Bildungsgipfel "Frau Merkel, jetzt ist Zeit für einen Dialog"

Gerade mal für zwei Stunden treffen sich die Regierungschefs zum groß angekündigten Bildungsgipfel. Der Rest des Tages ist ein ausgedehnter Fototermin, bei dem Kanzlerin Merkel und Bildungsministerin Schavan den Dialog mit Schülern simulieren. Die Bildungsshow trägt Züge von Loriot-Szenen.


Dresden - "Was möchtest du denn später einmal werden?", fragt Bundesbildungsministerin Annette Schavan mehrere Fünfjährige. "Reiterin", antwortet ihr ein kleines Mädchen. Leicht irritiert wendet sich Schavan dem nächsten Kind zu, das ihr erklärt, "Tierärztin nur für Katzen und Eulen" werden zu wollen. "Möchtest du uns sonst noch etwas sagen?", erkundigt sich die Ministerin aufgeschlossen. "Nein", entgegnet das Kind.

Kanzlerin Merkel: Was wünschen sich Schüler?
DPA

Kanzlerin Merkel: Was wünschen sich Schüler?

Die Szene erinnert an Loriot und spielt sich ab beim "Schülerdialog des Netzwerks Wissensfabrik", der dem Bildungsgipfel in Dresden vorgeschaltet ist. Heerscharen von Journalisten warten ungeduldig darauf, dass Schavan, Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bundesarbeitsminister Olaf Scholz und die 16 Ministerpräsidenten sich zu einem Gespräch treffen, das lediglich zwei Stunden dauert, aber als "nationaler Bildungsgipfel" firmiert. Zuvor können sie erfahren, wie sich Kinder und Jugendliche Bildung wünschen.

Monatelang haben Bund und Länder über Bildungskompetenzen und -finanzierung gestritten und versucht, sich auf eine Erklärung zu einigen, mit der alle leben können und bei der keiner sein Gesicht verliert. Mathematisch formuliert: der kleinste gemeinsame Nenner. Derweil haben Schüler im ganzen Land sich Gedanken gemacht, wie das ideale Klassenzimmer aussieht und was einen perfekten Schulalltag ausmacht.

Das Ganze geschah im Rahmen des Netzwerks Wissensfabrik, in dem 67 Unternehmen in mehr als 900 Partnerschaften mit Schulen und Kindergärten zusammenarbeiten. Ein paar Dutzend Kinder und Jugendliche aus Kindergärten, Grundschulen, Realschulen und Gymnasien in Deutschland sind mit Ideen angereist, um der Politik beim Bildungsgipfel unter die Arme greifen.

"Wir sehen: An der Schule bewegt sich was!"

Nun also haben sie die einmalige Gelegenheit, Politikern ihr Anliegen vorzutragen. Schavan ist zuerst dran: Nacheinander schaut sie sich an, was vier verschiedene Altersgruppen erarbeitet haben, und wirft im Licht der Fernsehkameras und Fotoapparate die eine oder andere Frage ein. Die Fünfjährigen erzählen ihre Berufswünsche, die Grundschüler erklären, was sie sich vom Unterricht wünschen, Schüler einer 6. Klasse haben ihr Wunschklassenzimmer im Miniformat gebaut. Und Zehntklässler führen ein kurzes Theaterstück auf, mit dem sie zeigen, wie sie sich die ideale Schule vorstellen.

Danach fragt Schavan die Schüler, ob sich denn an ihrer Schule in den letzten Jahren etwas positiv verändert habe. Es gebe mehr AGs, die Schüler hätten Interesse an Sprachen, und wegen der Ganztagsschule sei jetzt auch eine Mensa gebaut worden, bekommt sie zu hören. "Wir sehen: An der Schule bewegt sich was!", ruft die Ministerin begeistert. Danach entsteht kurz eine peinliche Stille, bevor der Tross weiterwandert zu Auszubildenden des Chip-Herstellers AMD, in dessen Räumlichkeiten der Gipfel stattfindet.

Wenig später treffen Merkel, Scholz und die Ministerpräsidenten ein - und das ganze Spiel beginnt von vorn. Mit dem Unterschied, dass nun Merkel im rosa Jackett inmitten von Schülern und grau gekleideten Herren sitzt und die eine oder andere Frage einwirft.

Abhängen, bis der Bus kommt

"Frau Merkel, jetzt ist Zeit für einen Dialog", ruft ihr eine Mitarbeiterin des Projekts zu. "Ja, warum nicht?", antwortet die Kanzlerin. Und so plaudert sie mit Grundschulkindern auf Englisch und hört sich an, dass Sechstklässler auch gerne einen "Chill-out-Raum zum Abhängen" hätten - "auch wegen der vielen Buskinder". Merkel nickt wissend, als sei ihr das Thema "Abhängen, bis der Bus kommt" bestens vertraut.

Kanzlerin Merkel (rechts), Bildungsministerin Schavan: Schnell, schnell zum nächsten Fototermin
DPA

Kanzlerin Merkel (rechts), Bildungsministerin Schavan: Schnell, schnell zum nächsten Fototermin

Peer-Ole geht noch in die Kita, für die Zukunft hat er sich aber viel vorgenommen. Bauarbeiter will er werden - aber nur montags und mittwochs bis freitags. Am Wochenende plant er eine Karriere als Eismann, und "immer am Dienstag" als Polizist. So viel Flexibilität stößt auch bei der Bundeskanzlerin auf Begeisterung. Sie schaut sich die Ideen der Kinder an, lugt in Klassenzimmer aus Pappe und plaudert im Eiltempo mit Schülern.

"Wir hatten Spaß und wir mussten arbeiten", erklärt der Sechstklässler Josua, der in Teamarbeit ein kleines Klassenzimmer erstellt hat. "Wir hatten Spaß daran, dass wir zusammenarbeiten durften", präzisiert er anschließend brav. Josua und sein Freund Sven kommen aus der Nähe von Stuttgart. Josua und Sven hätten die deutsche Bildungsmisere längst gelöst - ganz ohne Streit um Geld und Zuständigkeiten. Bei ihren Vorschlägen sind sich die Sechstklässler einig: Sie wollen mehr Bewegung in der Schule, mehr Entscheidungsfreiheit, was man lernen will, mehr Vielfalt im Unterricht - und eine "Chill-out-Ecke" im Klassenzimmer.

"Damit der Lehrer auch was zum Ausruhen hat"

Das "perfekte Kassenzimmer" von Josua und Sven besteht noch aus Pappkarton, Holzstücken und Stoffresten. Der Boden ist rot, die Wände blau, an den Fenstern hängen bunte Vorhänge, Pflanzen ranken durch den Raum, und auf einer zweiten Ebene über den Tischen und Stühlen steht ein großes rosafarbenes Sofa. "Da kann man sich zwischendurch ausruhen", sagt Sven.

Neben dem Sofa ist viel Platz zum Toben. Kein Vergleich zu ihrem Klassenzimmer im richtigen Leben. "Da ist alles weiß und grau und unbequem", mosern die beiden. Auch an die Lehrer haben sie bei ihren Plänen gedacht. Das Lehrerpult ist rot, extra breit und weich gepolstert - gerade ausreichend, um erschöpft darauf zusammenzusacken. "Damit der Lehrer auch was zum Ausruhen hat", sagt Josua.

Hellhörig wird die Kanzlerin, als ein paar Gymnasiasten vorschlagen, dass sich Schüler ihre Lehrer selbst aussuchen - und auch den Zeitpunkt, wann sie ihre Prüfungen machen wollen. Merkel hakt nach und verfällt in Verhandlungstaktik. "Wäret ihr denn mit einem Zeitlimit einverstanden?", fragt sie. Schließlich dürfe die Schulzeit nicht bei jedem gleich zwei Jahre länger dauern. Die Schüler nicken - und Merkel grinst zufrieden. Für sie ist es eines der wenigen Verhandlungsergebnisse beim Bildungsgipfel, das ganz ohne Gegenwehr zustande kommt.

Noch einmal bricht heftiges Blitzlichtgewitter aus, als die Physikerin Merkel in das Mikroskop der AMD-Azubis schaut. Dann ruft BASF-Chef Jürgen Hambrecht den Kindern laut zu: "Danke, dass ihr hergekommen seid - es war einfach superklasse!" Auch Merkel bedankt sich bei den Kindern, und der ganze Tross rauscht ab, um beim Bildungsgipfel abzuhängen. Bis der Bus kommt, der die Teilnehmer zum nächsten Programmpunkt bringt.

jol/AP/ddp

insgesamt 221 Beiträge
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Seite 1
Nik-Las 21.10.2008
1.
Zitat von sysopDer Herbst sollte im Zeichen der Bildung stehen und zur Krönung sollte es ein Gipfeltreffen von Bund und Ländern geben. Doch der Gipfel scheint ein Flop zu werden. Eine reine Showveranstaltung? Diskutieren Sie mit.
Natürlich. Aber wenn dem Gipfel effektive Gespräche folgen, bzw. vorher selbige stattfinden ist das wurscht.
kdshp 21.10.2008
2.
Zitat von sysopDer Herbst sollte im Zeichen der Bildung stehen und zur Krönung sollte es ein Gipfeltreffen von Bund und Ländern geben. Doch der Gipfel scheint ein Flop zu werden. Eine reine Showveranstaltung? Diskutieren Sie mit.
Hallo, hier fängt das problem doch schon an also mit dem GIPFEL....... ! Gipfeltreffen Unter einem Gipfeltreffen (auch Gipfelkonferenz oder kurz "Gipfel") versteht man eine Konferenz *führender Politiker*. (Quelle wikipedia) Wo haben wir den politiker die führen ? Ich erlebe nur "chaos" und lese auch ständig das entweder die SPD oder mal die CDU keine führung hat. Oder jetzt das führungs-chaos in bayern sagt doch schon alles wie es um unsere FÜHRER steht. Oder das jetzt gerade CDU bundesländer frau merkel in den rücken fallen sagt doch schon alles. Wenn sich die CDU nicht mal vorher zusammensetzt und EINE (1) linie findet wie soll das dann parteiübergreifend erst funktionieren ? Vielen scheint gar nicht klar zu seinw as das heißt was da immer noch so aus der CDU richtung kommt. BILDUNG wird es nicht mehr umsonst geben ! Das heißt doch ganz klar das der staat weniger als jetzt dazu tuen wird/soll und die leute mehr selber dazu tuen müssen. Wie kann dann jetzt frau merkel hingehen und geld von eben diesen bundesländern fordern ? Wiedersprüchlicher gehts ja nimmer ! Ich finde frau merkel lebt gar nicht in der realen CDU sondern in einer art LEGO CDU welt was diese wiedersprüche erklärt. Meine meinung nach kommen wir aus diesem kompetenz chaos nur raus wenn wir mehr verantwortung nach berlin verlagern was die großen dinge angeht wie hier die bildung. Gleichzeitig muss bei den bundesländern politik abgebaut werden und sich den neuen gegebenheiten anpassen die die neue globale welt und gerade die EU "fordert". Hier steckt auch viel bürokratie drin die uns viel kostet und woanders fehlt wie eben bei der bildung. Hier mal ein link der einem klar macht was wir in D alles doppelt haben und vorallem wieviel : http://www.gksoft.com/govt/en/de.html Bürokratieabbau heißt auch (finde ich) zentralisieren um kosten zu sparen bzw. das geld dann für andere dinge zu haben.
solonas 21.10.2008
3. Vorwärts und nicht vergessen
Alle diese großspurigen Bildungsexperten, die häufig kaum Ahnung davon haben, was in den Schulen wirklich passiert, haben jahrzehntelang Zeit gehabt, es besser zu machen. Egal ob SPD, CDU, FDP oder Grüne: Sie hatten immer wieder Gelegenheit, zu beweisen, dass sie gute Bildungspolitik machen. Herausgekommen ist ein marodes System, das weder den Anforderungen der Wirtschaft noch den Interessen der Lernenden entspricht. Wenn ich mir die Schule anschaue, in der ich arbeite, kann ich über solche Veranstaltungen nur noch lachen. Ich arbeite an einem Gymnasium in einem der reichsten Kreise der Bundesrepublik und die Geräte in der Physik sind aus den 60er Jahren, es regnet durch das Dach, die Klos stinken zum Himmel. Technisches Personal gibt es keins: Die mit A15 hoch bezahlten Lehrer wechseln Beamerlampen aus, reparieren Mäuse, verwalten Bibliotheken, verwenden ca 15 % ihrer Unterrichtszeit damit, Listen auszufüllen und zu überprüfen, Papier in den Kopierer zu legen. etc pp. Es fällt sicherlich niemandem ein Zacken aus der Krone, dies alles zu machen, aber es ist eine volkswirtschaftliche Verschwendung, die Fähigkeiten der Lehrer derart brach liegen zu lassen. Ich habe lange in der sogenannten 'Freien Wirtschaft' gearbeitet. Zustände wie die an unseren Schulen konnte ich immer in den Betrieben beobachten, die kurz vor der Pleite standen. Nur: hier zahlen die Zeche die künftigen Generationen, die sind aber noch keine Wähler oder Konsumenten und daher eine vernachlässigbare Größe. Solonas
solarfighter, 21.10.2008
4. Nichts neues im Westen.
Zitat von sysopDer Herbst sollte im Zeichen der Bildung stehen und zur Krönung sollte es ein Gipfeltreffen von Bund und Ländern geben. Doch der Gipfel scheint ein Flop zu werden. Eine reine Showveranstaltung? Diskutieren Sie mit.
Gibt es neue Erkenntnisse, die solch einen Gipfel notwendig machen? Nein. Jedenfalls nichts, was Bewegung in die verhärteten Fronten Schulsystem/Studiengebühren bringen würde. Gibt es Geld zu verteilen? Wie damals, bei der sog. Exzellenz-Initiative? Auch nicht. Spätestens nach dem Auflegen der Finanzspritzen für unsere Kreditinstitute, ist die Kasse leer. Hat Merkel ein Konzept für eine Umgestaltung des Bildungssystems, über das zu diskutieren wäre? Ich mir nicht bekannt. Warum sollte man sich also treffen? Es riecht mir mehr nach einem ziemlich verunglückten Showvehikel für Merkel um so etwas wie Führung und Initiative darzustellen. Es wird wohl den selben Weg gehen, wie alle Aktionen, die sich nicht auf das Ausweiden der Fehler der SPD beschränken: Es wird ein Flop.
Ohli 21.10.2008
5. Bildung in Deutschland
Zitat von sysopDer Herbst sollte im Zeichen der Bildung stehen und zur Krönung sollte es ein Gipfeltreffen von Bund und Ländern geben. Doch der Gipfel scheint ein Flop zu werden. Eine reine Showveranstaltung? Diskutieren Sie mit.
Ich glaube nicht, dass dies eine reine Showveranstaltung wird. "Rhetorikspezialisten" werden darüber diskutieren wie man dem Volk am besten verkaufen kann, dass alles gut ist, wie es ist. Zehntausende von Stellen wurden im Bildungssektor in den letzten Jahren gestrichen. Durch Studiengebühren, will man erreichen, dass zukünfig nur noch die "Elite" an gut dotierte Posten kommt. Das Volk der Dichter und Denker, soll vor allem keine Zeit mehr zum Denken haben. Ich kann nur alle Foristen bitten, den eigenen Bekanntenkreis zu ermutigen vom Wahlrecht im nächsten Jahr Gebrauch zu machen. Und wenn man sich für keine Partei entscheiden kann, seine/ihre Stimme ungültig zu machen. Denn auch die wird gezählt. Dies wäre auch eine Form von Protest.
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