Prognose bis 2025 An Grundschulen fehlen 35.000 Lehrer

Mehr Schüler als erwartet und mehr Unterricht: Deutschlands Schulen gehen die Lehrer aus. Eine Studie listet auf, was die Politik tun müsste.
Grundschüler in Baden-Württemberg

Grundschüler in Baden-Württemberg

Foto: dpa Picture-Alliance / Felix Kästle/ picture alliance / dpa

In Deutschland herrscht Lehrermangel. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung, die dem SPIEGEL vorliegt, wird sich die Misere noch weiter verschärfen. Demnach fehlen bis 2025 allein an Grundschulen 35.000 Lehrer.

Die Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn verglichen in ihrer Analyse, wie viele Grundschullehrer zukünftig gebraucht und wie viele Lehrer neu ausgebildet werden. Demnach reichen die Uni-Absolventen gerade so aus, um die Lehrer zu ersetzen, die in den Ruhestand gehen oder gesundheitsbedingt ausscheiden. Wegen der geplanten Ganztagsbetreuung und steigender Schülerzahlen würden aber viel mehr Lehrer gebraucht.

Die Wissenschaftler rechnen vor:

  • Bis 2025 gehen knapp 60.000 Lehrer in den Ruhestand. Die müssen ersetzt werden.
  • Gleichzeitig steigen die Schülerzahlen. Bereits in einer vorherigen Studie kamen die Bildungsforscher zu dem Schluss: In Deutschland wird es in den kommenden sieben Jahren über eine Million mehr Schüler geben als von den Kultusministern prognostiziert. Den Schülerboom werden die Grundschulen als erstes spüren. Deshalb würden 26.000 neue Lehrer gebraucht.

Das ergibt zusammen einen Bedarf von 105.000 Grundschullehrern. Im gleichen Zeitraum stünden aber nur 70.000 Uni-Absolventen zur Verfügung.

"Angesichts des bundesweiten Lehrermangels sollten sich die Länder die Lehrer nicht länger gegenseitig abwerben. Die Verantwortlichen sollten gemeinsame Lösungen suchen, um den Bedarf zu decken", sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung.

Die Forscher machen mehrere Vorschläge:

Der kurzfristige Bedarf könnte mit Teilzeitlehrern gedeckt werden, die freiwillig mehr arbeiten wollen. Dafür brauche es die richtigen Anreize wie zuverlässige Kinderbetreuung. Die sei besonders für Grundschulen wichtig, wo vor allem Frauen unterrichten, viele in Teilzeit. Eine weitere Option seien Lehrer im Ruhestand, die weiter unterrichten.

Ein Blick in die Bundesländer zeigt die Misere: Hamburg will seinen Lehrern beispielweise erlauben, künftig über die Altersgrenze hinaus zu arbeiten. Auch Baden-Württemberg wirbt verstärkt um Pensionäre, die in den Schuldienst zurückkehren sollen. Die Länder konkurrieren um Absolventen, sie locken mit mehr Geldoder einer Verbeamtung. Einige Bundesländer überlegen, ob es nicht ausreicht, wenn Lehrer nur noch ein Fachunterrichten statt zwei.

Ausgebildete Lehrer allein können den Bedarf laut der Studie jedoch nicht decken, es brauche Quereinsteiger. Auch das ist bereits gängige Praxis. In Sachsen hat derzeit jeder zweite neue Grundschullehrer nicht auf Lehramt studiert. Der Weg ins Klassenzimmer unterscheidet sich zwischen den einzelnen Bundesländern jedoch erheblich.

"Wir brauchen einheitliche Standards für die Qualifizierung von Seiteneinsteigern. Dazu gehört auch genügend Zeit für berufsbegleitendes Lernen und für das Mentoring durch erfahrene Kollegen", fordert Dräger von der Bertelsmann-Stiftung.

Auch die Gewerkschaft GEW warnt vor einem eklatanten Lehrermangel an Grundschulen. Laut einer Umfrage fehlen deutschlandweit derzeit rund 2000 Grundschullehrer, wie das ZDF berichtet . Eine Umfrage des SPIEGEL vom Oktober war zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen. Die GEW fordert deshalb mehr Geld von der künftigen Regierung. Bisher haben SPD und Union 3,5 Milliarden Euro zugesagt. Viel zu wenig, meint die GEW, und fordert Investitionen von 40 Milliarden Euro.

Die Bildungsforscher der Bertelsmann-Stiftung fürchten indes vor allem um die Ganztagsbetreuung an Schulen. Der Rechtsanspruch sei pädagogisch sinnvoll und von den Eltern gewollt. Er dürfe nicht an fehlenden Lehrern scheitern.