Beruf Hebamme "Manchmal will ich einfach losheulen"

Ihren Beruf hatte sich Magdalena Budenz, 23, romantisch vorgestellt, mit glücklichen Schwangeren, niedlichen Babys und überwältigten Müttern. Im Alltag begegnet eine Hebamme aber auch Krankheit und Tod - das kann sehr fordernd und belastend sein.

"Wenn ich im Krankenhaus meinen Dienst antrete, kann mir niemand sagen, was in den nächsten Stunden passieren wird. Weil ich mit Menschen arbeite, die eine ganz besondere Situation erleben, für die es keinen Zeitplan gibt. Manchmal passiert eine Schicht lang nichts, dann fülle ich Geburtsurkunden aus und bestelle Medikamente nach. Oder ich wische einfach die Regale im Kreißsaal ab. Ganz plötzlich kann ich aber auch auf Knopfdruck gefordert sein: Ein Kind kommt zur Welt, und ich muss für die Menschen da sein, die mich brauchen.

Die Geburten machen nur einen kleinen Teil meines Berufs aus. Es ist nicht damit getan zu helfen, wenn die Babys auf die Welt kommen. Auch Schwangerschaften verlaufen nicht immer unproblematisch. Vielleicht entwickelt sich ein Säugling nicht so, wie er eigentlich soll. Oder die Schwangere bekommt gesundheitliche Probleme, da ist neben dem Arzt auch immer die Hebamme gefordert. Außerdem gehört zu einer Geburt eine gute Vorbereitung durch Beratungsgespräche und Schwangerschaftskurse. Genauso wie eine gründliche Nachsorge, sprich Betreuung von Mutter und Kind in der ersten Zeit nach der Geburt. Da schaue ich dann, ob die Mutter mit dem Stillen klar kommt, ob ihre Gebärmutter sich zurückbildet und keine Infektionen auftreten.

Um auch auf die medizinischen Aspekte des Berufes gut vorbereitet zu sein, durchläuft man bei der Ausbildung zur Hebamme viele Stationen, mit denen man zuerst vielleicht gar nicht so rechnet. Ich zumindest hatte eher das Bild der klassischen Geburtshelferin vor Augen. Aber um Frauen während der Schwangerschaft zu begleiten, muss man viel über den weiblichen Körper im Allgemeinen lernen. Deshalb arbeitet man in der Ausbildung nicht nur im Kreißsaal, sondern ist auch bei Operationen dabei, bei frauenärztlichen Untersuchungen oder hilft auf der Wochenstation.

Die schwierigste Station im Krankenhaus war für mich die gynäkologische Station. Dort traf ich Frauen, die nicht schwanger, sondern krank sind. Einige litten an Krebs, zum Beispiel Gebärmutterhalskrebs, andere hatten eine Fehlgeburt oder einen Schwangerschaftsabbruch und waren zur Nachsorge da. Dort erlebt man plötzlich Schicksale, auf die man so nicht vorbereitet gewesen ist - denn man wollte doch eigentlich werdendes Leben begleiten. Stattdessen trifft man hier oft auch auf den Tod. Das hat mich sehr mitgenommen. Ich bin froh, dass ich auf dieser Station jetzt als fertige Hebamme nicht mehr arbeite.

Überwältigendes Feedback

Das Sterben wird trotzdem immer Teil meines Berufes bleiben. Denn trotz aller medizinischen Fortschritte kommen leider nicht alle Babys gesund und lebendig zur Welt. Deshalb gehört es auch zu meiner Arbeit, Abschiede zu begleiten. Wenn beispielsweise ein Baby noch im Mutterleib stirbt, bringt die Mutter ihr totes Kind meistens in einer ganz "normalen" Geburt auf die Welt, bei der natürlich auch eine Hebamme gebraucht wird.

Vielleicht lässt sich das schwer nachvollziehen, doch diese Geburten haben etwas sehr Versöhnliches. Weil die Mütter das Gefühl haben, noch etwas für ihr totes Kind tun zu können, bevor sie es loslassen müssen. Es gibt Momente, in denen ich selbst einfach losheulen will, weil etwas so schlimm ist oder auch so bewegend. Manchmal ergibt es die Situation dann, dass ich wirklich mitweine. Auch das kann eine Form sein, Trost zu spenden. Aber natürlich ist das nicht die Regel.

Der psychische Druck in meinem Beruf ist schon oft enorm. Das kommt natürlich auch durch die gewaltige Verantwortung, die man trägt. Da stoße ich auch immer wieder an persönliche Belastungsgrenzen. Andererseits ist aber das Feedback der Eltern meist so überwältigend, wenn alles gut gegangen ist, die Schwangerschaft und am Ende auch die Geburt. Da bekomme ich schon eine Menge Anerkennung. Die positiven Rückmeldungen der Eltern bedeuten mir sehr viel und helfen, auch im Beruf selbst wieder aufzutanken.

Im Moment arbeite ich fast ausschließlich in der Klinik, das möchte ich auch gern eine Weile so beibehalten. Später ist es mir aber wichtig, nebenher freiberuflich zu arbeiten. Neben dem Alltag im Krankenhaus möchte ich dann Frauen in privaten Kursen betreuen. Das ist zwar eine Doppelbelastung, dafür kann ich dann wirklich alles selbständig und auf eigene Verantwortung machen. Das Tolle ist ja, dass ich als Hebamme eine Geburt allein begleiten darf, also ohne einen Arzt, der im Krankenhaus meist dabei ist.

Wenn ich an die Jahre denke, die jetzt in meinem Beruf vor mir liegen, freue ich mich wirklich auf jeden Aspekt meines Alltags. Ich möchte genau das machen: Frauen auf jede neue Geburt vorbereiten und beraten. Babys ihre erste Blähung wegmassieren. Da sein, wenn eine Mutter Trost braucht, weil sie ihr Kind verloren hat. Und egal, wie anstrengend es wird und was für schlimme Situationen ich miterleben werde – ich bin immer wieder dabei, wenn neues Leben auf die Welt kommt. Und das ist jedes Mal einmalig."

Aufgezeichnet von Mara Braun

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