Berliner Schulkrise Eiskalt erwischt vom Babyboom

Prenzlauer Berg ist der Berliner Szenebezirk für Vielgebärende und meldet tägliche Kinderwagen-Staus. Alle wissen das - nur die Schulbehörde schnarcht. Wegen des Schüleransturms kommen jetzt sogar Erstklässler-Plätze in die Lostrommel. "Pure Schlamperei", zürnen Eltern.
Kinder, Kinder: Der Prenzlauer Berg ist die Zentrale der Gebärfreude

Kinder, Kinder: Der Prenzlauer Berg ist die Zentrale der Gebärfreude

Foto: DDP

Sonst sieht man rund um das Kollwitzdenkmal entzückte Touristen, die den Baby-Boom bestaunen. Oder Soziologen, die am Rande zweier völlig überfüllter Spielplätze zu ergründen trachten, warum hier Ost und West so fruchtbar der demografischen Krise trotzen. Rosiger Alltag in Berlin-Prenzlauer Berg, dem kinderreichsten Bezirk Deutschlands.

Am späten Mittwochnachmittag war alles anders: Megafone, Mütter und Väter mit rotem Kopf, selbstgemalte Pappschildchen gegen die Schulkrise. "Wir protestieren gegen die Schlamperei der Schulverwaltung und des Bezirksamtes", röhrt ein Elternsprecher durch die Lautsprecher. Dann zieht ein Tross von 100 empörten Eltern samt Nachwuchs und Journalisten im Schlepptau Richtung Lokalparlament.

Im Berliner Szenebezirk für vielgebärende Thirtysomethings ist seit einer Woche die Hölle los. Mehrere Schulen haben überzählige Kinder kurzerhand aus ihren Schulen herausgelost. Über 100 künftige Erstklässler hat es erwischt - egal, ob sie Geschwister in den Schulen haben oder ihre Eltern gleich nebenan wohnen. Sie sollen nun in Schulen jenseits großer Hauptverkehrsadern verfrachtet werden. Das machen die Eltern nicht mit. Sie klagen gegen das Losverfahren, das im Berliner Schulgesetz für diesen Fall gar nicht vorgesehen ist.

"Ich habe zwei Kinder in der Thomas-Mann-Schule", sagt Gisela Schmitt in die Mikrofone. "Meine Kleinste soll nun in eine weit entfernte Schule. Wie soll ich das als alleinerziehende Mutter organisieren?", fragt sie und verteilt Handzettel. Auch Anke Seidel, gleichfalls eine betroffene Mutter, ist wütend. Sie schlägt vor, statt der 27 Kinder pro Klasse vier Schüler mehr aufzunehmen und "notfalls eine Extraklasse aufzumachen".

Fertiler Prenzlberg, vom Kamerateams belagert

Damit freilich lässt sich allenfalls die akute Notlage im Prenzlberg beenden. Zum Schuljahresbeginn in vier Monaten fehlt de facto eine ganze Grundschule. Ab 2008 kommt dann jedes Jahr eine fehlende Grundschule hinzu - denn die Erstklässlerzahlen schießen durch die Decke. Im Gebiet rund um den Touristen- und Kinderwagenmagnet Kollwitzplatz verdoppelt sich die Zahl der ABC-Schützen bis 2012. Und im Einzugsbereich der Vorzeigegrundschule "Thomas Mann" etwas nördlich steigt die Zahl der Schulanfänger von heute 413 auf 672. Die Folge: Aus Grundschulen werden Sardinenbüchsen, ohne die vielgeschmähten Bustransfers in andere Kieze wird sich die Schulkrise nicht lösen lassen.

Wie die Behörden den Schülerboom in der Kinderstube Berlins übersehen konnten, ist allen Beteiligten ein Rätsel. "Warum haben die Ämter das nicht gewusst?", ärgert sich Kletke Möckelmann und zeigt den Umstehenden die steilen Ausschläge auf den amtlichen Schülerstatistiken des Bezirks.

Der ist praktisch ein riesiger Kreißsaal. Seit fünf Jahren belagern Kamerateams die Spielplätze am Kollwitzplatz, um der Nation zu zeigen, wie der demografische Kollaps zu überwinden ist. Und irgendwann wird die Generation Buggy eben flügge und schulpflichtig. Keine große Überraschung - außer für die Schulverwalter. Vor wenigen Jahren haben sie sogar noch zwei Grundschulen im Bezirk geschlossen.

"In Berlin sind für diese Planungen die Bezirke zuständig", sagt ein Sprecher von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD). Und auf Nachfragen räumt er ein: "Wir haben eine Planung des Bezirks, die nicht gut gelaufen ist."

Zusätzliche Plätze? Och nö

Die zuständige Schulstadträtin hat eine eher entspannte Haltung zur Schulkrise. Lioba Zürn-Kasztantowicz (SPD) sieht sich zwar mit einem Problem konfrontiert, "das mich nicht kalt lässt" - aber das bedeute keinen sofortigen Handlungsbedarf. "Es ist nicht gerechtfertigt, jetzt schon zusätzliche Plätze zur Verfügung zu stellen", sagte sie SPIEGEL ONLINE. Es reiche, wenn spätestens in zwei Jahren eine neue Grundschule am Prenzlberg entstehe.

Mieke Senftleben, bildungspolitische Sprecherin der Landes-FDP, findet dazu deutliche Worte: "Das ist eine Riesenschlamperei. Wir haben immer wieder gemahnt, im Prenzlauer Berg vorzusorgen." Senftlebens Urteil: "Der amtierende Senat hat zum wiederholten Male bewiesen, dass er nicht in der Lage ist, eine adäquate Unterrichtsversorgung für alle Kinder Berlins zu gewährleisten."

Dafür ist es nun wahrscheinlich zu spät. Der Berliner Senat könnte gar nicht schnell genug Schulen bauen, um den vielen kleinen Prenzlbergern gute Bildungschancen anzubieten. Nach der Rütli-Krise im Problemkiez Neukölln versagt Berlin auch bei den Mittelschichtsschulen. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) glänzt derweil mit rhetorischen Offensiven: Es gelte "eine riesige Bildungsreserve zu heben", sagte er bei einem Festvortrag über die alternde Hauptstadt - durch bessere Lernchancen.

Das finden die Eltern auch und gehen dafür auf die Straße. "Es gibt derzeit zwei große Themen in diesem Land: 'Kinder sind Zukunft' und den Pisaschock", sagt Ulrike Bock, eine verbitterte Anwohnerin und Mutter zweier Töchter. "Aber eine der besten Lagen Berlins hat nicht einmal genug Schulen für die Kinder."

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