Berliner Schulstreit Schüler-Lotto fürs Gymnasium

Wer darf nach der Grundschule auf welches Gymnasium? In Berlin soll fortan im Zweifel das Glück entscheiden: Bei zu vielen Bewerbungen werden Plätze per Los vergeben. Eltern, Lehrer und Rektoren protestieren - und die rot-rote Koalition ist über die Zahl der Lose uneins.

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Als unlängst in Berlin per Volksentscheid über Religion als Schul-Pflichtfach entschieden wurde, beherrschte das Thema die Hauptstadt. Nun steht erneut Bildung ganz oben auf der Agenda - nur geht es diesmal um ganz irdisches Glück.

Die Vorbereitungen zur Schulreform gehen in die entscheidende Phase. Und die Koalition aus SPD und Die Linke hat ein neues Streitthema: Wie soll der Übergang von der Grundschule aufs Gymnasium künftig ablaufen?

Lotterie: An Berliner Schulen soll das Los entscheiden
DDP

Lotterie: An Berliner Schulen soll das Los entscheiden

Der casus belli: Wenn an einem Gymnasium mehr Anmeldungen als Plätze eingehen, wird gelost. Doch wie viele Lose kommen in den Topf? Die rot-rote Koalition hatte sich auf eine Quote von 50 Prozent verständigt. Dahinter steht die Fraktion der Linken weiter. Die SPD-Fraktion indes votierte am Dienstagabend anders - für nur 25 Prozent der Plätze, gegen die Vorlage ihres Bildungssenators Jürgen Zöllner.

Die Quoten-Frage betrifft nur ein Detail, aber eins von großer Bedeutung für die Schulreform. Geplant ist eine neue Struktur: Nach Klasse 6 werden die Schüler nur noch die Wahl zwischen zwei Schulformen haben - an der Sekundarschule können sie nach 13 Jahren das Abitur machen, am Gymnasium nach Klasse 12. Die Probezeit an Gymnasien will man von einem halben auf ein Jahr verlängern. Nach Klasse sieben können Schüler dann von den Rektoren auf die Sekundarschule versetzt werden, falls sie am Gymnasium nicht mithalten können.

Bildungssenator will "soziale Inseln" vermeiden

Außerdem können auch künftig die Eltern entscheiden, ob ihr Kind auf ein Gymnasium oder eine Sekundarschule gehen soll. Sie bekommen zwar am Ende der sechsten Klasse ein Beratungsgespräch mitsamt Empfehlung aufgrund der Leistungen, Kompetenzen und Neigung - doch diese Empfehlung ist nicht bindend.

Bildungssenator Zöllner: Vorlage abgelehnt
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Bildungssenator Zöllner: Vorlage abgelehnt

Der entscheidende Punkt: Nicht nur die Schulform, auch die Schule selbst sollen Eltern künftig wählen und das Kind an einem Gymnasium ihrer Wahl anmelden dürfen. Gibt es dort zu viele Anmeldungen, besetzt der Schulleiter einen Teil der Plätze anhand von Schulleistungen und dem Profil seines Gymnasiums. Der andere Teil soll per Losverfahren vergeben werden, damit jeder Schüler sich an jedem Gymnasium bewerben kann. Bildungssenator Zöllner verspricht sich davon eine bessere soziale Durchmischung an Gymnasien und will fortan "soziale Inseln" vermeiden.

Die Linke will eigentlich eine Gemeinschaftsschule für alle und Gymnasien ganz abschaffen. Ihr geht es bei den Reformplänen vor allem um die Stärkung der Sekundarschulen - oder die Schwächung der Gymnasien, wie viele Kritiker sagen. Die SPD wollte das Probejahr, die Linke nicht. Denn nach ihrem Verständnis schwächt es die Sekundarschule, die so zur zweiten Wahl werde, zum Auffangbecken für am Gymnasium gescheiterte Schüler. Dem Probejahr stimmte sie aber zu, weil im Gegenzug die SPD die recht hohe Losquote von 50 Prozent schluckte - jedenfalls bis zur Fraktionssitzung am Dienstagabend.

"Wir hatten eine Koalitionsaussage, nun hat die SPD anders entschieden", sagte Steffen Zillich, bildungspolitischer Sprecher der Linken, zu SPIEGEL ONLINE. "Wir brauchen eine Einigung vor der Sommerpause, bis dahin stehen nur noch eine Ausschuss- und zwei Abgeordnetensitzungen auf dem Plan". Die Gespräche müssten sofort aufgenommen werden, "ich hoffe, die SPD weiß das".

Der Elternwille ist unantastbar

"Ich hatte davor gewarnt, das Fass erneut aufzumachen", sagte Felicitas Tesch, bildungspolitische Sprecherin der SPD. Zöllner selbst hob hervor, dass entscheidende Punkte wie das Probejahr und der Elternwille beschlossen worden seien: "Ich bin optimistisch, dass wir die Reform wie geplant umsetzen werden", nämlich zum Schuljahr 2010/2011.

Eltern können in Berlin schon jetzt frei entscheiden, auf welche Schulform sie ihr Kind schicken. Doch ob ein Schüler an der Wunsch-Schule aufgenommen wird, bestimmt bisher der jeweilige Bezirk. Entscheidend ist die Nähe von Wohnsitz und Schule. Folge: soziale Schichten bleiben in den Stadtteilen meist unter sich.

Noch im Herbst hies es aus einer Arbeitsgruppe Zöllners, dass nur noch die Noten regeln sollten, ob ein Kind aufs Gymnasium darf, weil der Elternwille sozial ungerecht sei. Doch schon damals war die Umsetzung fraglich: Der Elternwille gilt in Berlin als heilig und wird von Politikern aus Furcht vor einer Wahlschlappe lieber nicht angetastet.

In Berlin hat sich der Protest gegen die Schülerlotterie bereits formiert. Interessenvertreter von Eltern, Schulleitern und Lehrern lehnen das Verfahren ab und üben sich höchstens in Pragmatismus, indem sie eine geringere Quote als 50 Prozent fordern.

"Die trauen ihrem eigenen System nicht"

André Schindler, Vorsitzender des Landeselternausschusses, sieht die Profile der Gymnasien in Gefahr. "Wenn 50 Prozent per Los an die Schule kommen und man von zehn Prozent Härtefällen (Behinderung, familiäre oder soziale Lage, die Red.) ausgeht, bleiben 40 Prozent, die sie auswählen können." Da werde es schwer, Profile zu pflegen und weiter zu entwickeln. Zudem wachse mit der Losquote der Anreiz für Eltern, "es mit dem Gymnasium zu versuchen, das weckt Begehrlichkeiten". Viele Eltern würden das Gymnasium auch vorziehen, weil es Kontinuität verspreche, "während viele Sekundarschulen nur bis zur 10. Klasse gehen, danach müssen die Schüler auf ein Oberstufenzentrum wechseln". Die Losquote von nur 25 Prozent begrüßte der Landeselternausschuss aber am Dienstagabend.

Harald Mier von der Vereinigung Berliner Oberstudiendirektoren bezeichnet das Losverfahren als "falsches Signal". "Auf der einen Seite wird die Schule nach dem Leistungsprinzip erklärt, auf der anderen Seite sagt man zu Schülern: Ihr kommt in einen Lostopf. Das ist ein Widerspruch." Mier kann sich höchstens 20 Prozent vorstellen, "das entspräche ungefähr den derzeitigen Zahlen von Schülern, die trotz Realschulempfehlung auf Gymnasien gehen".

Mier kritisiert die Senatsverwaltung scharf: "Sie traut doch ihrem eigenen System nicht", sagte er SPIEGEL ONLINE. Nach sechs Jahren Grundschule habe eine Empfehlung Hand und Fuß. "Auch die andere Variante ist doch besser: Gebt den Schulleitern Vertrauen, sie allein sollen sich ihre Schülerschaft auswählen."

Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, lehnt ein Losverfahren ebenfalls ab: Er sei auch für eine bessere soziale Durchmischung, "aber der beste Weg geht über Leistung". Man solle besser die Frühförderung verbessern und Konzepte gegen mangelnde Bildung in den Elternhäusern entwickeln. Das Verfahren bedrohe vor allem die leistungsstarken Gymnasien, da es hier besonders viele Eltern versuchen würden, die Losquote somit zum Tragen komme und Profile darunter litten.

Und wenn man eine Niete zieht?

Die Vertreter der Gymnasien fürchten freilich vor allem die Politik der Linken, die ihrer Schulform offen den Kampf ansagt und sich für eine Gemeinschaftsschule für alle einsetzt.

Ein großes Fragezeichen steht noch hinter der Verteilung der Schüler, die sich an einem Gymnasium bewerben, aber weder per Rektor-Entscheid noch per Los zum Zuge kommen. Denn wenn das Wohnortprinzip nicht mehr gilt - nach welchen Kriterien sollen Schüler dann auf die Schulen verteilt werden? "Das ist noch offen", räumt ein Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Bildung ein. "Abgewiesene haben das Recht auf einen Platz auf einem Gymnasium, aber wie die verteilt werden, wie Rektoren das aufteilen wollen, muss noch geklärt werden." Denkbar sei eine Liste, auf der Eltern drei Schulen eintragen - klappt es bei Nummer eins nicht, folgt Nummer zwei oder drei.

"Wie ich unsere Verwaltung kenne, wird das nicht klappen", schimpft Elternvertreter Schindler. Bei einer hohen Quote werde das zu sehr viel Unzufriedenheit führen. "Bis zum Ende ist das noch nicht gedacht", frotzelt Harald Mier.

Die Koalition will die Reform nach der Sommerpause beschließen. Insgesamt ähnelt sie in wesentlichen Punkten dem schwarz-grünen Hamburger Modell: Dort sollen Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu "Stadtteilschulen" fusionieren, die auch den Weg zum Abitur eröffnen. Daneben gibt es weiter das Gymnasium. In beiden Stadtstaaten treibt die Politik damit Mammutprojekte voran, die das Schulsystem grundlegend ändern sollen.

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