Kritik an "Lernsieg" Schüler können Lehrer in neuer App anonym bewerten

Jeder kann sich einloggen - und jeder kann mitlesen: Am Freitag ist eine App online gegangen, auf der Schüler ihre Lehrer anonym bewerten können. Gewerkschafter sind entsetzt.
Benjamin Hadrigan und die App "Lernsieg": "Schüler können mitgestalten"

Benjamin Hadrigan und die App "Lernsieg": "Schüler können mitgestalten"

Foto: Lukas Beck

Sind meine Lehrer pünktlich? Sind sie fair und respektvoll? Geduldig? Wer kann gut motivieren und wer nicht? Ihre Antworten auf diese Fragen können Schüler fortan öffentlich kundtun und vergleichen, über eine App mit dem Titel "Lernsieg". Der 17-jährige Wiener Schüler Benjamin Hadrigan hat die App an den Start gebracht. Seit diesem Freitag ist sie online.

Nutzer können sich dort mit ihrer Telefonnummer registrieren und Lehrer an deutschen und österreichischen Schulen anonym bewerten. In insgesamt acht Kategorien - darunter Fairness, Respekt, Vorbereitung und Durchsetzungsfähigkeit - können sie einen bis fünf Sterne vergeben. Die Lehrer sind mit ihren vollen Namen gelistet. Kommentieren können sie ihre Bewertungen nicht.

"Wir wollen Schülern im 21. Jahrhundert endlich eine Stimme geben, damit sie mitgestalten können", sagt Hadrigan am Freitag dem SPIEGEL. Er geht davon aus, dass es viele engagierte Lehrerinnen und Lehrer gebe, die sich freuten, dass ihre Leistungen nun anerkannt und öffentlich sichtbar würden. Und wer eine schlechte Bewertung erhalte, werde versuchen, seinen Unterricht zu verbessern.

Gewerkschafter in Deutschland und Österreich dagegen sind empört. Die App zerstöre die Beziehung zwischen Lehrkräften und ihren Schülern und sei "nicht geeignet, die Schulentwicklung voranzubringen", sagt Ilka Hoffmann, Bildungsexpertin der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Bedenken hinsichtlich der Persönlichkeitsrechte

Feedback zwischen Schülern und Lehrkräften sei zwar wichtig, aber es solle in persönlichen Gesprächen oder mithilfe von "Kummerkästen" an den Schulen erfolgen, sagt Hoffmann. Öffentliche Bewertungsportale wie "Lernsieg" lehnt die GEW ab.

Paul Kimberger, Vorsitzender der österreichischen Gewerkschaft Pflichtschullehrerinnen und Pflichtschullehrer, kündigt an, die App mit allen rechtlichen Mitteln verhindern zu wollen. Er habe Bedenken hinsichtlich der Persönlichkeitsrechte und des Datenschutzes.

Plattformen, auf denen Lehrkräfte bewertet werden können, sind ein heikles Thema. Im August war eine solche Plattform in Hamburg an den Start gegangen. Dort ist das Feedback allerdings nur für den jeweiligen Lehrer oder die Lehrerin bestimmt und wird nur klassenintern abgefragt. Trotzdem zeigte sich der Hamburger Lehrerverband skeptisch - auch wegen der Datenmenge, die dort erhoben werde.

"Lernsieg" erinnert an die Webseite spickmich.de, die vor rund zehn Jahren zahlreiche Gerichte in Deutschland beschäftigte. Immer wieder versuchten Lehrer erfolglos, sich auf rechtlichem Weg gegen die anonymen Bewertungen auf der Seite zu wehren. Im August 2010 lehnte letztlich auch das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eine Beschwerde gegen das Portal ab. Inzwischen wurde die Seite eingestellt.

Keine Kommentare, aber auch wenig Kontrolle

Auf "Lernsieg" können Schüler zwar keine Kommentare über ihre Lehrer hochladen, sondern diese ausschließlich anhand der vorgegebenen Kriterien bewerten. Es erfolgt jedoch keine Kontrolle, ob die Bewertenden tatsächlich Schüler der betroffenen Schule sind - und ob sie den Lehrer, den sie bewerten, selbst im Unterricht erlebt haben.

Zugespitzt heißt das: Auch ein Nachbar, der sich über eine Lehrkraft geärgert hat, kann diesen letztlich über die App negativ beurteilen. Der 17-jährige Gründer Hadrigan hält das für unproblematisch: "Wir nehmen an, dass die Schüler so fair sind, dass sie nur den Lehrer bewerten, den sie wirklich haben", sagt er. Schüler können in der App neue Lehrer vorschlagen. Dann überprüfe man, ob diese Lehrer an der betreffenden Schule tatsächlich unterrichteten, sagt Hadrigan.

Jeder Nutzer kann nur die Lehrkräfte an einer einzigen Schule bewerten. Wenn ein Schüler die Schule wechselt, kann er das in der App eigenständig eintragen. Vorherige Bewertungen, die Lehrer an einer anderen Schule betreffen, werden den Angaben zufolge dann gelöscht.

Hadrigan habe bereits mit 14 Jahren, als Schulsprecher seines damaligen Gymnasiums, eine schulinterne Lehrerbewertung einführen wollen, heißt es in einer Pressemitteilung zum Start von "Lernsieg". Er sei damit jedoch gescheitert - und setze sein Anliegen jetzt "in größerem Stil" um. Eine auf Medienrecht spezialisierte Anwaltskanzlei und ein "Konsortium von privaten Investoren" unterstützen ihn der Mitteilung zufolge dabei.

Der junge Österreicher hatte im März auch ein Buch über das Lernen mit sozialen Netzwerken veröffentlicht. In einem SPIEGEL-Interview forderte er außerdem , Lehrer entsprechend der Leistungen ihrer Schüler zu bezahlen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass Nutzer auf spickmich.de Kommentare über Lehrkräfte hochladen konnten. Tatsächlich konnten sie dort lediglich Noten verteilen. Wir haben die Stelle korrigiert.

lov/dpa