Beruf Gerichtsvollzieherin Kuckuck und Kickboxen

Gerichtsvollzieher, sind das nicht die Leute, die Verschuldeten den letzten Cent wegnehmen? Auch Manuela Richter pfändet, was zu holen ist. Das kann manchmal gefährlich werden – deswegen gehört Kickboxen mit zur Ausbildung.


Muss sich durchsetzen können: Gerichtsvollzieherin Manuela Richter

Muss sich durchsetzen können: Gerichtsvollzieherin Manuela Richter

Es sind fast immer dieselben Kunden, die ich aufsuche. Die meisten kennen mich schon, und reagieren ganz nett. Manchmal rufen mir Kinder entgegen, ob ich heute zu ihnen komme. Es ist schon traurig: Für diese Kinder ist der Besuch der Gerichtsvollzieherin schon ganz normal.

Einmal am Tag hole ich die Aufträge der Gläubiger beim Amtsgericht ab und erfasse sie im Computer, um das spätere Arbeiten zu erleichtern. In den Anweisungen stehen die Adressen, die ich dann in vier Nürnberger Stadtteilen aufsuche. In den Bezirken treffe ich ganz unterschiedliche Menschen. Die einen hatten eine Firma und mussten Insolvenz anmelden, andere leben in einem Wohnwagen von der Sozialhilfe.

Der klassische Fall sieht so aus: ein Kunde hat Schulden, weil er zu viel telefoniert oder Rechnungen von Versandhäusern nicht bezahlt. Die Gläubiger ziehen vor das Mahngericht, welches mich wiederum mit einer so genannten Vollstreckung beauftragt. Ich schaue dann in den Wohnungen der Schuldner nach, ob sie etwas besitzen, was man pfänden könnte. Meistens finde ich aber nichts. Denn selbst wenn in der Wohnung ein 1000-Euro-Fernseher im Wohnzimmer steht, macht es für mich wenig Sinn, den mitzunehmen. Die Kosten, die durch Pfändung, Transport, Lagerung und Versteigerung entstehen, wären höher als der Erlös.

Gefürchteter "Kuckuck": Eine Pfändung lohnt sich selten
DDP

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So wie ich mit meinen Kunden umgehe, so werde ich auch von ihnen behandelt. Ich versuche immer, den Menschen vor mir zu sehen. Natürlich lasse ich mir nicht den Degen aus der Hand nehmen. Aber ich möchte niemandem das Gefühl geben, er sei nicht meinesgleichen. Damit kommen die Leute zurecht. Kaum einer wird da aggressiv.

Nur einmal wurde es doch etwas brenzlig. Ein Mann ging immer wieder mit geballten Fäusten auf mich los. Zwar hat er mich nicht berührt, doch ich konnte nicht vernünftig mit ihm reden. Der Mann sollte eine eidesstattliche Versicherung unterschreiben, das ist eine Erklärung, in der ein Schuldner sein ganzes Vermögen offen legt, also alles, was er an Geld, Schmuck, Geräten oder Versicherungen besitzt. Tut der Schuldner das nicht, kann er bis zu sechs Monate ins Gefängnis kommen, er wird aber sofort entlassen, wenn er sich bereit erklärt, sein Vermögen doch zu offenbaren.

Ein Haftbefehl lag gegen diesen Mann bereits vor, und weil er sich nicht beruhigen ließ, habe ich die Polizei gerufen. Gemeinsam haben wir den Kunden auf der Wache davon überzeugt, zu unterschreiben und so der Haft zu entgehen. Als ich dann das nächste Mal zu diesem Kunden musste, hatte ich schon ein mulmiges Gefühl. Doch er war dann ganz freundlich. Zur Sicherheit habe ich immer ein Pfefferspray bei mir - das darf ich aber auch nur, weil ich einen Kurs dazu absolviert habe. Mit dem Spray könnte ich auch Hunde abwehren, sollten sie mich angreifen.

An zwei Tagen in der Woche bin ich verpflichtet, eine Sprechzeit in meinem Büro abzuhalten, zu der ich auch telefonisch erreichbar bin. Dort kann jeder, der Fragen hat oder Schulden bezahlen möchte, ohne Voranmeldung auftauchen. Nach dem Außendienst arbeite ich zu Hause den Bürokram weg, das macht etwa drei Viertel meiner Zeit aus.

Ein großer Pluspunkt an diesem Job ist die Selbstständigkeit. Zweimal im Jahr kontrolliert mich die Dienstaufsichtsbehörde und schaut, ob ich die Aufträge schnell genug erledige, meine Abrechnungen stimmen und ob ich meine Sprechzeiten einhalte. Ansonsten bin ich frei und ungebunden, kann mir meinen Tag selbst einteilen. Ich kann auch mal nachts bis zwölf arbeiten und am nächsten Tag etwas später beginnen. Alle Termine bestimme ich selbst. Das bedeutet aber auch, dass ich viel Selbstdisziplin brauche, denn ich arbeite 50 bis 60 Stunden in der Woche.

Unangenehm sind Aufträge, bei denen ich Wohnungen räumen muss. Dann komme ich gleich mit Möbelpackern zum Räumungstermin, den ich den Leuten vorher mitgeteilt habe. Jemand von der Stadt teilt dann den Bewohnern eine Notunterkunft zu, wenn diese noch keine neue Wohnung gefunden haben. Ich finde es wichtig, dass die Leute nicht einfach auf die Straße gesetzt werden. Manche Bewohner hole ich aus dem Bett, die haben das dann komplett verdrängt oder aus Angst die Post schon seit längerem nicht mehr geöffnet. Andere waren schon seit Monaten nicht mehr in ihrer Wohnung oder sind ausgezogen und haben nur ihren Müll zurück gelassen.

Wer diesen Beruf ausübt, sollte deswegen schon ein bisschen auf Menschen eingehen können. Das heißt nicht, dass ich jeden Abend die Probleme mit nach Hause nehme. Aber man sollte den Menschen das Gefühl geben, dass man ihnen zuhört. Und sie aufbaut, statt zu sagen: Sie sind selber schuld.

Aufgezeichnet von Carola Padtberg



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