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Bildungseklat "Mr. Pisa" schlägt zurück

Die Pisa-Aufregung nimmt zu. Deutsche Kultusminister zetteln einen massiven Streit mit der OECD an. Sie denken gar an einen Pisa-Ausstieg und fordern vehement den Rücktritt des Koordinators Andreas Schleicher. Der kontert: "Eine absurde Posse."
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Kaum waren am Mittwochabend die ersten Pisa-Ergebnisse auf der Homepage einer spanischen Lehrerzeitung bekannt geworden, verkeilten sich abermals Kontrahenten, die schon seit Jahren im Streit liegen: auf der einen Seite Kultusminister aus den 16 deutschen Bildungsprovinzen, auf der anderen Seite Andreas Schleicher.

Jetzt hat sich auch Bundesbildungsministerin Annette Schavan der Kritik von Unionskollegen aus den Ländern angeschlossen. "Herr Schleicher schadet der OECD, weil er den Eindruck erweckt, immer nur ein Thema im Kopf zu haben", sagte sie der "Stuttgarter Zeitung" und spielte damit auf Schleichers Kritik am dreigliedrigen deutschen Schulsystem an. Seine aktuellen Äußerungen ließen "Zweifel aufkommen, dass er ein guter Berater für die Mitgliedsländer ist", so Schavan.

Die Kultusminister der Länder hatten heute ihre Kritik verstärkt. Als "unverständlich" bezeichnete die Kultusministerkonferenz Äußerungen Schleichers, wonach die deutschen Schüler sich bei der neuen Studie nicht verbessert hätten. Den Einpeitscher gab vor allem Niedersachsens Kultusminister Bernd Busemann. Er sprach sich dafür aus, auf längere Sicht aus der Pisa-Studie auszusteigen. "Unter diesen Umständen können wir mit Herrn Schleicher nicht weiter zusammenarbeiten. Er sollte von seinen Tätigkeiten entbunden werden", sagte Busemann und warf Schleicher mangelnde Objektivität vor: "Wir wollen einen Vergleich der Länder, aber nicht mit Ideologie berieselt werden."

Der Pisa-Koordinator der OECD in Paris weist die Kritik der deutschen Bildungspolitiker vehement zurück und lehnt einen Rücktritt ab. "Das ist doch alles eine absurde Posse", sagte er heute der Nachrichtenagentur AP. "Meine eigene Karriere ist mit der wissenschaftlichen Seriosität unserer Leistungsvergleiche verknüpft. Für die Leistungsergebnisse selbst zeichnet aber die Bildungspolitik und nicht die OECD verantwortlich."

Jetzt bitte bloß keine Schulsystemdebatte

Worum es bei dem Konflikt geht: In der neuen Pisa-Studie erreichen die 15-jährigen deutschen Schüler Platz 13 unter 57 Teilnehmerländern; drei Jahre zuvor war es noch der 18. Rang bei 40 Teilnehmern gewesen. In einem nicht sehr konkreten Statement hatte Schleicher noch am Mittwochabend gesagt, dies bedeute keine Verbesserung - wegen der geänderten Aufgabenstruktur seien beide Tests nicht vergleichbar.

Schleicher müsse zurücktreten, verlangte daraufhin Karin Wolff als Sprecherin der CDU/CSU-Kultusminister. Unterstützung fand sie unter anderem beim Deutschen Lehrerverband und beim Philologenverband. Die Hauptvorwürfe gegen Schleicher:

  • Er habe sich noch vor der Pisa-Veröffentlichung am kommenden Dienstag zum Abschneiden der deutschen 15-Jährigen geäußert und damit als OECD-Mitarbeiter selbst die Sperrfrist gebrochen - "ein einmaliger Vorgang", so Wolff. Die Kultusminister seien wegen der Kommentierung "grob verärgert".

  • Schleicher hält es für nicht möglich, aus dem Länder-Ranking Schlussfolgerungen über die Verbesserungen oder Verschlechterungen der Schülerleistungen zu ziehen. Ihm halten die Kultusminister vor, die deutschen Leistungen schlechtzureden. Sie sehen klare Verbesserungen der deutschen Schüler und einen "Beleg für das Wirken der Reformbemühungen im deutschen Schulsystem".

  • Schleicher ist ein Gegner des dreigliedrigen Schulsystems ("ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert") und der frühen Sortierung der Schüler. Die meisten Kultusminister sehen das völlig anders und ärgern sich schon seit Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie im Dezember 2001 über Schleichers Kommentare. Sie wollen das Reizthema vermeiden - das meint Busemann mit "Berieselung durch Ideologie".

Andreas Schleicher wehrte sich heute gegen die Kritik. Nationale Ergebnisse werde die OECD bis zum nächsten Dienstag nicht kommentieren, antwortete er in einer E-Mail an SPIEGEL ONLINE. Er werde "deshalb auch keine Stellungnahme zu etwaigen Veränderungen der Schülerleistungen abgegeben (und hat dies entgegen anderweitiger Unterstellungen von Seiten der Kultusminister auch bislang nicht getan)".

Zur Beurteilung der Schülerleistungen erklärte Schleicher, dies sei "nur in den Bereichen Lesen (2000-2006) und Mathematik (2000-2003) möglich", bei den naturwissenschaftlichen Aufgaben aber nur für einen "eingeschränkten Fragekomplex". Dies geschehe am nächsten Dienstag - "ich hoffe, dass diejenigen, die jetzt vorschnelle Schlüsse ziehen, das dann auch genau lesen werden", so Schleicher in einem Interview.

Zur verfrühten Veröffentlichung kündigte Schleicher Sanktionen gegen Spanien an, das Verfahren sei mit den Mitgliedsstaaten bereits abgestimmt. Die OECD und er selbst hätten keinerlei Bewertung der Pisa-Ergebnisse vorgenommen: "Unser Generalsekretär hat der Öffentlichkeit lediglich die Daten zugänglich gemacht, die aus Spanien durchgesickert waren." Das tue die OECD aus Gründen der Fairness gegenüber den Medien in derartigen Fällen immer.

Watschen-Kommando aus den deutschen Provinzen

Sind Vergleiche der Schülerleistungen in der neuen mit den bisherigen Pisa-Studien wirklich kaum möglich? Auf der wissenschaftlichen Ebene widerspricht Manfred Prenzel, Sprecher des nationalen Pisa-Konsortiums, Schleicher: Pisa 2006 und 2003 seien "sehr wohl vergleichbar", da die Rahmenkonzeption sich kaum unterscheide.

Jürgen Zöllner (SPD), Präsident der Kultusministerkonferenz, drückte sich etwas gewunden aus: "Das deutsche Bildungssystem ist auf aussagekräftige Testverfahren angewiesen, die insbesondere eine Vergleichbarkeit von Ergebnissen im Zeitverlauf einschließen müssen", erklärte der Berliner Bildungssenator. Amtskollegen wurden deutlicher: Wenn eine Vergleichsstudie bestellt und mit drei Millionen Euro bezahlt werde, müsse auch eine Vergleichsstudie geliefert werden, sagte Bernd Busemann. Er werde "das Thema Schleicher und die Differenz zwischen Pisa-Auftrag und Pisa-Studie" auf die Tagesordnung der nächsten KMK setzen. "Wenn Andreas Schleicher nicht von der Funktion des Pisa-Beauftragten abberufen wird, werden wir die weitere Zusammenarbeit mit der OECD einstellen", drohte Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau (CDU) in einer Landtagssitzung.

Minister mit Statistikeritis infiziert

Busemann hält diesen Schritt für überfällig. "Vor lauter Statistikeritis kommen wir gar nicht mehr zum Arbeiten", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Ein nationales Vergleichssystem sei bereits im Aufbau; bereits von 2009 an wollten die Kultusminister den innerdeutschen Bundesländer-vergleich nach eigenen Kriterien organisieren. Dabei hatten sie die Teilnahme an der Pisa-Studie erst kürzlich bekräftigt. Der Vertrag bindet sie noch bis zur nächsten Pisa-Studie 2009; zur Verlängerung bis 2015 gibt es bislang nur eine Absichtserklärung.

Die Grünen im niedersächsischen Landtag attestierten Busemann "Muffensausen vor dem internationalen Vergleich". Seine Beschwerden über zu viel statistische Vergleiche seien unglaubwürdig, weil Busemann selbst zahlreiche Vergleichstests und Prüfungen an den Schulen eingeführt habe.

Schleicher hält es für selbstverständlich, dass Bildungsergebnisse heute nur in einer globalen Perspektive bewertet werden: "Die Staaten, die an Pisa 2006 teilgenommen haben, machen fast 90 Prozent des Weltwirtschaftsproduktes aus, und der Kreis wird größer. Im Dunkeln sehen alle Schüler, Schulen und Bildungssysteme gleich aus. Was man nicht misst, kann man auch nicht verbessern."

Auch Marianne Demmer von der Bildungsgewerkschaft GEW wies Ausstiegsüberlegungen zurück. "Deutschland darf sich international nicht erneut isolieren", sagte sie. "Einige Unionskultusminister ärgern sich offenbar schwarz, dass sie nicht mehr die absolute Kontrolle darüber haben, welche Fakten über das deutsche Schulwesen bekannt werden."