebe zur Leichtathletik zu finden?" Die 30-Prozent-Quote lehnt Schindler ab - 25 Prozent hielte er dagegen für "tragbar".

Ein großes Fragezeichen steht noch hinter der Verteilung der Schüler, die sich an einem Gymnasium bewerben, aber weder per Rektor-Entscheid noch per Los zum Zuge kommen. Denn wenn das Wohnortprinzip nicht mehr gilt - nach welchen Kriterien sollen Schüler dann auf die Schulen verteilt werden? "Abgewiesene haben das Recht auf einen Platz auf einem Gymnasium, aber wie die verteilt werden, wie Rektoren das aufteilen wollen, muss noch geklärt werden", sagte ein Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Bildung zu SPIEGEL ONLINE.

Mit Material von dpa
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