Bildungschancen in Frankreich Nur Naserümpfen für die Vorstadtkinder

Wachsen begabte Kinder in einer französischen Vorstadt auf, schaffen sie fast nie den Sprung an eine gute Schule. Zu groß sind die Vorurteile der besseren Gesellschaft - es sei denn, die Schüler lernen zum Beispiel Chinesisch und kämpfen sich durch wie der 13-jährige Malik.


Malik Hassanaly weiß, wie es ist, unter Vorurteilen zu leiden. Der brillante Gymnasiast, der in drei Jahren sein Abitur ablegen wird, wäre um ein Haar auf der Realschule von Saint-Denis verkümmert. "Ich konnte mich da überhaupt nicht eingewöhnen", sagt der dunkelhäutige Sohn von Einwanderern aus Madagaskar, der schon in der Grundschule zum ersten Mal ein Schuljahr übersprang.

Schülerproteste in Frankreich: "Gleiche Chancen für alle"
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Malik, 13, hatte Glück, denn seine Mutter ist eine Kämpferin. "Ich sah, wie der Junge sich mehr und mehr zurückzog, wie unglücklich er war", erzählt die 45-Jährige Nilame in ihrer winzigen Sozialwohnung in Saint-Denis, wo sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern wohnt.

Wer wie Malik und seine Familie aus einem Vorort wie Saint-Denis bei Paris kommt, wird von Direktoren angesehener Schulen in der Hauptstadt oft mit Naserümpfen bedacht, auch wenn er noch so gute Noten hat. Nur mit "Glück, weil er die richtigen Eltern hat oder die richtigen Lehrer trifft, die für ihn kämpfen", habe ein guter Schüler aus dem Ghetto eine Chance, sagt eine Schülerberaterin in Gennevilliers im Norden von Paris, die ihren Namen nicht nennen möchte.

Vorurteile und fehlende Förderung

Nilame Hassanaly fasste den Entschluss, Malik auf eine Privatschule für begabte Kinder in Paris zu schicken. Doch nach einem Schuljahr war die Kasse leer: 2500 Euro kostete ein Jahr in dem noblen Etablissement. Verzweifelt stellte die Mutter Anträge bei staatlichen und privaten Pariser Gymnasien für eine Aufnahme. Doch trotz Maliks guter Noten stieß die Bewerbung fast überall auf Ablehnung. "Aus Saint-Denis, der kann doch nicht mal unseren normalen Klassen folgen, geschweige denn unseren Klassen für Begabte", sagte der Leiter einer Pariser Privatschule zu Hassanaly.

Weil viele so denken, sind Schüler aus einem armen Stadtteil oft dazu verdonnert, auf die von Gewalt und Gleichgültigkeit gekennzeichneten Vorstadtschulen zu gehen. "Natürlich haben diese Schüler nicht die gleichen Möglichkeiten" wie Kinder aus gut situierten Stadtteilen, weiß die Schülerberaterin. Und das Problem liege nicht nur darin, dass sie "von zu Hause nicht gefördert werden". Genauso problematisch sei die Atmosphäre in den Schulen der Banlieue: "Gute Schüler sind bei den Kameraden nicht gut angesehen."

"Wir hatten Glück", meint dennoch Maliks Mutter, die ihrem Sohn jahrelang die Schulbücher der höheren Klassen im Voraus kaufte. Das staatliche Gymnasium Janson-de-Sailly hatte ein Einsehen und nahm den Jungen auf. Jetzt ist Malik jeden Morgen und Abend eineinviertel Stunden mit Bus und U-Bahn unterwegs, um in die neue Schule zu kommen. "Die Atmosphäre ist etwas lernfreundlicher", grinst der Junge, der später mal für Renault Formel-I-Rennwagen bauen möchte.

Ausgefallene Fremdsprachen hilfreich

Malik hat es geschafft, weil seine Eltern für ihn gekämpft haben und weil er diesen Weg auch wirklich gehen wollte. Zuweilen helfen auch Tricks, sagt die Schülerberaterin. "Da gibt es halt das Spiel mit den Wahlfächern: Chinesisch oder Russisch gibt es eben nur in wenigen Schulen, die meist sehr gut sind." Aber nicht jeder, der vielleicht naturwissenschaftliche Neigungen habe, sei bereit, diese Büffelei für einen Schulwechsel in Kauf zu nehmen.

Dass in den Vorstädten viele Talente verkümmern, ist mittlerweile auch in den höheren Etagen der Pariser Eliten eine Sorge. Ein Spitzengymnasium für die Banlieue fordert Richard Descoings, Chef der hochgeachteten Schule Institut d'Etudes Politiques (IEP) in Paris. Das IEP arbeitet schon jetzt mit Gymnasien in schwierigen Vorstädten zusammen, um ausgezeichneten Schülern den Zugang zu erleichtern. "Da gibt es eine unglaubliche Zahl fabelhafter Erfolgsgeschichten", sagt Descoings. Diese könnten mit einem Spitzengymnasium vor Ort "systematischer" erzielt werden. Schon im Herbst 2006 könnte es losgehen, hofft der IEP-Chef.



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