Bildungsmisere in Afghanistan Eine Schule ist erst der Anfang

Ab sofort müssen die Kinder von Char Gul Tepa nicht mehr in Schnee oder sengender Hitze im Freien lernen - endlich gibt es in ihrem afghanischen Dorf eine richtige Schule. Doch weil bisher nur Jungen zum Unterricht dürfen, brauchen die Mädchen ein zweites Schulgebäude.

Von


Fotostrecke

16  Bilder
Char Gul Tepa: Hurra, eine neue Schule
In Char Gul Tepa steht eine Traube von Kindern und Eltern vor dem Eingang der neuen Schule, rechts die Mädchen, links die Jungen. Sie halten selbst gemalte Pappschilder in die Luft: "Welcome Mr. Omer" steht darauf, und "Thank you for the School". Der Schuldirektor Ahman Ulla steht zwischen ihnen, hebt die Hände zum Klatschen und versucht die Kinder mit einem lautmalerischen "Tschak, Tschak!" ebenfalls zum Klatschen zu animieren.

"Mr. Omer" heißt eigentlich Omar Sayami, kommt aus Hamburg und ist Art Director bei SPIEGEL ONLINE. Die Schule, die hier heute eingeweiht wird, hat er geplant. Ein Jahr lang sammelte Sayami in Deutschland Spenden, um nun nach sechs Monaten Bauzeit diese Grund- und Mittelstufenschule dem afghanischen Dorf Char Gul Tepa nahe der tadschikischen Grenze schenken zu können. Hunderte Kinder sind zum Fest gekommen, auch die Dorfältesten und die Bauern haben sich eingefunden, Lehrer und Regierungsvertreter haben sich in Schale geworfen. Bunte Teppiche und Sitzkissen liegen vor der Schule, für die Ehrengäste gibt es sogar Stühle und Tische.

Omar Sayami und Architekt Lars Straeter schreiten die Reihen von Kindern ab und nehmen Blumen und Danksagungen entgegen. Kinder, Eltern, Lehrer und Politiker drängeln sich um die Spender, alle wollen Sayami wenigstens kurz zum Dank die Hand reichen. Sogar der Bildungsminister Sahid Faruk Omar hat sich heute die Ehre gegeben, dicht gefolgt von einem Team des staatlichen Fernsehsenders Kunduz TV.

Denn diesen Winter müssen die Schüler nicht mehr im Schnee hocken, und im nächsten Sommer brauchen sie nicht mehr in sengender Hitze im Freien Rechnen und Schreiben zu lernen. Mehr als 1000 Kinder und 17 Lehrer haben nun ein Dach über dem Kopf.

Nach Jahrzehnten zurück in einem zerstörten Land

Zur Feier des Tages hat der Schuldirektor die Lautsprecheranlage aus der Moschee ausgebaut und sie auf dem Dach der Schule montiert. So sollen alle im Dorf die Reden und Lieder hören können, sogar die Frauen, die zu Hause geblieben sind. Es werden Tee und Süßigkeiten gereicht, und allmählich findet jeder seinen Platz.

Seit einem Jahr sammelt Sayami Spenden für sein Projekt "Schulen für Afghanistan". Er lebte selbst bis zu seinem zwölften Lebensjahr in Afghanistan. Jahrzehnte später reiste der Art Director von SPIEGEL ONLINE in das zerstörte Land seines Vaters, um sein privates Hilfsprojekt zu realisieren - und fand das Dorf Char Gul Tepa, im Distrikt Qalay-i-Zal, dicht an der tadschikischen Grenze.

Char Gul Tepa, auf Deutsch "Vier-Blumen-Hügel", war auf der Prioritätenliste des Bildungsministriums für Schulneubauten, und nachdem Sayami auch noch den Architekten Straeter für das Ehrenamt gewonnen hatte, stand der Grundsteinlegung im Juli letzten Jahres nichts mehr im Weg.

Auf dem Dorfplatz will zur Einweihung der Schule jeder seinen Beitrag leisten. Die Abfolge der Reden ist streng hierarchisch eingeteilt: Eröffnen darf der Gouverneur, danach kommt der Bildungsminister dran. Doch als Spender Sayami als Dritter ins Mikrofon spricht, beschwert sich der Mullah: Man habe ihn vergessen. Wie seine Vorgänger dankt er für die Hilfe aus dem Ausland, und der Bildungsminister fügt hinzu: "In den entlegenen Provinzen wie dieser ist bisher vergleichsweise wenig geschehen. Deshalb ist diese Spende besonders wichtig."

"Alle Kinder haben die gleichen Chancen verdient"

Ein dringender Wunsch allerdings bleibt noch offen, und den spricht das Mädchen Latifa aus: Sie wünscht sich eine zweite Schule, diesmal für Mädchen. Die neue Schule in Char Gul Tepa dürfen nämlich nur Jungen besuchen - so war es bisher, so will es die Gemeinde auch zukünftig halten. Erst seit Januar 2003 gewährt die neue afghanische Verfassung Frauen dieselben Rechte wie Männern, und inzwischen geht nach Angaben von Unicef immerhin ein gutes Drittel aller Mädchen zur Schule. Doch ihre Zahl steigt nur langsam, denn es gibt zu wenige Schulen und Lehrerinnen, um die Kinder dem Glauben gemäß nach Geschlechtern getrennt zu unterrichten.

Omar Sayami respektiert die traditionelle Entscheidung der Gemeinde, nur Jungen in der gespendeten Schule zu unterrichten, auch wenn er gehofft hatte, dass in diesem Fall eine gemischte Schule zugelassen werden würde. Nun soll eine zweite Schule her. "Ich werde gleich nebenan auch eine Mädchenschule bauen", kündigte er an. "Alle Kinder haben die gleichen Bildungschancen verdient."

Der Bau des Schulgebäudes in Char Gul Tepa ist für Omar Sayami nur ein Anfang zur Sanierung des Bildungssystems. Zum einen, weil auch die Lehrer geschult werden müssen, um gut zu unterrichten. "Die Englischlehrer können kaum einen Satz formulieren", erklärt Sayami, denn nur wenige Lehrer durften in den vergangenen 20 Jahren unterrichten.

Auch Stühle, Tische, Tafeln, Stifte und Papier fehlen noch in der Schule. Zum anderen konnte der abgelegene Distrikt Qalay-i-Zal bisher kaum von den Geldern der Hilfsorganisationen in Afghanistan profitieren. Es gibt keine richtige Straße, keinen Strom, eine nur rudimentäre Wasserversorgung und bloß zwei Schulen für die knapp 50.000 Menschen in der Region.

Nach seiner Rede treten mehrere Dorfbewohner an Sayami heran und laden ihn in die Nachbargemeinden ein. Auch hier gibt es noch keine Schulen und viel Arbeit für Sayamis Initiative "Schulen für Afghanistan e.V."



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.