Berliner Waldorfschule Schulsenatorin kritisiert Ausschluss von Kind eines AfD-Politikers

Monatelang diskutierten Eltern, Lehrer und Schüler - nun entschied die Berliner Waldorfschule: Das Kind eines AfD-Abgeordneten wird nicht aufgenommen. Es ist nicht der erste Fall dieser Art. Und er ist umstritten.

Grundschüler (Archiv)
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Es gab eine Elternversammlung, eine Befragung der betroffenen Eltern durch rund 20 Lehrer sowie etliche Diskussionen. Am Ende entschied nun eine beliebte Waldorfschule in Berlin: Das Kind, um das es bereits vor der etwaigen Einschulung so viele Gespräche und Ärger gab, wird nicht aufgenommen.

Der Grund: Der Vater des Kindes ist ein Berliner AfD-Abgeordneter. Wie die "Berliner Zeitung" berichtet, teilte der Geschäftsführer des Trägervereins der staatlich anerkannten Privatschule mit: "Angesichts dieses Konfliktes sieht die Schule keine Möglichkeit, das Kind mit der nötigen Unvoreingenommenheit und Unbefangenheit aufzunehmen - beides sind Grundvoraussetzungen, um die Entwicklung des Kindes angemessen zu fördern."

"Eine Schule ist wie das Brennglas der Gesellschaft", sagte der Mann demnach weiter und erinnerte daran, dass Eltern an Waldorfschulen besonders aktiv seien, die Kinder zum Beispiel auch auf Fahrten begleiten. Erzieher, Lehrer, Eltern und Oberstufenschüler waren laut Zeitungsbericht monatelang uneins. Am Ende entschied nach Angaben der Schule nicht, wie sonst üblich, ein fünfköpfiges Aufnahmegremium, sondern das gesamte Kollegium aus mehr als 30 Lehrerinnen und Lehrern.

Bildungssenatorin sieht Entscheidung "äußerst kritisch"

Die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) bewertet diese Entscheidung als "äußerst kritisch", berichtet die "Berliner Zeitung" am Sonntag. Laut derzeitigem Kenntnisstand sei die Privatschulaufsicht eingeschaltet worden, teilte Scheeres' Sprecherin Beate Stoffers demnach am Sonntag mit. Diese lasse sich jetzt genau erklären, was hinter der Entscheidung stehe. Diese verstoße womöglich gegen das Antidiskriminierungsgesetz.

Der bildungspolitische Sprecher der Waldorfschulen in Berlin-Brandenburg, Detlef Hardorp, kritisierte laut Zeitungsbericht die Entscheidung am Wochenende ebenfalls. "Menschen aller politischen Einstellungen sollten ihre Kinder auf Waldorfschulen schicken können", sagte Hardorp. So hätten die Waldorfschulen im Jahr 2007 in der Stuttgarter Erklärung gegen Diskriminierung ausdrücklich festgestellt, dass sie alle Menschen als frei und gleich an Würde und Rechten ansehen, "unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit, nationaler oder sozialer Herkunft, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung".

Wird ein Kind in Sippenhaft genommen?

Laut "Berliner Zeitung" wurden an der Schule zuvor einerseits Befürchtungen geäußert, dass der Vater des Kindes "durch ausländerfeindliche oder nationalistische Äußerungen den Schulfrieden gefährden" könne. Andererseits gab es mahnende Stimmen, die auf die Meinungsfreiheit verwiesen und kritisierten, dass hier ein Kind in Sippenhaft genommen werde.

Das Kind hatte bereits die angeschlossene Waldorf-Kita besucht - eigentlich ein Pluspunkt, wenn man sich später auf einen der begehrten Schulplätze bewirbt. Der Vater betonte gegenüber der Zeitung, er habe Politisches und Privates strikt trennen wollen. "Wie sollen wir jetzt unserem Kind erklären, dass seine Freunde im kommenden Jahr an die Waldorfschule wechseln dürfen, wir aber dort nicht erwünscht sind?"

Die Berliner Bildungsverwaltung teilte laut "Tagesspiegel" mit, dass freie Schulen Kinder nicht nach Gesinnung auswählen dürften. An einer öffentlichen Schule werde das Kind des Berliner AfD-Mannes nun selbstverständlich aufgenommen. Privatschulen haben allerdings durchaus das Recht, die Schüler auch entsprechend eines bestimmten Schulprofils auszuwählen.

Kinder von Caroline Sommerfeld mussten Waldorfschule verlassen

Es ist nicht das erste Mal, dass eine Waldorfschule Ärger hat mit Kindern, deren Eltern der sogenannten Neuen Rechten angehören: In Hitzacker kündigte eine Schule den Vertrag mit einer Familie, deren Vater ein NPD-Mann ist. Und in diesem Sommer entschied der Vorstand der Waldorfschule Wien-West in der österreichischen Hauptstadt, dass zwei Jungen die Schule verlassen müssen, deren Mutter die Philosophin Caroline Sommerfeld ist, eine Ikone der Neuen Rechten.

Zudem berührt der Fall mehrere brisante und umstrittene Themen: Da ist zum einen die Berliner AfD-Fraktion, die ein Online-Beschwerdeportal gegen Lehrer eingerichtet hat. Damit will die Partei offenbar kritische Pädagogen einschüchtern - und Kinder zum Denunzieren verleiten. Und das, obwohl es längst Meldesysteme gibt, für den Fall, dass sich Pädagogen nicht neutral verhalten.

Waldorfschulen warnten vor Vereinnahmung durch Reichsbürger

Da ist zum anderen die Geschichte der Waldorfpädagogik: Bücher des Begründers Rudolf Steiner gerieten in der Vergangenheit ins Visier des Bundesfamilienministeriums, weil sie einer Prüfstelle zufolge rassistische Passagen enthielten.

Und vor wenigen Jahren warnte der Bund der Freien Waldorfschulen seine Mitglieder vor einer Vereinnahmung durch die rechtsradikale Reichsbürger-Bewegung. Bei den Reichsbürgern gingen "Esoterische Vorstellungen und Rechtsradikalismus Hand in Hand", hieß es in dem Informationsheft. Zuvor war der Geschäftsführer einer Waldorfschule in Rendsburg entlassen worden, weil er Kontakte zu Reichsbürgern hatte.

Einige Verantwortliche wollen laut "Berliner Zeitung" vor diesem Hintergrund vermeiden, dass Waldorfschulen als bevorzugte Bildungseinrichtungen von AfD-Politikern wahrgenommen werden.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hieß es, ein fünfköpfige Aufnahmegremium habe entschieden, ob das Kind des AfD-Politikers aufgenommen werden soll. In diesem speziellen Fall traf jedoch, ausnahmsweise, das gesamte Kollegium die Entscheidung. Wir haben den Fehler korrigiert.

lgr

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