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18. Juli 2002, 10:01 Uhr

Bildungsmisere

Die guten Tipps der Pisa-Weisen

Von Rüdiger Strauch

Deutschlands Bildungsexperten sind selbst gelehrige Schüler. Nach dem Fiasko deutscher Schulen bei der internationalen Pisa-Studie orientieren sie sich bereitwillig am Musterland Finnland - inhaltliche Kontur gewinnt die Bildungsdebatte deswegen noch lange nicht.

Heile finnische Bildungswelt: Deutschland möchte von den Skandinaviern lernen
DDP

Heile finnische Bildungswelt: Deutschland möchte von den Skandinaviern lernen

Berlin - Rainer Domisch ist bescheiden geblieben. In den letzten sechs Monaten war der gebürtige Schwabe in Deutschland stets dann ein gefragter Mann, wenn es um die Folgen des Pisa-Schocks geht. Seit das deutsche Bildungswesen durch die internationale Vergleichsstudie ein miserables Zeugnis ausgestellt bekam, muss Domisch in die Rolle des weisen Ratgebers schlüpfen. Er spielt seine Rolle mit der gebotenen Zurückhaltung. Und wirkt gerade deswegen so überzeugend.

Der Lehrer aus Schwäbisch Hall arbeitet seit neun Jahren am Goethe-Institut in der finnischen Hauptstadt Helsinki. Außerdem berät er die oberste Schulbehörde der Landes. Ihm, so lobt die finnische Regierung, sei es maßgeblich zu verdanken, dass der Deutschunterricht an finnischen Schulen heute gefragter sei denn je. Umgekehrt hat aber auch Domisch viel im Land der Pisa-Musterknaben lernen können.

Hohn und Spott fürs deutsche Bildungswesen

Deswegen sitzt Rainer Domisch jetzt auch hier, bei einem Bildungssymposium in Berlin. Er soll erklären, woran es im deutschen Bildungswesen hapert, wieso die Schüler allenfalls Mittelmaß sind und warum Deutschland in Sachen "Bildung" auf der Stelle tritt. Domisch weiß, dass er sich nicht zügeln muss. Nachdem so ziemlich jeder deutsche Politiker zur großen Standpauke gegen die Zustände an deutschen Schulen angehoben hat, dürfte er ruhig in die Schelte einstimmen.

Hat viel Arbeit vor sich und das Lachen dennoch nicht verlernt: Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD)
AP

Hat viel Arbeit vor sich und das Lachen dennoch nicht verlernt: Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD)

Domischs Zuhörer wären ihm sicherlich denkbar. Jeder von ihnen gehört mehr oder weniger zur Bildungselite des Landes: Wissenschaftler, Professoren, Lehrer und "Zeit"-Leser. Die Wochenzeitung aus Hamburg hat zum Symposium geladen, und das Publikum, so wird die anschließende Diskussion zeigen, hat für das deutsche Bildungssystem allenfalls Hohngelächter übrig. Viele, die mit ansehen mussten, wie der "Bildungssektor in Deutschland kaputtgespart wurde", haben sich in Galgenhumor geflüchtet.

Der besonnene Schwabe Domisch könnte sich Freunde machen, indem er verbal auf das deutsche Bildungswesen eindrischt. Doch das vermeidet er. Noch besser kommt es an, Lösungswege aufzuzeigen. Rund 50 Delegationen aus anderen Ländern hat Domisch schon die heile Bildungswelt des finnischen Modells erläutert, sie durch bestens ausgestattete Schulen geführt und bewiesen, dass "Förderung und Leistung unter dem Dach der Schule Platz haben". Weitere 50 Abordnungen hätten sich bis Ende des Jahres angekündigt, sagt Domisch.

Die Misere als Chance begreifen

Und das Verwunderliche: In Finnland selbst wüssten die meisten Menschen nicht einmal, was Pisa überhaupt ist. Anstatt sich mit dem Bestehenden aufzuhalten, konzentrierten sich die Experten auf die Weiterentwicklung von Bildung. "Bildung wird in Finnland eben nicht als Zustand erachtet, sondern als Prozess." Dazu passt, dass sich die dortigen Lehrer nicht strikt an die Vorgaben der Lehrpläne halten müssen; sie gestalten ihren Unterricht selbstverantwortlich und versuchen, die Jugendlichen zu fördern anstatt Auslese zu betreiben. Anders als in Deutschland werden schwächere Schüler daher "nicht nach unten durchgereicht".

Neben Domisch nickt Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) wissend. Auch sie ist schon nach Skandinavien gepilgert, um dem Erfolg der Pisa-Spitzenreiter auf die Spur zu kommen. Der Besuch in Europas Norden scheint ihr Hoffnung gemacht zu haben: Bulmahn wird nicht müde zu beteuern, dass die Pisa-Studie Deutschland die Chance biete, in einem gemeinsamen Kraftakt der Bildungsmisere zu entfliehen.

Was dann folgt, sind die üblichen Forderungen: Schüler sollten früher in den Genuss gezielter Förderung kommen, den Bildungseinrichtungen müsse mehr Eigenverantwortung übertragen werden, gleichzeitig sollten nationale Bildungsstandards den Schulen als Zielvorgaben dienen. Sie verlange keine Zuständigkeit des Bundes für die Schulen, sagt Bulmahn. Zentralismus sei fehl am Platze. "Wir müssen jedoch die Vergleichbarkeit von Bildungsstandards und Bildungschancen wieder herstellen."

Der weisen Ratschläge überdrüssig

Auch bei der Lehrerausbildung wünscht sich die Ministerin eine Kehrtwende. Lehramtsstudenten würden heute noch als Fachwissenschaftler betrachtet, die Kompetenz zur Vermittlung von Lehrinhalten spiele meistens eine untergeordnete Rolle. "Dabei", so Bulmahn, "wird man als guter Lehrer doch nicht geboren." Die Lehrer von morgen sollten praxisnah ausgebildet und deshalb bereits vom ersten Semester an in den Schulen eingesetzt werden.

Leseschwächen: Deutsche Schüler haben das Nachsehen
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Um beim nächsten Pisa-Test nicht noch weiter abzurutschen, müssten alle Bildungseinrichtungen verstärkt zusammenwirken. "Bei uns fehlt es an Kooperation. Universitäten und Schulen arbeiten zu häufig nebeneinander her", kritisiert Bulmahn und denkt dabei an finnische Schulen und Bibliotheken, die ihre Arbeit miteinander abstimmen. Auch die Eltern, so die Politikerin, sollten eingebunden werden; schließlich finde Bildung nicht nur in der Schule, sondern auch im Elternhaus statt.

Nach monatelangen Diskussionen über Pisa und die Folgen hat Bulmahn gelernt, ihrem Willen zu Veränderungen mit schönen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen. Wenn sie von "mehr Transparenz an den Schulen" spricht und dafür eintritt, Lehrer sollten häufiger an Fortbildungen teilnehmen und dies nicht als Zeichen ihrer Schwäche oder gar ihres Versagen begreifen, dann möchte an ihrem Engagement in der Sache kaum ein Zweifel aufkommen.

Dass sie allerdings auf die Frage aus dem Publikum, ob an Schulen dem Wissensmanagement nicht viel mehr Bedeutung beizumessen sei, mit einem allzu knappen "Das ist nötig" antwortet, lässt erkennen, dass sie der guten Ratschläge doch ein wenig überdrüssig ist.

Deutsche Schulen sind in Verruf geraten: Pisa-Note "mangelhaft"
GMS

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Edelgard Bulmahn scheint bemerkt zu haben, dass sich die nationale Bildungsdiskussion im Kreise dreht, so lange sich jeder plötzliche Schulexperte mit klugen Ratschlägen zu Wort meldet. Bildung ist in Deutschland noch immer ein Thema, bei dem jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kochen darf. Und auch wenn Berlins ehemaliger Wissenschaftssenator George Turner meint, die Zeit ideologischer Grabenkämpfe sei vorbei, so sind doch in der Debatte die inhaltlichen Konturen noch immer nicht klar erkennbar.

Liegen die Vorschläge erst einmal auf dem Tisch, werden sich die Politiker mancher Widerstände erwehren müssen. Das prophezeit auch der Mann aus dem finnischen Bildungsexil, Rainer Domisch. Als in Finnland Ende der sechziger Jahre ein neues Schulgesetz eingeführt werden sollte, berichtet er, sei der Proteststurm der Gymnasiallehrer losgebrochen. "Und die Fragen, die damals in Finnland diskutiert wurden, entsprechen exakt denen, die sich die Deutschen zurzeit stellen."

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