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Elternprotest: Ausschreitungen bei Demo gegen Sexualkunde

Foto: Daniel Reinhardt/ dpa

Proteste gegen Sexualkunde Wer sind die "besorgten Eltern"?

Das Bündnis "Besorgte Eltern" geht bundesweit gegen den Sexualkundeunterricht auf die Straßen. Unterstützung bekommt die Gruppe von radikalen Christen, rechten Verschwörungstheoretikern und Homophoben.

Die Gruppe ist klein, aber immer, wenn sie auf die Straße geht, geht es hoch her. Zum Beispiel in Hamburg, Ende Januar. "Finger weg von unseren Kindern", steht auf einem der Schilder. Auf einem anderen: "Kinder brauchen Liebe, keinen Sex". 100 bis 150 Menschen haben sie für ihren Protest zusammenbekommen. Und noch mehr Gegendemonstranten stehen ihnen gegenüber. Erst werfen sie Schneebälle, dann Eier. Die Polizei setzt Schlagstöcke ein.

Dabei klingt es unschuldig. "Besorgte Eltern"  - so nennt sich das Bündnis, das seit einem Jahr in mehreren deutschen Städten zu Demonstrationen gegen den Sexualkundeunterricht aufruft. Im März wollen sie sich in München sammeln, im April in Kassel. Für fast jeden Monat ist in einer anderen Großstadt eine Kundgebung geplant. Zu früh, zu explizit würden Kinder heute mit dem Thema Sex in der Schule konfrontiert, finden die "Besorgten Eltern". Aber ist das schon alles?

Kritiker sehen in den "Besorgten Eltern" ein Bündnis, das in Wahrheit Stimmung gegen sexuelle Minderheiten macht, das zurück will zu einem streng traditionellen Familienbild. Im Umfeld der Gruppe stößt man tatsächlich auf allerlei merkwürdige Ideen und obskure Unterstützer.

"Wir sind eine neutrale Bewegung"

Initiator Mathias Ebert, 29, Vater von vier Kindern, betont zunächst, was er nicht ist: nicht rechts, nicht schwulenfeindlich, kein christlicher Fundamentalist, er sei noch nicht einmal Mitglied einer Kirche. "Wir sind eine neutrale Bewegung, die ein gemeinsames Anliegen eint", sagt er.

Irgendwann, erzählt Ebert, sei es ihm einfach zu viel geworden. Er erfuhr von Eltern, die in Haft mussten, weil sie ihr Kind nicht am Aufklärungsunterricht teilnehmen lassen wollten. An der Grundschule seiner Kinder ließ Ebert sich zum Elternvertreter wählen, um beim Aufklärungsunterricht besser mitreden zu können. Aber das Problem, findet er, ist grundsätzlicher. Ebert initiierte eine erste Demo, in Köln, nahe seinem Heimatort. Vor gut einem Jahr war das.

Seitdem, sagt er, bekomme er Zuschriften aus dem ganzen Bundesgebiet. "Ich habe nicht glauben können, was heute in der Schule gemacht wird", sagt er. "Sogar im braven Bayern."

Dabei sind die Beispiele, die die Elternaktivisten aufführen, oft nur auf den ersten Blick spektakulär. Etwa eine Broschüre  der Lehrergewerkschaft GEW in Baden-Württemberg. Ein Unterrichtsvorschlag darin nennt sich "heterosexueller Fragebogen". Dabei werden Schüler mit Fragen konfrontiert wie: "Ist es möglich, dass deine Heterosexualität nur eine Phase ist und dass du diese Phase überwinden wirst?" Unter den Sexualkundekritikern wurde das Dokument herumgereicht als ein Beispiel dafür, wie die Schule Kinder angeblich zum Schwulsein erziehen wolle. Elternaktivist Ebert hält den Unterrichtsvorschlag für "ziemlich fragwürdig".

Dabei ist der Hintergrund des Fragebogens recht simpel: Er soll Jugendliche mit den Vorurteilen und dem Rechtfertigungsdruck konfrontieren, denen normalerweise Schwule und Lesben ausgesetzt sind. Nicht Umerziehung, sondern Empathie ist das Ziel.

"Subtiler Kampf gegen Homosexualität"

Anja Henningsen, die an der Uni Kiel Juniorprofessorin für Sexualpädagogik ist, geht davon aus, dass die Elternaktivisten den Aufklärungsunterricht ganz bewusst missverstehen. "Ein guter Sexualkundeunterricht greift die Themen auf, die im Alltag der Kinder und Jugendlichen eine Rolle spielen. Es ist hanebüchen, so zu tun, als wäre er damit eine Werbeveranstaltung für Pornografie und homosexuellen Lebensstil", sagt sie. In Wahrheit führe die Elternbewegung einen "subtilen Kampf gegen Homosexualität".

Mathias Ebert von den "Besorgten Eltern" weist das zwar vehement zurück. Auf der Homepage finden sich aber Sätze, die nicht so recht dazu passen wollen. In einem Beitrag  wehren sich die "Besorgten Eltern" gegen die Gender-Theorie - denn diese Lehre "unterstellt, dass jede sexuelle Orientierung gleichwertig ist und von der Gesellschaft akzeptiert werden muss". Das erinnert an die Kapriolen der Pegida-Anhänger, die gegen die "Islamisierung" kämpfen und gleichzeitig betonen, nichts gegen Muslime zu haben.

Auf ihren Demonstrationen lassen die "Besorgten Eltern" wiederum Aktivisten mit fragwürdigem Hintergrund sprechen.

Bei einer Kundgebung in Köln im vergangenen Jahr etwa trat Béatrice Bourges auf, eine der Mitinitiatoren der Massenproteste gegen die Homo-Ehe in Frankreich vor zwei Jahren. Das französische Organisationsteam hatte sie rausgeworfen, weil sie selbst den Homo-Kritikern zu militant wurde. In Köln dagegen darf sie den "Besorgten Eltern" Mut machen: "Die Wahrheit wird siegen", sagt sie auf Französisch . Auf der Bühne hinter ihr steht Ebert und nickt.

Aus Belgien spricht der Vorsitzende des christlichen Vereins Civitas, der sich für die traditionelle Familie starkmacht und der rechtskatholischen Pius-Bruderschaft nahesteht. Der fabuliert auf der Demo , dass es beim Sexualkundeunterricht um einen "Kampf zwischen Christus und Teufel" gehe. Man befinde sich in einer "Diktatur", in der der Staat Kinder in seine Gewalt bringe, "um ihre Seelen zu beschmutzen".

Sexualkunde als Bürgerkrieg

In Dresden durfte kurz darauf der Rechtspopulist und Verschwörungstheoretiker Jürgen Elsässer zu den "Besorgten Eltern" sprechen. Elsässer hält etwa die Terrorattacken des 11. Septembers für inszeniert und Deutschland für ein immer noch von den Amerikanern besetztes Land.

Auf dem Bühnenwagen der "Besorgten Eltern"  echauffierte der umstrittene Publizist sich im November über die Gender-Theorie, die die Unterschiede zwischen den Geschlechtern leugne. Dann gleiten die Ausführungen langsam ins Absurde ab: EU und Uno würden Deutschland die Gender-Lehre aufzwingen. Der Sexualkundeunterricht sei eine "Strategie für den Bürgerkrieg", mit der fromme Muslime zur Militanz provoziert werden sollten. Die Demonstranten applaudieren.

Demo-Initiator Ebert hat offenbar kein Problem mit umstrittenen Gastrednern. "Jürgen Elsässers Meinung in der Familienpolitik halte ich unheimlich hoch", sagt Ebert. Welche Positionen Elsässer sonst vertrete, wisse er nicht. Es kümmere ihn auch nicht.

Ist das Unbedarftheit? Oder doch eher Kalkül? Ebert sagt: "Ich bin einfach dankbar für jede Unterstützung."