Bildungsbericht 2014 Zu wenige Lehrlinge, zu viele Abgehängte

Die Deutschen streben nach mehr Bildung, doch Migranten bleiben abgehängt. Der Bericht "Bildung in Deutschland" zeigt außerdem, wo es bei der Inklusion behinderter Schüler hakt - und dass Deutschland ein dramatischer Azubi-Mangel droht.
Azubi beim Schweißen: "Wir werden Probleme im dualen System bekommen"

Azubi beim Schweißen: "Wir werden Probleme im dualen System bekommen"

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

Bildungsforscher hüten sich in der Regel davor, konkrete Empfehlungen für Schulen und Hochschulen abzugeben. Spätestens seit der Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie Anfang des Jahrtausends wissen sie, welchen Aufruhr Bildungsstudien verursachen können. Statt in politische Scharmützel zu geraten, verschanzt sich die Zunft häufig lieber hinter Zahlenkolonnen und Schaubildern.

Gemessen an der selbstverordneten Zurückhaltung fällt der heute in Berlin vorgestellte Bericht "Bildung in Deutschland 2014" (hier als pdf ) ziemlich kritisch aus. Denn die zehnköpfige Autorengruppe attestiert der Bildungspolitik gleich auf mehreren zentralen Handlungsfeldern erhebliche Versäumnisse - so etwa beim Kita-Ausbau, den Ganztagsschulen und der Inklusion.

Der Bildungsbericht ist eine im zweijährlichen Rhythmus erscheinende umfassende Bestandsaufnahme des deutschen Bildungssystems, finanziert von der Bundesregierung und den Kultusministern. Vorgestellt wurde er am Freitag in Berlin von der Kultusministerkonferenz (KMK) und Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU).

"Der Bericht zeigt ein Bildungswesen zwischen Bewegung und Stillstand", sagt der Frankfurter Professor Marcus Hasselhorn, Sprecher der Autorengruppe. Zwar steige auf allen Ebenen von der Kita bis zur Hochschule die Bildungsbeteiligung. Jedoch: "Nicht alle gesellschaftlichen Gruppen sind Teil dieser Dynamik." Es gebe, so Hasselhorn, "zu wenig Bewegung in der Frage von sozialer Benachteiligung und von herkunftsbedingten Unterschieden".

Forscher warnen vor Lehrlingsmangel

Außen vor bleiben demnach zu häufig Kinder und Erwachsene mit Migrationshintergrund. Dreimal so viele junge Erwachsene aus dieser Gruppe erwerben im Vergleich mit Deutschstämmigen keinen beruflichen Bildungsabschluss, gar fünfmal so viele keinen allgemeinbildenden Abschluss. Besonders dramatisch fallen die Werte laut dem Bericht bei türkischstämmigen Frauen aus. Bei den türkischstämmigen Männern stagnieren die Werte im Vergleich zu 2005.

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Bildung in Deutschland: Migranten mit Sorgen, Azubis gesucht

Foto: DIPF - Bildung in Deutschland 2014

Doch auch abseits des in vielen anderen Studien identifizierten Problems der Abgehängten sehen die Autoren Unbill auf das deutsche Bildungssystem zukommen - durch längerfristige Trends. So überstieg im Jahr 2013 erstmals die Zahl der Studienanfänger jene der Neueinsteiger ins duale System - es gab also erstmals mehr neue Studenten als neue Azubis.

Zwar werten die Forscher den Zuspruch für die Hochschulen als erfreulich. Abitur plus Studium bleibe "der Königsweg der Bildung in Deutschland", so Martin Baethge vom Soziologischen Forschungsinstitut an der Universität Göttingen. Doch habe die Studienfixierung bei rückläufigen Schülerzahlen ihren Preis. "Wir werden Probleme im dualen System bekommen", prophezeit Baethge, und in der Folge womöglich einen Mangel an Fachkräften auf der mittleren Ebene der Unternehmen.

Deshalb warnen die Forscher vor einer "Konkurrenz zwischen den Sektoren" durch die "anhaltende Verschiebung der Bildungsströme von der beruflichen Bildung zur Hochschulbildung". Mögliche Folge: Während das von Deutschland international als Erfolgsmodell gepriesene duale System mangels Nachwuchs in Schieflage zu geraten drohe, sähen sich die Hochschulen zunehmend mit Studenten konfrontiert, die früher eine Lehre absolviert hätten.

Nach oben weist neben der Zahl der Erstsemester auch die Kurve der in Kitas und Kindergärten betreuten Kleinkinder. Gestützt durch 2013 eingeführten Rechtsanspruch habe in den vergangenen Jahren der Schwerpunkt auf dem "quantitativen Ausbau" gelegen, heißt es im Bildungsbericht. Positive Folge: Es gibt nur wenige Klagen von Eltern, die für ihr Kind keinen Betreuungsplatz finden konnten.

Bei Ganztagsschulen "zwischen halb und ganz"

Dafür mahnt die Autorengruppe mehr Qualität in den Einrichtungen an. Besonders in den ostdeutschen Bundesländern sei der Betreuungsschlüssel schlecht, eine Erzieherin muss dort also zu viele Kinder in einer Gruppe betreuen. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Fortsetzung der Betreuung der älteren Kinder in der Ganztagsschule. Auch für sie fordern die Wissenschaftler ein "klares pädagogisches Konzept" und "übergreifende Standards" ein.

Deutschland müsse sich entscheiden, ob es zu einer Nation der Ganztagsschulen werden wolle oder nicht, meint der Erziehungswissenschaftler Thomas Rauschenbach, Leiter des Deutschen Jugendinstituts in München. "Wir befinden uns zwischen halb und ganz." Gebundene Ganztagsschulen seien in Deutschland die Ausnahme. Zwar plädieren die Autoren nicht für eine Ganztagspflicht, doch fordert Rauschenbach "mehr Verbindlichkeit für alle Beteiligten" ein.

Am meisten zu knabbern haben dürfte die Politik an den Aussagen des Bildungsberichts zur Situation von behinderten Menschen im Bildungssystem. Tenor: Bevor die Integration behinderter Schüler in die Regelschulen als politisches Großprojekt ausgerufen werde, müsse erst einmal klar sein, "wo welche Schülerinnen und Schüler inkludiert werden". Nötig sei ein koordiniertes Vorgehen zwischen Bund und Ländern und den beteiligten Akteuren untereinander.

Es gebe "ein historisch gewachsenes Bildungssystem, das dem Grundsatz optimaler Förderung von Menschen mit Behinderungen durch institutionelle Differenzierung Rechnung zu tragen sucht". Gemeint sind die vielgescholtenen Förder- und Sonderschulen, die sich durch den Bildungsbericht durchaus gestützt fühlen können.

Denn diese Schulart komplett abzuschaffen, wie es manche Inklusionsbefürworter wünschen, halten die Autoren des Bildungsberichts für falsch. Sprecher Hasselhorn schätzt, dass für etwa zwei Prozent der Schüler Sonderschulplätze vorgehalten werden müssten, weil sie nicht ins Regelschulsystem passten. Laut Bildungsbericht liegt der Anteil der Förderschüler bundesweit allerdings noch bei rund fünf Prozent.

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Foto: Peter Steffen/ picture-alliance/ dpa

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