Bildungsabschlüsse Kultusminister finden Abi wertvoller als Lehre

Gymnasium schlägt betriebliche Ausbildung? Geht es nach den Kultusministern der Länder, sind manche Lehrberufe weniger wert als ein Abitur. Gewerkschaften und Handwerk sind empört und sehen die duale Ausbildung entwertet. Ab 2012 soll eine neue Punkteskala gelten.

Auszubildender am Bohrer: Abitur schlägt Lehre, finden zumindest die Kultusminister
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Auszubildender am Bohrer: Abitur schlägt Lehre, finden zumindest die Kultusminister

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Hamburg - Sind junge Erwachsene mit Abitur qualifizierter als Absolventen von Lehrberufen? Und ist der höchste Schulabschluss überhaupt mit einer dreijährigen Lehre vergleichbar? Mit diesen Fragen beschäftigt sich in diesen Wochen die Kultusministerkonferenz (KMK).

Monatelang gab es Streit um die Bewertung von Abitur und Lehre, am Donnerstag haben sich die Kultusminister geeinigt: Ihrer Auffassung nach ist das Abitur in der Regel ein höherwertiger Abschluss als eine abgeschlossene Lehre. Im Statement der KMK vom Freitag heißt es dazu verklausuliert: "Die Länderminister befürworten, sowohl die Allgemeine Hochschulreife und die Fachgebundene Hochschulreife als auch entsprechende Berufsabschlüsse auf Stufe 5 der europäischen Skala von Bildungsabschlüssen zu verorten."

Hinter den "entsprechenden Berufsabschlüssen" sollen sich "anspruchsvolle" Lehrberufe verbergen, zum Beispiel Berufe aus dem Gesundheitswesen, berichtet die Nachrichtenagentur dpa. Demnach soll das Abitur auf der neuen europäischen Punkteskala wie das Fach-Abitur auf Stufe 5 stehen, während dreijährige Lehrabschlüsse meist auf Stufe 4 rangieren. Für zweijährige Ausbildungen sei Stufe 3 angedacht.

Abitur hat besondere Stellung

Die KMK erklärte ihre Entscheidung damit, dass das deutsche Abitur wie in kaum einem anderen Mitgliedsland der EU eine Studienberechtigung für jede Universität darstelle. In Deutschland gebe es, anders als häufig im Ausland, keine generellen Hochschuleingangsprüfungen vor dem Studium.

Bis zum Jahresende wollen die Bundesländer die Ausgestaltung des "Deutschen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen" (DQR) abschließen, der die Wertigkeit der verschiedenen Bildungsabschlüsse festlegen soll. Per Einordnung in eine von der EU vorgegebene Punkteskala mit den Stufen 1 bis 8 sollen die deutschen Abschlüsse mit anderen europäischen Qualifikationen vergleichbar gemacht werden. Die Stufe eines Abschlusses soll ab 2012 auf der jeweiligen Abschlussbescheinigung stehen, vom Hauptschulabschluss (Stufe 2) bis zur Promotion (Stufe 8). Der Bachelor wäre dem Meisterbrief auf Stufe 6 gleichgestellt. Für den Masterabschluss oder das Diplom soll Stufe 7 gelten. Die Stufe 1 definiert die Europäische Kommission als "grundlegendes Allgemeinwissen".

"KMK bildungspolitisch isoliert"

Vor der jetzt getroffenen Entscheidung der KMK hatten unter anderem der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) gewarnt. Der DGB erneuerte am Freitag seine Kritik: "Die Kultusminister werten die Leistung von 1,6 Millionen jungen Menschen ab, die eine duale Ausbildung machen", heißt es in einer Stellungnahme. In einem Brief an Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) schrieben DGB-Chef Michael Sommer und ZDH-Präsident Otto Kentzler bereits Mitte Oktober, das Modell der Kultusminister würde zu einem "massiven Attraktivitätsverlust" der dualen Ausbildung in Deutschland führen.

Wie die Bundesregierung und die Wirtschaft hatten Gewerkschaften und Handwerksverband dafür plädiert, das Abitur neben der erfolgreich abgeschlossenen dreijährigen Lehre auf Stufe 4 der Skala einzuordnen. Auch am Freitag kritisierte der ZDH die Entscheidung: Die KMK habe sich "bildungspolitisch isoliert", sie sei "offenbar nicht bereit, der dualen Berufsausbildung ihren angemessenen Platz im nationalen Bildungssystem einzuräumen".

Großbritannien hat sich anders entschieden

Die achtstufige Skala der Abschlüsse würde sich mit der deutschen Einordnung des Abiturs auf Stufe 5 von einigen anderen EU-Ländern unterscheiden: Malta und Großbritannien etwa haben ihre Abschlüsse, die zum Hochschulzugang berechtigen, auf Stufe 4 gesetzt.

Die Einstufung der länderspezifischen Abschlüsse soll Arbeitgebern helfen, ihre Bewerber besser einzuschätzen. Ein erster Schritt in diese Richtung war bereits die Einführung des Europasses. Seit 2004 bietet die EU jungen Menschen damit die Möglichkeit, sich mit standardisierten Dokumenten für einen Job zu bewerben. Der Europass besteht aus fünf europaweit einheitlichen Dokumenten, etwa einem Lebenslauf und einem Sprachenpass, mit dem sich die eigenen Sprachkenntnisse dokumentieren lassen.

Bisher werde der Europass allerdings noch nicht besonders stark genutzt, sagte ein Mitarbeiter des Bundesinstituts für Berufsbildung, das in Deutschland für den Europass zuständig ist. Auch die Zahl von Unternehmen, die ihn bei der Bewerbung verlangen, sei bisher gering.

mit Material von dpa



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querollo 21.10.2011
1. .
Zitat von sysopGymnasium*schlägt*betriebliche Ausbildung?*Geht es nach den Kultusministern der Länder, sind manche Lehrberufe*weniger wert als ein Abitur.*Gewerkschaften und Handwerk*sind empört und sehen die duale Ausbildung entwertet. Ab 2012 soll eine neue Punkteskala gelten. http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/0,1518,793288,00.html
Ich denke, in diesem Urteil schlägt sich weniger der tatsächliche Wert eines Abiturs nieder als vielmehr der Versuch, die akademischen Reihen fest geschlossen zu halten und es plebejischen Aufsteigern unmöglich zu machen, die Elfenbeintürme Deutschlands zu entern. Dabei funktionieren die Schutzwälle doch auch so ganz prima. Nirgends sind die Chancen von Kindern aus "bildungsfernen Schichten" so gering, zu Bildung zu gelagen, wie in Deutschland. Aber klar, wo kommwa denn dahin, wenn demnächst jeder Mechatroniker so tun könnte, als hätte er genauso viel Ahnung von - sagen wir mal Technik - wie ein Abiturient mit den Leistungsfächern Kunst, Sport und Deutsch.
b.lödheimer 21.10.2011
2. Na sowas aber auch
Dann muss ich das so verstehen, dass ein Abiturient, der sich eine Lehrstelle sucht, einen qualitativen Rückschritt macht? Geht er dann mit Berufsabschluss studieren, wird das nicht von Nachteil sein, oder? Komisch - gerade in den Bauberufen kursieren zig Annekdoten über frisch gebackene Dipl. Ing.'s, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, wenn es zur Parxis kommt.
tomrobert 21.10.2011
3. Der Wert eines Abschlusses zeigt sich am Markt!
Wer -ohne staatliche Hilfen - Geld verdienen will , der muß dem Markt etwas anbieten. Ich zweifle das ein Apiturient mehr zu bieten hat, für was ein Unternehmer oder Kunde sofort zu zahlen bereit ist , als ein gelernter Friseur , Maurer ,Installateur oder Mechaniker(global gesehen).
Hercules Rockefeller, 21.10.2011
4. Der gelernte Abiturient
Scheinbar sind es die Fähigsten der Fähigen, die die Lehrpläne an unseren Schulen entwerfen. Ich mache mir um die Zukunft dieses Landes keinerlei Sorgen mehr. Mit der Buyreuthmethode kommt man jedenfalls bis dato nicht an einen Gesellenbrief... Davon ab, mit Abitur kann man genau welchen Beruf nochmal aus dem FF? Mir fällt da spontan genau nichts ein... Wenn bei mir nächstes Mal das Bad erneuert werden soll, werde ich dem örtlichen Gymnasium den Auftrag erteilen-ich bin ja nicht blöd!
bigpeng 21.10.2011
5. Ja was, ja was...ja was wissen denn schon...
Zitat von sysopGymnasium*schlägt*betriebliche Ausbildung?*Geht es nach den Kultusministern der Länder, sind manche Lehrberufe*weniger wert als ein Abitur.*Gewerkschaften und Handwerk*sind empört und sehen die duale Ausbildung entwertet. Ab 2012 soll eine neue Punkteskala gelten. http://www.spiegel.de/schulspiegel/abi/0,1518,793288,00.html
...Kultusminister? Offensichtlich und gelinde gesagt: nicht viel!! Genauer betrachtet ist es doch nur die Bankrotterklärung ihrer Urteilsfähigkeit schlechthin. Würden Klein- und mittelständische Familienbetriebe (oft von Meistern geleitet) nur von Kultusministern (natürlich alle? mit Abitur?) geführt, so wären binnen kürzester Zeit ein Großteil dieser Betriebe garantiert bankrott! Dieses völlig daneben seiende und hoffentlich NICHT ernst genommene Gedöns spiegelt doch nur den längst überholten (ALP)Traum vom "akademisierten Proletariat" wieder. Die zum Teil nachweislich hochgradig vermurksten Bildungsreformen in jüngster Zeit sprechen doch für sich. Unser Land ist anscheinend noch nicht genug reformiert-ruiniert.
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