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10. Mai 2013, 17:56 Uhr

Britischer Geschichtsunterricht

Und Fussy Hitler hieß er ja wohl nicht

Wem ähneln Hitler und Göring am ehesten, dem pingeligen Mister Fussy aus der Bilderbuchreihe "Mister Men"? Oder doch dem verwirrten Mister Topsy-Turvy? Solche Aufgaben sollen britische Teenager in der Mittelstufe lösen - was der Bildungsminister gar nicht witzig findet.

Wir erwarten zu wenig von unseren Schülern! Mit diesem Satz lässt sich eine Rede des britischen Bildungsministers Michael Gove zusammenfassen, in der er die Zustände an den Schulen im Königreich hart kritisiert und eine Diskussion um das Lehr- und Lernniveau im Land ausgelöst hat. Viele Lehrer würden ihre Schüler, die kurz vor dem Studium stünden, behandeln wie Kleinkinder, so wird der konservative Politiker im "Guardian" zitiert.

Ein besonders deutliches Beispiel aus dem Geschichtsunterricht führt Gove an: 15- und 16-jährige Schüler sollen anhand von Charakteren aus der Erklär-Bilderbuchserie "Mister Men", die in Deutschland in den achtziger Jahren unter dem Titel "Unsere kleinen Damen und Herren" bekannt wurde, die Geschichte des "Dritten Reiches" erklären. Die Bilderbuchserie funktioniert darüber, dass den Figuren ihre Haupteigenschaften und Charakterzüge als Namen zugeordnet werden - wie "Mister Tickle" oder "Mister Happy".

Die Aufgabenstellung für die Jugendlichen lautet in etwa so: Sie sollen sich Gedanken machen über Hitler, Hindenburg sowie Göring und anschließend bestimmen, welche Charaktere der "Mister Men"-Serie wohl dazu passen. Er könne sich nicht vorstellen, so Gove dem "Guardian" zufolge, dass sich die "dunkelsten Jahre deutscher Geschichte auf ein Zerwürfnis zwischen Mister Tickle und Mister Topsy-Turvy" reduzieren lassen. Er wettert gegen eine "Infantilisierung". Statt die Werke herausragender Historiker in den Unterricht einzubinden, würden Comichefte als Lehrbücher missbraucht.

"Akademischer Snobismus"

Allerdings verkürzt Gove die Aufgabenstellung. Es geht eben nicht darum, dass 16-jährige Jugendliche nur noch mit Mister Fuzzy klarkommen, sondern die Mittelstufenschüler sollen den historischen Stoff mit Hilfe der Bilderbuchfiguren so aufbereiten, dass auch jüngere Kinder ihn verstehen würden.

Russell Tarr, verantwortlich für die "Active History"-Website, auf der Lehrangebote für Geschichte zu finden sind, weist die Kritik denn auch zurück. Goves Vorwürfe seien "akademischer Snobismus", wie er dem "Guardian" sagte. Die "Mister Men"-Methode sei lediglich der Abschluss eines sechswöchigen Exkurses, zu dem beispielsweise auch ein detaillierter Essay von über 1000 Wörtern zähle.

Von Infantilisierung könne keine Rede sein, aber Bildung könne man mit vielen verschiedenen Techniken vermitteln. "Ich versuche keineswegs, Schülern die abgespeckte Version von Geschichte zu vermitteln - ich versuche lediglich, sie für ein Thema zu interessieren", so Tarr. Der Sinn der Aufgabe liege darin, das Gelernte auf verschiedenen Wegen wiedergeben zu können.

Gove kündigte dagegen eine gründliche Überprüfung der bisherigen Lehrpläne an. Ziel sei es, Kindern richtige Bildung zu vermitteln. Statt "Twilight" sollten sie "Middlemarch" lesen, statt "Angry Bird" zu spielen, sollten sie programmieren und sportliche Leistungen anstreben. "Schneller, höher und stärker", so lautet Goves Devise. "Ich glaube, wir müssen mehr - viel mehr- von unserem Bildungssystem verlangen."

Ins Visier nimmt Gove auch die aus seiner Sicht mangelnden Englischkenntnisse vieler Schüler. Wie komme es, dass nach sieben Schuljahren eines von sieben Kindern in Großbritannien noch nicht richtig lesen und schreiben könne? Das fragt sich der Minister in seiner Rede am Brighton College, gehalten vor vielen Eltern.

Kritiker halten Goves Ideen jedoch nicht für umsetzungsfähig. Die Präsidenten der "Royal Historical Society", der "Historical Association", der Bildungsgruppe "History UK" und Mitglieder der "British Academy" werfen Gove vor, er würde mit seinen strengeren Methoden verhindern, dass Kinder Zugang zu breiter Bildung bekommen.

juj

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