Berufswahl und Karrierestart Ich brauch noch ein bisschen

Wo soll es beruflich hingehen? Katrin Brinkmann wollte Tierärztin werden - bis Hamster Puschel nicht inhalierte und starb. Auch am Lehrerdasein entdeckte sie Nerviges. Der Jugendzeitschrift "Yaez" verriet sie, wie sich der steinige Weg zum Traumjob meistern lässt.


"Und, was willst du mal werden?" – Mit acht Jahren war die Antwort für mich einfach. Ich wusste genau, was ich mal werden wollte: Tierärztin. Was man als solche zu tun hätte, ahnte ich damals noch nicht, aber das war auch nicht so wichtig.

Handwerk oder Tiermedizin: Und was willst du mal werden?
Jan Kopetzky

Handwerk oder Tiermedizin: Und was willst du mal werden?

Viel wichtiger war: Ich liebte Tiere! Zumindest die mit dunklen Knopfaugen und weichem Fell, die sich bereitwillig und mit Ausdauer von mir streicheln ließen. Sollte eines davon krank werden, würde ich es wieder gesund machen. Also übte ich schon einmal fleißig an meinen eigenen: Bei meinem Kaninchen Mümmel diagnostizierte ich einen Stallkoller. Darum fuhr ich es ab dann jeden Tag mit dem Karrenwagen durch die Nachbarschaft. Ohne Erfolg. Ein paar Monate später lag es tot auf seinem Strohhaufen.

Mein nächster Patient war Puschel, mein Hamster. Als seine Augen mit Eiter verquollen waren, attestierte ich eine Erkältung und verordnete Inhalieren. Ich legte ein mit warmem Wasser angefeuchtetes Handtuch, eingerieben mit etwas Tigerbalm, über Nacht auf seinen Käfig. Zwei Wochen später war auch er tot. Nach diesen zwei Todesfällen zweifelte ich an meinen heilenden Fähigkeiten. Und an meiner Berufswahl.

"Fahr' doch LKW"

Ich solle lieber Kindergärtnerin werden, riet mir meine beste Freundin Eva. Statt Tieren gebe es dort immerhin kleine Kinder zum Liebhaben. "Fahr doch LKW!", meinte mein älterer Bruder. Für ihn war LKW-Fahrer der beste Job der Welt, seit er "Auf dem Highway ist die Hölle los" mit Burt Reynolds im Fernsehen gesehen hatte.

Die Auswahl an Berufen war damals nicht allzu groß. Journalist kam uns nicht in den Sinn. Wer wusste schon, was so jemand überhaupt macht außer Nachrichten bei der Tagesschau anzusagen? Wir suchten in unserem direkten dörflichen Umfeld nach Inspiration. Oder nahmen unsere Eltern als berufliches Vorbild. Da wusste man schließlich, was einen später erwartete.

Das Gymnasium erschwerte die Entscheidungsfindung. Mit dem Wissen wuchs auch die Anzahl der möglichen Berufe. Plötzlich gab es Mitschüler, die Anwalt werden wollten, Lebensmittelchemiker oder Informatiker. Alles Berufe, die mir als Kind so mysteriös erschienen, weil ich nie gesehen hatte, was diese Menschen eigentlich in ihren Kanzleien, Labors oder Büros so arbeiteten. Andere klammerten sich noch immer an ihren Berufswunsch aus Kindertagen: Polizist, Krankenschwester, Koch, Dachdecker. Und es gab diejenigen, die überhaupt keine Antwort hatten auf die Frage: "Weißt du schon, was du nach der Schule machen willst?"

Warten auf die Eingebung

Wie ich. Nachdem ich meinen Berufswunsch als Tierärztin mit Mümmel und Puschel zu Grabe getragen hatte, konnte ich mich für keinen anderen Job begeistern. Selbst der Computer im Berufsinformationszentrum des Arbeitsamtes spuckte keine zufrieden stellenden Angebote aus. Dann gab es eine kurze Phase, in der ich daran dachte, Lehrerin zu werden. Schließlich hatten Lehrer die Nachmittage frei und sechs Wochen Sommerferien. Ich probierte es also mit Nachhilfe.

Nach mehreren Monaten hatte sich auch dieser Wunsch erledigt: Mir fehlte einfach die Geduld mit meinen Schülern, ich wollte nicht alles drei Mal erklären müssen. Bis zum Abitur verdrängte ich meine Berufsentscheidung mit Erfolg. Insgeheim aber beneidete ich diejenigen, die bereits ihre Wahl getroffen hatten. Ich hatte Angst davor. Schließlich ging es nicht darum, sich aus einer Menükarte mal eben den richtigen Beruf auszuwählen. Mir war bewusst: Ich sollte eine Entscheidung treffen, die vielleicht mein weiteres Leben bestimmen würde. Und niemand konnte mir das abnehmen.

Dann war es plötzlich soweit. Das Abiturzeugnis in der Tasche, musste ich mir überlegen, wie es weitergeht. Den Jungs verschafften Wehr- und Zivildienst noch Aufschub. Ein paar Schulfreunde absolvierten ein Freiwilliges Soziales Jahr oder gingen als Au-Pair ins Ausland. Ich entschied mich für ein Studium. In Deutsch hatte ich immer gute Noten, in Englisch auch. Also schrieb ich mich für beide Fächer ein. Außerdem war ich ein TV-Junkie. Da passte Medienwissenschaften als drittes Fach doch ganz gut. Ich hatte das Gefühl, dass ich immerhin eine Wahl getroffen hatte, mit der ich meine endgültige Entscheidung noch etwas hinauszögern konnte. Vielleicht würde mich die ultimative Eingebung ja noch ereilen.

Viele Wege zum Traumjob

Zum Glück machte mir das Studium tatsächlich Spaß. Ich belegte Literaturkurse in Deutsch und Englisch, Vorlesungen über Film und Fernsehen und Seminare zum kreativen Schreiben. In den Semesterferien absolvierte ich Praktika bei Zeitungen, Radio und Fernsehen. Nach einem Jahr stand für mich fest: Ich wollte Journalistin werden.

Bei einigen meiner Freunde dauerte die Entscheidungsfindung ein bisschen länger. Meine Freundin Merle entschied sich nach der Schule für eine Banklehre. Und stellte fest: Das ist es nicht! Sie begann ein Studium und wurde Lehrerin für Französisch und Kunst. Janosch studierte mit ihr zusammen auf Lehramt. Bis ihm klar wurde: Das Bücherwälzen in der Bibliothek war nichts für ihn. "Ich wollte was Handfestes". Heute baut Janosch Kamine und ist überglücklich mit dem, was er tut. Und Lukas brach sein BWL-Studium ab und arbeitet seitdem als Tauchlehrer auf den Malediven. "Bis ich weiß, was ich wirklich machen will!", sagt er.

Die Drei haben mir gezeigt: Es gibt viele Wege zum Traumjob. Auch wenn ein paar davon verschlungene Pfade sind. Einige wissen schon sehr früh, welcher Beruf für sie der richtige ist. Andere brauchen etwas länger. Ziemlich sicher ist: Jeder findet irgendwann etwas, das ihm Spaß macht. Auch wenn er oder sie ein Spätzünder ist.

Das Schwierigste für mich war die Entscheidung. "Hör einfach darauf, was dein Bauch dir sagt", lautete der Rat meiner Eltern. Aber was, wenn der nicht mit einem sprechen will? Mir half, rational abzuwägen: Was kann ich gut? Aber manchmal – wie im Fall meiner Freunde – muss man erst etwas ausprobieren, um zu erkennen, was man nicht will.

Aber selbst wenn man glaubt, seinen Traumjob gefunden zu haben; ein kleiner Rest Zweifel bleibt. Habe ich wirklich die richtige Wahl getroffen? Nach Stunden an meinem Schreibtisch versuche ich mir manchmal vorzustellen, was für ein Leben ich hätte, wäre ich doch Tierärztin geworden. Vielleicht wäre ich glücklicher? Man ist eben nie zufrieden mit dem, was man hat.

Von Katrin Brinkmann, Jugendzeitung yaez



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