Jungs als Bildungsverlierer Wenn du denkst, du bist schlecht, dann bist du auch schlecht

Jungs haben schlechtere Noten als Mädchen und besuchen seltener ein Gymnasium. Und Jungs, die das wissen, werden in Prüfungen noch schlechter. Bildungsforscher Martin Latsch erklärt im Interview, warum Klischees oft selbsterfüllende Prophezeiungen sind.
Schüler beim Abitur: Schlechtere Noten als die Mädchen

Schüler beim Abitur: Schlechtere Noten als die Mädchen

Foto: Felix K‰stle/ picture alliance / dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Latsch, Jungen sind weniger leistungsbereit, sie haben schlechtere Noten und besuchen seltener das Gymnasium als Mädchen. Sie sagen, das Wissen darum schmälere die Leistung von Jungen in Prüfungen. Wie kann das sein?

Latsch: Weil sie sich von ihrem Geschlechterbild bedroht fühlen. Es handelt sich um ein Phänomen, das Psychologen "Stereotype Threat" nennen: Ein Mensch hat Angst, ein negatives Vorurteil über ihn durch sein Handeln zu bestätigen. Und bei Jungs, die schlecht abschneiden, ist genau das der Fall, zeigen meine Experimente.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das herausgefunden?

Latsch: Zunächst haben wir eine Gruppe von Schülern Aufgaben aus Deutsch und Mathematik lösen lassen, um ihren Leistungsstand zu überprüfen. Dann las die Hälfte der Kinder einen "Jungen sind doof"-Artikel: Darin stand, Jungen seien langsamer, erhielten schlechtere Noten und besuchten schlechtere Schulen als Mädchen. Der Text sah aus wie ein SPIEGEL-Artikel. Die andere Hälfte las einen Text, der nichts mit Schule zu tun hatte. Anschließend mussten die Kinder wieder Mathe- und Deutschaufgaben lösen, die gleich schwierig waren wie die Aufgaben zu Anfang.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchem Ergebnis?

Latsch: Die Jungs, die über Bildungsverlierer gelesen hatten, lösten ihre Deutschaufgaben nun schlechter. Die Mädchen hingegen fühlten sich durch die Lektüre bestärkt und wurden noch besser. Die Kontrollgruppe, die einen ganz anderen Text gelesen hatte, zeigte gleichbleibende Leistungen.

SPIEGEL ONLINE: Jungen reagieren auf die "Jungs sind doof"-Berichterstattung mit schlechteren Leistungen?

Latsch: Ja, sie werden in dem Fach schlecht, in dem das Gefühl haben, es kursierten Vorurteile gegen sie. In unserem Experiment war es das Fach Deutsch, weil dort laut Geschlechterklischee Jungen hinterherhinken. In der Prüfungssituation wurde das Klischee zur selbsterfüllenden Prophezeiung. In Mathematik haben sie trotzdem weiter an sich geglaubt, dort blieben die Leistungen gleich.

SPIEGEL ONLINE: Geben Sie also der Bildungsberichterstattung die Schuld für das schlechtere Abschneiden von Jungs in der Schule?

Latsch: Nein, meine Ergebnisse sollten nicht als Medienkritik aufgefasst werden. Die Wechselwirkung zwischen Medien und Schulleistung ist noch unklar. Trotzdem entwickeln sich schon im Kindergartenalter erste Geschlechterklischees: Jungs werden eher Ingenieur, Mädchen eher Krankenschwester. Die Gesellschaft ist medial geprägt, und Geschlechterklischees finden so leichter ihre Verbreitung.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Lehrer? Könnte das Medien-Stereotyp der "Bildungsverlierer Jungen" als Ausrede herhalten, um den lauten, nervigen, unbequemen Jungs für die gleiche Leistung schlechtere Noten zu geben?

Latsch: Es gibt die Theorie, dass Lehrerinnen ihren Impuls, den im Sozialverhalten weniger angepassten Jungen schlechtere Noten zu geben, durch den Transport medialer Klischees weniger zügeln. Aber es ist eine sehr strittige Erklärung, Studien beweisen diesen Ansatz nicht.

SPIEGEL ONLINE: Können denn Jungen und Mädchen von Geburt an alles gleich gut?

Latsch: Nein, auch wenn viele Kollegen das anders sehen. Es gibt meiner wissenschaftlichen Meinung nach Bereiche, für die Jungen und Mädchen unterschiedlich veranlagt sind. Davon sollte man sich aber nicht zu stark leiten lassen. Die Gemeinsamkeiten zwischen den Geschlechtern überwiegen, aber dort, wo es Unterschiede gibt, muss eine Gleichheit hergestellt werden - das ist Aufgabe der Schule.

Das Interview führte Carola Padtberg-Kruse
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