Bildung bei Illner Gruseln lernen in der Schmuddelschule

Pisa-Panik, Fluchtburgen für Gebildete - die Wortwahl bei Maybrit Illner war martialisch. Zu wirklichen Wortgefechten reichte das dann trotzdem nicht. Aber immerhin bewies die Diskussionrunde: Die aschgrauen Bildungsideale der Fünfziger taugen nicht für die Schule von Morgen.

Talkshow-Moderatorin Maybrit Illner: "Skandal oder Notwehr?"
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Talkshow-Moderatorin Maybrit Illner: "Skandal oder Notwehr?"

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Menschen lieben Listen. Wer steht oben, wer unten, wer hat sich verbessert, wer ist abgeschmiert. Wer sicher sein will, dass viele hinschauen, der ist mit einer Liste gut bedient. Das weiß auch Maybrit Illner. Eine der liebsten Listen der Deutschen ist die alle drei Jahre erscheinende Pisa-Studie, Lernzielprobe der 15-Jährigen in 15 Industrie-Ländern. Ein Granatenthema, weil es dabei um das Beste geht, was unser Land hat: Kinder und ihre Bildung, der Rohstoff für Deutschland - Phrasen, die noch immer nicht tot gedroschen genug sind, um nicht in der Anmoderation von "Maybrit Illner" vorzukommen.

Das nächste Pisa-Ergebnis, mit Schrecken oder ohne, ist noch weit weg. Erst Ende 2010 werden die Ergebnisse der neuen Studie veröffentlicht. Weil aber gerade unter dem Titel "Klasse '09" die ZDF-Bildungswoche stattfindet und Bildungsthemen an sich wohl nicht reißerisch genug sind, hat die Talkerin ihr Thema aufgepimpt: "Eltern in Pisa-Panik - Gute Bildung nur noch für Reiche?"

Von Pisa allerdings sollte in der siebenköpfigen Runde konsequent keine Rede sein. 3000 Privatschulen gibt es schon in Deutschland, jede Woche kommt eine dazu, fast jeder zehnte Oberschüler besucht ein Privatgymnasium. "Skandal oder Notwehr?", feuerte Illner los.

Englische Privatschulen? Gruselig!

Zu heftigen Kontroversen aber kam es nicht. "Tatort"-Kommissarin Sabine Postel erschien gar als Fehlbesetzung. Zwar geht ihr Sohn auf eine englische Privatschule, aber dafür schämte sie sich fast ein wenig. Der Sohn selbst habe das gewollt. Privatschulen als Ausweg aus der Schulmisere? Niemals, meint Postel, was alle reihum wiederholen. Öffentliche Schulen brauchen mehr Geld, mehr Lehrer, kleinere Klassen. Und englische Verhältnisse seien "zum Gruseln", so weit dürfe es hierzulande nie kommen.

Dass Enja Riegel, 69, heute selbst eine Privatschule leitet, will sie nicht als Privatschulempfehlung verstanden wissen: "Ich mache an meiner neuen Schule nichts, was eine öffentliche Schule nicht auch kann." Sie weiß, wovon sie spricht. Bis vor sechs Jahren leitete sie die von Fachleuten gepriesene staatliche Helene-Lange-Schule in Wiesbaden.

Vor allem ärgert Riegel, dass gerade diejenigen, die selbst nichts für die Bildung zahlen können, die schlechtesten Schulen vor der Haustür haben. Was tun mit Kindern aus Problembezirken, fragte sich die Runde besorgt.

Was tun, wenn Eltern nie in der Schule waren?

Studien belegen es seit Jahren: Weil bei den Armen die Bildung oft wenig gilt, kümmern sie sich nicht darum, ihre Kinder auf guten Schulen unterzubringen. So bleiben sie im sozialen Ghetto. Betuchtere und gebildetere Eltern sind daraus längst geflohen - und sei es nur durch einen Ummeldetrick.

Josef Kraus, Gymnasialdirektor und Chef des Deutschen Lehrerverbands, nennt die, die übrig bleiben, umständlich "eine bestimmte Sozialklientel" - und meint doch Migranten und Transferleistungsempfänger. Eine Unterschicht, die er in seiner bayerischen 11.000-Seelengemeinde Ergoldsbach gar nicht kennt. Im Berliner Problembezirk Neukölln von Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) aber gehören 75 Prozent der Eltern diesem Milieu an. Nur eine Handvoll schaffe es in die "Fluchtburgen für bildungsorientierte Eltern", in Buschkowskys Bezirk sind das zwei religiöse Privatschulen. Aber, so Buschkowsky: "Was tun mit Eltern, die nie eine Schule von innen gesehen haben?" Aus unterschiedlicheren Welten als der des Problemkiezbürgermeisters und der des Lehrerverbandschefs Kraus konnte man die Diskutanten kaum in die Runde holen.

Keine Chance für die Kumpels auf der Hauptschule

Dazwischen der ehemalige Hauptschüler Emre, der es mit Büffeln und Hilfe seiner eben nicht desinteressierten Eltern wohl zur Hochschulreife schaffen wird. NRW-Sozialminister Armin Laschet (CDU) sprang dem 16-jährigen Deutsch-Türken vor Begeisterung fast auf den Schoß, wollte dann aber, während er noch zu Emre rüberlächelte, doch lieber nicht über Schulstrukturen reden. Dabei hatte der Junge kurz zuvor zum dritten Mal betont, dass ihm und seinen Kumpels auf der Hauptschule einfach niemand eine Chance gegeben hatte.

Vereinnahmt wurde "der gute junge Mann" von allen. Auch Lehrerverbandschef Kraus wollte mit Emres Ausnahmeerfolg das sterbende dreigliedrige Schulsystem rechtfertigen - und ignorierte eisern, dass Emre nicht wegen, sondern trotz seiner frustrierenden Hauptschulzeit erfolgreich war. Dabei wirkte Kraus manchmal, als könnte er seine staubigen Sätze schon selbst nicht mehr hören.

Enja Riegel, meist ganz vorn auf ihrer Stuhlkante, sagte über Emre Sätze, die zeigten, warum sie auch mit fast 70 noch eine gute Pädagogin ist: "Man hätte bei ihm Talente erkennen und ihn auf ein Niveau bringen können, mit dem er nie hätte auf die Hauptschule gehen müssen." Da schaute Emre glücklich und Riegel hatte vorgemacht, wie man junge Menschen mit wenigen Worten motivieren kann.

Pisa? Privatschulen? Flucht der Bildungsbürgerlichen vor Schmuddelschulen? Alles Dinge mit viel Zündstoff. Doch die Diskussion versandete ob unklarer Aufgabenstellung dort, wo Bildungsstreits im Fernsehen immer enden: Bei Strukturdebatten. CDU-Mann Laschet und Lehrervertreter Kraus befürworten das althergebrachte dreigliedrige Schulsystem - der Rest der Runde ist für ein Zweisäulenmodell aus Gemeinschaftsschule und Gymnasium. Ein Modell, das Sachsen den Pisa-Erfolg brachte und darum erst in Berlin von Rot-Rot und jetzt in Hamburg von Schwarz-Grün in ähnlicher Form ausprobiert wird. Beide Stadtstaaten zeigen, dass moderne Bildungspolitik keine Frage politischer Farbenlehre ist.

Illners Runde zeigte immerhin eins: Das Aschgrau der fünfziger Jahre taugt nicht für die Schule von Morgen.



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joe_rulez, 09.10.2009
1. Ein Lob der Disziplin
Der junge Mann hat eine Aussage gemacht, die den Nagel auf den Kopf traf. Damit er den Aufstieg von der Hauptschule zum Fachabituranwärter schaffen konnte, lerne er drei Stunden täglich. Dafür haben andere Jugendliche "...aber keine Zeit". Warum eigentlich nicht? Lieber Koma-Saufen und Killerspiele daddeln?? Wer zum Lernen keine Zeit hat oder haben will, braucht sich nicht wundern, wenn er auf der sozialen Leiter irgendwann "ganz unten" steht. Dies schlichte Tatsache haben die "Pisa-Flüchtlinge" erkannt. Sie setzen auf diszipliniertes lernen und verwschwenden auch keine Zeit für unnütze "Systemfragen".
Fasc 09.10.2009
2. Die Diskutierenden
gingen alle immer nur von dem Idealfall aus, dass immer alle Kinder selbstverständlich lernen wollen, gebildet sein oder werden wollen - das ist aber nicht so. Jedenfalls nicht immer. Was wohl würden die ach so wohlmeinenden Diskussionsteilnehmer wohl in der Realität sagen, wenn sie vor einem Schüler stehen, der (in Klasse 7)außer irgendwelchen Unsinn zu machen NICHTS tun will, der nicht erkennt, dass er durchaus Möglichkeiten der Förderung wahrnehmen könnte, der Hilfsangebote ausschlägt und in dieser Position ("Was willst du eigentlich von mir, Alter??" - Originalzitat!!) nicht die Ausnahme, der Freak, der Außenseiter, sondern ganz im Gegenteil der große Held in seiner Lerngruppe ist und für diesen rhetorischen Husarenstreich auch noch Zustimmung und Beifall erhält und der auch nicht der einzige ist, sondern das Gros der Gruppenmitglieder widerspiegelt - ja, was würden die Damen und Herren ihm wohl sagen? Was mache ich mit jemandem, der nicht aus seiner Position raus will, weil es ja offenbar so bequem ist, immer die anderen für das eigene Versagen verantwortlich zu machen? Antworten??? Keine??? Dann sind wir ja schon nicht mehr allein. Hurra Deutschland, (Alter)!
frubi 09.10.2009
3. .
Zitat von sysopPisa-Panik, Fluchtburgen für Gebildete - die Wortwahl bei Maybrit Illner war martialisch. Zu wirklichen Wortgefechten reichte das dann trotzdem nicht. Aber immerhin bewies die Diskussionrunde: Die staubigen Bildungsideale der Fünfziger taugen nicht für die Schule von Morgen. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,654112,00.html
Kleinere Klassen - mehr Lehrkräft. Damit wäre schonmal einiges verbessert. In 28-30er Klassen gehen doch meist 5-10 Kinder/Jugendliche unter. Aus meiner Schulzeit kenne ich ausserdem noch 2 weitere einfach zu lösende Probleme. Mehr Sport und Freizeitangebote. Als ich in die 5te Klasse kam gab es in unserer Schule einen Überfluss an AG`s. Turnen, Basteln etc. Das wurde Jahr für Jahr weniger bis es in der Oberstufe gar kein Freizeitangebot mehr gab. Das müsste sich dringend ändern. Dann war es für mich immer unverständlich, wie man eine Doppelstunde Mathematik in die letzten beiden Stunden am Nachmittag legen konnte. Da muss sich jede Schule überlegen, wie man diese Situationen ändern kann.
miken123 09.10.2009
4. Kindergeld streichen
Es bestand ja (endlich) Einigkeit darüber, dass man Ganztagsschulen braucht, vor allem um die sozial schwachen von ihren unfähigen Elternhäusern zu entkoppeln. Das allerdings kostet sehr viel Geld, das wiederum sicher nicht bereitgestellt wird, weil ja "die Kassen leer" sind. Man könnte doch die Brauerei-Subvention Kindergeld streichen und das Geld zum einen Teil in eine Ganztagsbetreuung mit kostenlosem Essen und Lehrmitteln investieren und zum anderen in Warengutscheine für Kindgerechte Produkte. Dann hat man Gewissheit, das die Milliarden, die der Staat ausgibt, auch wirklich dem Wohle des Kindes nutzt.
waitzschrat, 09.10.2009
5. Ursache und Wirkung
Dass bildung in diesem Lande mehr Prioritäten eingeräumt werden muß und über Inhalte und formen der Wissensvermittlung nachgedacht werden muß, ist ein Allgemeinplatz seit Jahrzehnten. Wirklich Fundamentale hat sich in dieser Zeit leider nicht geändert. Aber: Selbst wenn das Bildungssystem optimal auf die BEdürfnisse der Schüler ausgerichtet wäre, würden die Probleme des Leistungsversagens, der Leistungsverweigerung etc. - so wie soe heute bestehen - nicht gelöst werden. Es gäbe Einzelfälle, wo es zu Vebesserungen kommen würde. Mehr nicht! In der Diskussion über das Schulveragen wird immer wieder auf die soziale Herkunft der Schüler verwiesen. Darf man fragen, was den sozialen Status der Eltern bedingt?
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