AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 36/2004

Bildung Das Ende der Exorzisten

Die privaten Waldorfschulen haben einen Zulauf wie nie zuvor, doch die meisten Eltern stehen der Anthroposophie des umstrittenen Schulgründers Rudolf Steiner fern. Zunehmend verfallen die Dogmen der reinen Lehre, gefragt ist nur noch das alternative Lernmodell.


Waldorfschule (in Hamburg-Nienstedten): Feng-Shui mit runden Ecken und viel Holz
DPA

Waldorfschule (in Hamburg-Nienstedten): Feng-Shui mit runden Ecken und viel Holz

Die letzte Stunde ist zu Ende gegangen in der Aachener Waldorfschule. Draußen im Park treiben Mädchen schnell noch die Schafe in den Stall. Drinnen führt Mathematiklehrer Wolfgang Creyaufmüller, 53, durch das verlassene Gebäude. Er gibt eine kurze Einführung in das Zusammenspiel von Farben und anthroposophischer Pädagogik.

"Sehen Sie hier, Klasse eins", sagt Creyaufmüller, "der Raum ist rot gestrichen. Rot gibt Wärme, Rot hüllt ein. Die Kinder waren als Embryo im Mutterleib von solchem Rot umgeben." Der promovierte Lehrer, der über Primzahlen forschte, zieht die Augenbrauen hoch, bevor er Bedeutendes äußert. Mit großem Ernst weist er auf die ursprünglich rechteckigen Fensterscheiben, die mit Schablonen abgerundet sind. "Kanten sind bewusstseinsfördernd, der Blick stößt sich an ihnen", sagt er, " aber das ist für Erstklässler zu früh."

Klasse zwei, gleich nebenan. Helleres Rot jetzt. Nur eine Fensterseite hat runde Ecken. "Die Schüler sind älter und brauchen weniger Wärme. Ihr Blick darf sich jetzt schon mal stoßen", sagt der Lehrer.

Wundersame Waldorfwelt: Ist es spinnert, die Klassenzimmer aller 187 deutschen Waldorfschulen nach demselben Muster zu streichen? Oder einfach nur kindgerecht? Wie vieles in der Welt der "Waldis" (Waldorfianer über sich) ist der Einfluss des Farbkonzepts auf die Schüler nicht messbar. Das Ergebnis aber kann sich sehen lassen. Landauf, landab lernen rund 80 000 Schüler in einem behaglichen Ambiente. Überall eine Art Schul-Feng-Shui: eine luftige und warme Atmosphäre, viel Holz - kein Vergleich mit der architektonischen Tristesse vieler Staatsschulen.

Noch nie war die eigenwillige Privatschule, in der es in der Unter- und Mittelstufe weder Zensuren noch Sitzenbleiber gibt, so gefragt wie im neuen Schuljahr. Um ein Drittel, mancherorts sogar um die Hälfte stieg die Zahl der Anmeldungen - trotz eines Monatsbeitrags von durchschnittlich 125 Euro pro Kind. Bundesweit wollen Eltern weitere 20 Schulen gründen.

Der Boom, sagt Walter Hiller, Geschäftsführer des Bundes der Freien Waldorfschulen in Stuttgart, sei "eine Folge der Pisa-Studie, die unseren Ansatz nachdrücklich bestätigt hat". Das deutsche Bildungssystem kranke "an der Ideologie der homogenen Lerngruppe, die Schwache aussortiert, damit die Guten vorankommen". Das habe sich, so Hiller, "als überholt erwiesen".

Selbst kritische Wegbegleiter der Waldorfpädagogik wie der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck stimmen dem zu. Schüler in skandinavischen Schulen, den europäischen Spitzenreitern der internationalen Vergleichsstudie, würden nach Prinzipien unterrichtet, "die Waldorf seit über 80 Jahren praktiziert". In Skandinavien blieben die Kinder neun Jahre lang im Klassenverband, in Schweden und Norwegen werde acht Jahre, in Dänemark sieben Jahre auf Noten und Sitzenbleiben verzichtet. "Die späte Auslese ist ein Erfolgsgeheimnis, in Skandinavien wie bei Waldorf", so Struck.

Das Waldorfkonzept funktioniert. An Hamburger Staatsschulen schaffen nur drei von zehn Pennälern die Reifeprüfung, von den Schülern der Rudolf-Steiner-Schule in Hamburg-Farmsen sind es durchschnittlich fast sechs von zehn. Die Quote, relativiert Struck, sei allerdings auch deshalb so hoch, "weil über das Schulgeld eine soziale Auslese stattfindet".

Tatsächlich erziehen Waldorflehrer Kinder der Eliten. Von den Eltern der West-Berliner Steiner-Schüler haben, so eine Studie der Berliner Freien Universität, 58 Prozent der Väter und 48 Prozent der Mütter einen Hochschulabschluss - gut dreimal so viel wie im Landesschnitt.

Von Problemen, die Staatsschulen etwa wegen eines hohen Ausländeranteils quälen, bleiben die Waldis verschont. Kein Wunder: Nur formal sei das Modell offen für alle Kinder, bemängelt der Berliner Schultheoretiker Achim Leschinsky. Es sei "kaum denkbar, dass Türken ihre Töchter dort anmelden".

Warum aber lassen auffallend viele Lehrer ihre Kinder in Waldorfschulen unterrichten - dem erklärten Gegenentwurf zu Realschulen und Gymnasien? "Die Schüler werden bei Waldorf als Individuum weitaus ernster genommen als auf den Staatsschulen", sagt Dorothea Dietrich, Studienrätin an einer Hamburger Gesamtschule. Ihre Tochter und ihr Sohn gingen auf eine Waldorfschule, beide bestanden das Abitur. Die beiden lasen Goethes "Faust" und führten ihn auf, sie übten Gedichte und lernten Instrumente. "Das alles hatte einen ungemein positiven Einfluss auf ihre innere und äußere Entwicklung", urteilt die Mutter.

Tatsächlich wird bei den Waldis, frei nach dem Schweizer Pädagogik-Vordenker Johann Heinrich Pestalozzi, mit Kopf, Herz und Hand gelernt. Neben den traditionellen Fächern stehen etwa Nähen, Stricken, Häkeln, Spinnen, Weben, Schlossern, Mauern, Brotbacken, Feldvermessen und Bildhauerei auf dem Stundenplan. Heilpädagogen schätzen zudem die Bewegungslehre Eurythmie, eine Art Tanz, bei dem Töne und Buchstaben durch Gebärden ausgedrückt werden.

Immer mehr Eltern sind vom Lernmodell Waldorf überzeugt - mit der teils kruden Weltsicht des Schulgründers Rudolf Steiner, des Gurus der Anthroposophen, haben die meisten allerdings wenig gemein. Allenfalls zehn von hundert Elternpaaren und nur jeder fünfte Lehrer stehen, so schätzt die Bundesgeschäftsführung der Schulen, dieser Glaubensrichtung nahe.

Kein Wunder, dass das Gleichgewicht im sensiblen Waldorfsystem ins Wanken gerät. Plötzlich verlangen Eltern klassische Leistungsnachweise - obwohl das dem Waldorfansatz widerspricht. "Schon in der ersten Klasse haben Eltern Angst, dass ihr Kind das Abitur nicht schafft", sagt Matthias Farr, Waldorf-Geschäftsführer in Hamburg-Farmsen. Nicht nur dort gab es "erhebliche Unruhe" (Farr). Ehrgeizige Bildungsbürger machten auf so genannten Sprach-Elternabenden Druck: Nachbarskinder würden im Gymnasium rasant Englisch lernen- ihr Waldi hinke hinterher.

Zweifellos ist die Mittelstufe ein Schwachpunkt der Schulen. Allzu lasch geht es zwischen Klasse 5 und Klasse 10 zu, sogar Schüler klagen über das Nullwachstum ihres Wissens. Der Hamburger David Rückert, 16, wechselte auf ein Gymnasium, weil seine Lehrer "es hinnahmen, dass die eine Hälfte der Klasse Abi machen wollte und die andere Mist". Kilian Ullmann, 18, Zwölftklässler in Weimar, moniert ein "Forderungstief" bis Klasse 10.

Jens Thomsen, Englischlehrer an der Wilhelm-Wisser-Realschule im holsteinischen Eutin, hat etliche Waldis unterrichtet, die in seine 8. oder 9. Klasse wechselten. "Allesamt waren die 13- bis 14-Jährigen auffällig eigenständige, selbstbewusste Persönlichkeiten", sagt Thomsen, "aber trotz acht Jahren Englischunterrichts fingen sie fast bei null an." Das Schriftenglisch war "sehr fehlerhaft", die Aussprache "oft schlecht".

In der Waldorfschule in Hamburg-Farmsen wurde auf den Wunsch nach mehr Leistung reagiert. In Englisch und Französisch finden nun in der 7. Klasse vier Tests pro Schuljahr statt - ein eklatanter Verstoß gegen das Waldorfprinzip, Leistungsdruck vermeiden zu wollen. "Qualitätsmanagement" nennt Geschäftsführer Farr solche Brüche. In Wahrheit markieren sie den Paradigmenwechsel in der Waldi-Welt: weniger klassische Waldorfpädagogik, mehr Vermittlung von abrufbarem Wissen.

Das macht manchen Sorgen. Die alternative Pädagogik werde durch die Leistungsansprüche vieler Eltern ausgehöhlt, berichtet etwa Rose Bütow-Dreyer über ihre Erfahrungen als Schülerin auf der Hiberniaschule im westfälischen Herne. Weil die Waldorfschulen "viel zu sehr ihren Schwerpunkt auf das Abitur legen", litten Lernschwache. Oft habe sie sich "wie ein Waldorfschüler zweiter Klasse" gefühlt, als die Eleven in der 6. und 7. Klasse in A-Gruppen für Abiturienten und schwächere B-Gruppen eingeteilt wurden und sie oft bei den Schwächeren landete.

Die Waldorfprinzipien verwässern, und immer brüchiger wird das umstrittene weltanschauliche Fundament der Schulen: die Anthroposophie, mit der Schulgründer Rudolf Steiner "das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen" wollte - wo auch immer das sein mag.

1919 hatte Steiner in Stuttgart die erste Waldorfschule für die Kinder von Arbeitern gegründet, die in der Zigarettenfabrik Waldorf Astoria schafften. Seine Weltsicht umfasst vieles, was sich in der aktuellen Esoterik findet: den Glauben an die Wiedergeburt etwa und an das Karma. Manchen ist Steiner wegen rassistischer Äußerungen und seines Hangs zum Okkultismus suspekt, doch sein Schulmodell setzte sich durch: Es gibt heute 881 Schulen zwischen Norwegen und Kenia, Japan und Argentinien.

Aber in wenigen spielt die Anthroposophie noch eine tragende Rolle. Zwar müssen sich die Jüngeren täglich mit dem so genannten Morgenspruch beim lieben Gott für "die Menschenkraft, die Du in meine Seele mir so gütig hast gepflanzt", bedanken. Sonst aber werden sie in Ruhe gelassen mit den Wahrheiten und Weisheiten der nebulösen Steinerschen Philosophie.

So kann es den meisten Eltern schnuppe sein, ob ein paar Lehrer ihre Kinder für die soundsovielte Reinkarnation von irgendwem halten. "Nichts am Hut" habe er mit dieser "verschwommenen Lehre", sagt der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. "Was Waldorf in der Praxis leistet", zähle für ihn, und das sei "eine Menge". Seine Tochter, 17, besucht die Steiner-Schule in München-Schwabing, sie absolvierte, wie üblich, ein handwerkliches und ein soziales Praktikum. Diese Schulform sei, so Enzensberger, "ein sozialer Ort, wie es ihn in Staatsschulen kaum noch gibt".

Zudem scheint die Wirtschaft die Werte, die Waldorfschulen vermitteln, zu goutieren. Michael Rogowski, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), war selbst Waldorfschüler. Er würde Waldorfabsolventen "nicht unbedingt als Ingenieure einstellen, weil ich in Mathe und Physik große Lücken hatte", sagt der BDI-Chef. Wohl aber als Kommunikationsfachleute: "In allen Bereichen, in denen die Persönlichkeit eine große Rolle spielt, haben sie ihre Stärken."

Außerhalb ihrer Schulen haben die Pennäler es bisweilen schwer. Als "Baumschüler" wurde der Hamburger Michael, 17, gehänselt, die Bremerin Caro klagte im Internet darüber, dass sie "für leicht oder schwer behindert" erklärt werde, wenn sie sich als Waldi zu erkennen gebe.

Der bis heute seltsame Ruf der Schulen rührt aus einigen Verrücktheiten, die Fundamentalisten der Bewegung durchzusetzen versuchten. Jahrzehntelang wollten sie das Böse aus den Herzen und Haushalten exorzieren. Fernsehen, Video, CD, Computer, Lego-Steine, Barbie-Puppen und Comics: alles schädlich für sensible Kinderseelen. Weg damit.

Unter Schmerzen beobachten Erz-Anthroposophen nun, wie diese Dogmen zerfallen. "TV-Konsum etwa ist bei der Anmeldung kein K.-o.-Kriterium mehr", sagt Friedrich Ohlendorf, Waldorf-Geschäftsführer in Berlin. Selbst das bisher eherne Fußballverbot wird aufgeweicht. Dieser Sport mache "die Beine geistig nicht frei", beschwor das Anthro-Blatt "Info3" einst die Gläubigen, die Beine könnten beim Kicken nicht, wie sonst, "den Kopf mit freien Kräften ernähren".

Die seltsame Warnung verhallte. In Hamburg-Farmsen darf Fußball jetzt in den Pausen gespielt werden, in Weimar sogar in Sportstunden. Im kalifornischen Sacramento steht "Soccer", welch Frevel an der reinen Lehre, auch für Mädchen auf dem Lehrplan. Hat sich etwa herumgesprochen, dass der Waldorfschüler Klaus Wunder Profikicker bei Werder Bremen wurde - und mit seinem Kopf alles in Ordnung zu sein scheint?

Es ist das Ende der Exorzisten, das in den Waldorfschulen naht. Schmachvoll hatten sie die erste große Schlacht im Kampf gegen die Moderne verloren, als vor ein paar Jahren die einst verhassten Computer Einzug hielten. Mal ab Klasse 8 und mal ab Klasse 10 gibt es inzwischen EDV-Unterricht, fast jede Schule stellt sich im Internet auf einer Homepage vor. "Bei uns hielt sich der Staub in manchen Ecken etwas länger als anderswo", sagt Bundesgeschäftsführer Hiller, "jetzt aber hat Goretex die Wolle auch bei uns abgelöst."

Und es geht weiter, Dogma um Dogma. Immer weniger Lehrer setzen Schüler nach der Steinerschen Temperamentenlehre nebeneinander. Links Phlegmatiker, daneben Melancholiker, dann Sanguiniker und Choleriker? "Man wird Schülern nicht gerecht, wenn man sie in eine Schublade steckt", sagt der Weimarer Pädagoge Wolfram Knabe.

Klassen wie bisher mit 38 Kindern? Das stehe "auf dem Prüfstand", sagt Geschäftsführer Hiller. Es gebe Kinder, die in großen Lerngruppen optimal gefördert würden, "und andere, für die das zu groß ist". An einzelnen Schulen werden jetzt Klassen mit 20 Schülern zusammengestellt. Acht Jahre lang, wie jetzt, denselben Klassenlehrer? "Wird überprüft", sagt Hiller, "das tut den Schülern nicht immer gut." Angesichts derart vieler Reformen sei es kein Wunder, "dass es bei uns im Gebälk knirscht".

Dem Druck, der seit der Pisa-Studie auf deutschen Schulen lastet, kann sich auch das Modell Waldorf nicht entziehen. Sollte etwa das Abitur künftig nach Klasse 12 abgenommen werden, könnten die Waldis in den Würgegriff der Kultusminister wie der Elternschaft geraten. Denn fraglich ist, ob die Länder ihren Pro-Kopf-Zuschuss für Waldorfschüler bis zum 13. Schuljahr zahlen würden, wenn das an Staatsschulen abgeschafft wäre. Aber auch Eltern könnten eine kürzere Schulzeit fordern - um Geld zu sparen.

In der Bundesgeschäftsführung wird indes ein Traum geträumt: Die staatliche Anerkennung eines eigenen Waldorfschulabschlusses soll her. Politisch ist das kaum durchsetzbar - Waldorfexperten und Juristen tüfteln deshalb an einer formalen Lösung. Sie wollen die Anerkennung des Waldorfabschlusses als Hochschulzugangsberechtigung einklagen. Ihre Argumentation: Schwedische Waldorfabsolventen würden zum Studium nicht nur im eigenen Land zugelassen - eine 1950 von den meisten europäischen Staaten unterzeichnete Konvention zwingt deutsche Universitäten sogar, schwedische Waldis aufzunehmen.

Das, so findige Waldorfianer, widerspreche dem so genannten Diskriminierungsverbot. "Wir prüfen, ob wir vor dem Europäischen Gerichtshof erstreiten können, dass Waldorfabschlüsse europaweit dem Abitur gleichgestellt werden", sagt Christiane Bäuerle, Justiziarin des Bundesverbandes - deutsche Waldis sollen nicht wie bisher draußen bleiben müssen, wenn sie keine externe staatliche Abiturprüfung vorweisen können.

CARSTEN HOLM



© DER SPIEGEL 36/2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.